Sieben Heringe – Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben

„Ein Stück geronnene Zeit“

Eine große Stille herrscht immer wieder zwischen den Generationen. Besonders in Familien fällt es Menschen schwer, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Einen großen Schritt in die Richtung hat der Journalist Jürgen Wiebicke mit dem Buch „Sieben Heringe“ gewagt. Im Angesicht der Endlichkeit hat er das Gespräch mit seinem Vater und seiner Mutter gesucht. Während des gemeinsamen Erzählens ist es ihm letztlich gelungen, seine Notizhefte zu füllen.

Und mit dem Buch „Sieben Heringe“ lässt er nun nicht bloß tiefe Einblicke in die eigene Familiengeschichte zu. Er zeigt den Gegenwartsmenschen, wie bedeutsam die Erzählungen der Vorfahren für die eigene Lebensgeschichte sind. Es wirkt nicht nur so, dass er Geschichten weitererzählen will. Nein, er will Kontexte zu eigenen Lebenserfahrungen und Lebensvorstellungen herstellen.

Mit dem Buch ist ihm eine Meisterleistung gelungen. Es wird nicht nur Geschichte mit Geschichten erzählt. Er setzt eine Idee, wie Menschen unterschiedlichen Alters miteinander umgehen können. Natürlich kannte er wohl viele Berichte seiner Eltern schon, bevor sie am Kranken-und Sterbebett des Vaters und der Mutter ein weiteres Mal erzählt wurden. Dies nimmt ihnen nicht die Bedeutung für die Biographie Wiebickes.

Es sind gewöhnliche Geschichten, die Wiebickes Eltern erzählt haben. Sie sind Menschen gewesen, die ganz unterschiedlich das nationalsozialistische Deutschland und den zweiten Weltkrieg erlebt haben. Wiebicke hat ihnen auf den letzten Metern des Lebens mit seiner Rolle als Zuhörer und Dokumentar ihres Lebens eine angemessene Bedeutung gegeben. Die Eltern werden es, ob bewusst oder unbewusst, als letztes Geschenk ihres Sohnes empfunden haben.

Wiebicke zeigt immer wieder das Bemühen, aus der Distanz des Dokumentars auf die Lebensgeschichten der Eltern zu blicken. Doch es sind auch seine Geschichten, denen er nahe sein muss. Nüchternheit und Kühle sprechen nicht aus seinen Worten. Vielmehr zeigt sich eine Zugewandtheit und Wärme, die sich viele Menschen zum Ende ihres Lebens wünschen.

Die Antwort auf die Frage, warum er die vielen Erzählungen seiner Eltern aufschreibt, scheint ihm irgendwie schwer zu fallen. Er schreibt von einer „starken Intuition, dass das, was ich gerade mit ihr erlebe (der Mutter, der Rezensent), kostbar und zugleich natürlich unwiederholbar sein wird. Ein plötzlich weit geöffnetes Fenster, das sich schon bald unweigerlich schließen wird“ (S. 25) Bestimmte Geschichten könnten nicht mehr erzählt werden. Erinnerungsspuren verlören sich, es schrumpfe dramatisch zusammen, was künftig in der Familie überliefert würde.

Für die einen wird das Buch „Sieben Heringe“ eine Aufforderung sein, das Gespräch zwischen den Generationen nicht aus den Augen zu verlieren. Für andere wird es ein Zeichen dafür sein, was im eigenen Leben vergessen wurde. Oder auch anders formuliert: Es wird klar, dass der Alltag eine Besinnung auf das Wesentliche braucht.

Wiebicke erfüllt mit dem Buch keine Mission. Es scheint auf seinem eigenen Lebensweg ein Meilenstein zu sein, den es zu erreichen galt. Jede einzelne Seite sei ein „Stück geronnene Zeit“ (S. 25). Mit dem Blick auf die Mutter schreibt er, sie habe die Erfahrung gemacht, „dass auch das Leben von kleinen Leuten und von Frauen wichtige Zeitspuren enthält und überliefert zu werden lohnt“ (S. 26).

Ganz ehrlich, lieber Herr Wiebicke, ich ziehe den Hut vor Ihnen. Ein großartiges Buch.

 

Jürgen Wiebicke: Sieben Heringe – Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, ISBN 978-3-465-00012-2, 252 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen