Sich an menschlichen Werten ausrichten

Die große Vertreterin der (psychiatrischen) Pflege wird am 07. Juli 2021 Ruth Schröck 90 Jahre alt

Buchmesse 2019: Angelika Zegelin; Christel Bienstein, Monika Krohwinkel, Ruth Schröck und Hilde Schädle Deininger

„Der Ausgangspunkt für eine Definition der Krankenpflege muss dieser sein: Was für eine Hilfe braucht dieser Mensch jetzt, in dieser Woche, in absehbarer Zeit, um mit seinen alltäglichen Bedürfnissen physischer, psychischer und sozialer Art fertig zu werden? Was ist es, was er normalerweise in seiner Gesellschaft und in seiner Kultur selbst tun könnte, um alle diese Bedürfnisse zu befriedigen?“ (Ruth Schröck, 1977)

Ruth Schröck ist vielen Pflegenden bekannt, denn sie hat an der Entwicklung, Professionalisierung und Akademisierung der Pflegeberufe in Deutschland maßgeblich mitgewirkt und war die erste Professorin für Krankenpflege und Sozialwissenschaften in Osnabrück.  Ruth Schröck hat die in der inhaltlichen Diskussion immer von der Praxis hergedacht und gefragt: wie, was, wo und warum Pflege dies oder jenes tut und welche Vorteile ein Patient davon hat. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in Großbritannien und vor allem aus Schottland, hat sie Themen auf Tagungen referiert und ist dabei nicht stehen geblieben, sondern hat dies immer auf die Wirklichkeit der deutschen Verhältnisse gespiegelt und aufgefordert sich mit dem beruflichen Selbstverständnis und der pflegerischen Identität auseinanderzusetzen und in der Pflegebildung mehr zu verankern.

Ihre besondere Leidenschaft galt und gilt der psychiatrischen Pflege. Davon haben wir bereits ab den 1970er Jahren bei den Pflegetagungen in Deutschland in unterschiedlichen Konstellationen profitiert. Ganz selbstverständlich ist Ruth Schröck aus Edinburgh bzw. Dundee angereist, um uns in unseren Reformbemühungen und Diskussionen zu unterstützen. Ihre psychiatrisch-pflegerische Identität hatte und hat Vorbildcharakter.

Ruth Schröck und ich sind uns vor mehr als 50 Jahren zum  ersten Mal auf dem „Internationalen Heidelberger Kongress für Schwester, Pfleger und Sozialarbeiter in der Nervenheilkunde“ begegnet. Wir kamen ins Gespräch und sind bis heute in freundschaftlichem Kontakt geblieben. Als ich vor einiger Zeit mit Ruth Schöck im Telefonat  auf den Kongress zu sprechen kam, meinte sie, dass wir im Nachhinein gesehen als Berufsgruppe – zumindest die dort Anwesenden – schon ganz schön fortschrittliche Aspekte vertreten hätten wie z. B. die aktive Einbeziehung der Betroffenen in die pflegerische Zielplanung. Wir hätten zwar noch nicht von „Begegnung auf gleicher Augenhöhe“ gesprochen, aber von „partnerschaftlichem gemeinsamen Tun und Erleben“. Überlegungen, wie auch Angehörigen auf den Stationen mehr Gehör verschafft werden kann und ihre Situation im Hinblick auf das Krankheitsgeschehen ernst genommen wird, waren zentrale Überlegungen.

Die Interdisziplinarität des Kongresses war eine weitere Besonderheit. Gerade von den Kolleginnen aus Großbritannien wurden chronisch psychisch erkrankte Menschen mit dem Recht auf freie Entfaltung und Würde in den Mittelpunkt gestellt und gegen Aussonderung votiert. Schon damals hat Ruth Schröck beklagt, dass die psychiatrische Pflege zu wenig ihr Tun beforscht und somit praktisch nicht die Wirkung und das Tun der Pflege wissenschaftlich sichtbar machen und belegen kann.

Ruth Schröck hat immer vermittelt, dass professionelle Pflege sich ihres politischen Auftrags bewusst sein, sich an menschlichen Werten ausrichten und an humanen Lösungen beteiligen muss. Das bedeutet, dass professionelle Pflege Stellung beziehen und zukunftsorientiert denken muss, geprägt von einer Grundhaltung, die den von Krankheit betroffenen Menschen in den Mittelpunkt stellt und sich ihm und seinen Angehörigen verpflichtet und die fachliche Expertise zur Verfügung stellt.

Die Anregungen und Verdienste sollen die Beispiele die zahlreichen Ehrungen plastisch werden, die Ruth Schröck zuteilwurden und welche Bedeutung sie für die professionelle Pflege hat: 1988 Ehrenmitglied der Nursing Studies Association of the University of Edinburgh; 1997 Ehrenmitglied des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK); 1998 Ehrendoktorat (Doctor of Letters – Dlitt) der University of Glamorgan, Wales; 1999 Ehrenmitglied des DV Pflegewissenschaft (jetzt Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft); 2001 Medaille der Robert Bosch Stiftung; 2005 Ehrendoktorat (Doctor of Science in Social Science – DSc) der University of Edinburgh; 2007 Ehrendoktorat (Dr. rer. medic. hc.) der Universität Witten/Herdecke; 2017 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland.

Herzlichen Glückwunsch, weiterhin alles Gute, vor allem Wohlbefinden und dass Dein Wunsch von der Insel aufs Festland zu kommen und Besuche machen zu können, sich in absehbarer Zeit verwirklichen lässt!

Wer mehr über Ruth Schröck und ihr fruchtbares Wirken erfahren will, dem sei die Lektüre des Bandes „Ruth Schröck – Es gibt keinen Grund, nichts zu tun“ empfohlen:

Ruth Schröck – «Es gibt keinen Grund nichts zu tun» – Hogrefe Verlag

Über Hilde Schädle Deininger 6 Artikel
Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Lehrerin für Pflegeberufe, Fachautorin, Dipl. Pflegewirtin (FH), Dozentin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung Pflegender

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