Sexualität und Menschen mit Demenz

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Sexualität ist in diesen Jahren kein Tabuthema mehr. Unzählige Plakate von halb nackten Menschen zieren unsere Zivilisation, Internet-Porno-Kanäle haben Hochkonjunktur und die Sexshops sind schon lange kein Treff mehr für einsame wollüstige Männern. Frauen suchen über APPs genauso oft Sexualpartner, wie das andere Geschlecht und Seitensprungagenturen erfreuen sich an steigenden Aufträgen.

Dennoch gibt es eine Grenze, wo es für die meisten auf einmal komisch wird. Viele haben ihre Eltern in jungen Jahren schon einmal beim Sex erwischt. Wie ist es aber mit ihren Großeltern? Wissen sie auf welche Stellungen ihr Opa steht oder wie viele Seitensprünge die Großeltern hatten? Wie stehen ihre Eltern zur oralen Befriedigung? Hier ist für die meisten Menschen auf einmal eine klare „Das will ich gar nicht wissen“-Linie bis hin zu Ekel. Doch warum ändert sich die Offenheit des Jahres 2019 zu einem Tabuthema, wenn es um alte Menschen und Sexualität geht? Wie ist es dann erst, wenn wir über Sexualität und Menschen mit Demenz sprechen? Wie reagiert man als Pflegeperson in einem Pflegeheim, wenn es zu einem solchen Thema kommt?

Der Wunsch nach Zärtlichkeit und Sexualität verändert sich zwar mit dem Älterwerden, er bleibt aber keinesfalls aus. Es sind die Gefühle, die uns bis zu unserem Lebensende begleiten. Dies ändert sich auch nicht bei der Diagnose Demenz. Oft ist das Gegenteil der Fall. Wenn Menschen ihre Hemmungen oder gesellschaftlichen Richtlinien einfach vergessen und nur noch ihrem Herzen folgen, dann ist Sexualität und Zärtlichkeit eventuell sogar ein sehr großes oder spontanes Thema.

Je mehr die Demenz fortschreitet, desto mehr wird die Person mit Demenz zum Gefühlsmenschen. Die Person mit Demenz sucht nach vertrauensvollen Beziehungspartnern, die ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht nur wahr- und ernst nehmen, sondern sie auch erfüllen können (Weissenberger-Leduc, 2009). Trotz allem wird Sex bei Älteren, egal ob dement oder nicht dement, häufig als grotesk angesehen. Dabei wissen wir, dass reguläre sexuelle Aktivitäten auch in der siebten und achten Lebensdekade bestehen bleiben. Selbst wenn die sexuelle Aktivität bei Hochbetagten abnehmen, das sexuelle Interesse tut dies in der Regel nicht (Schwenke, 2018).

Wenn man Lust auf Sex hat, dann will man es JETZT und nicht, wenn es in den Kram der anderen passt. Die Kopfhürde spielt dann auf einmal keine Rolle mehr. Warum auch nicht? Müssen Paare durch die Pflegebedürftigkeit keine sexuellen Erlebnisse mehr haben? Muss der Playboy von gestern auf einmal ein asexuelles Leben in einer Pflegeeinrichtung führen, obwohl er ein Leben lang dem anderen Geschlecht hinterher gejagt hat? Vor allem, wie wollen sie es diesen Personen klar machen? „Über Sexualität redet man nicht.“ Mit dieser Einstellung werden die hochbetagten multimorbiden Patienten mit ihren Sorgen allein gelassen (Weissenberger-Leduc, 2009).

Allerdings ist unstrittig, dass es bei Menschen mit Demenz bisweilen zu sexuell auffälligem Verhalten kommt, das den Partner oder auch das Pflegeteam stark belasten kann (Schwenke, 2018). „In der Pflege möchte man «damit» eher nichts zu tun haben, … «Es» stört den normalen Ablauf und – vielleicht noch viel bedeutender – zwingt die Pflegekraft, sich mit den eigenen Vorurteilen, der eigenen (In-) Toleranz und auch der eigenen Sexualität auseinander zu setzen.“ beschreibt Elaine White in ihrer Publikation im Jahre 2013. Dies bestätigt auch Mahlberg und Gutzmann (2009), die in ihrer Publikation ganz klar definieren, dass es keine ausreichende Kompetenz in unseren Pflegeheimen im Umgang mit solchen Situationen gibt. In vielen Fällen reagieren Pflegepersonen sogar nicht ihrer Professionalität entsprechend. Hier beschreibt Richard (2008) die Reaktionen der professionellen Pflege mit „… Totschweigen, Abwerten der betreffenden Person, Einschließen, Verlegen, Sedieren, Fixieren. Sie werden insbesondere dort beschritten, wo jede Pflegekraft auf sich allein gestellt bleibt ….“ Dies ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass dieses Thema kaum oder nicht adäquat in den Ausbildungen behandelt wird.

Es ist aber auch kein leichtes Thema für Pflegepersonen in Einrichtungen. Wenn ein Paar mit Demenz Sex haben will, muss ich es dann ins Bett transferieren, damit es dort zu einem Sexualakt kommt? Wie dokumentiere ich das Ganze? „Rücktransport ins Bett für einen sexuellen Akt“? Was ist, wenn die beiden einen sexuellen Wunsch haben, zum Beispiel eine Stellung, die sie ausprobieren wollen, dies aber nicht mehr ohne Unterstützung geht? Mobilisiere ich dann die beiden in die richtige Position? Muss ich das wirklich tun und wie dokumentiere ich das? „In 69 Position zur oralen Befriedigung mobilisiert“? Schon jetzt werden sich einige Leserinnen und Leser denken „Oh mein Gott, wie grausig dieser Gedanke“, doch hiermit erkennen sie nur ihren eigenen Umgang mit Sexualität. Das dies kein leichtes Thema ist, sollte jedem klar sein. Hier stoßt man ganz klar an seine persönlichen Grenzen und der eigenen Biografie. Hierbei sollte jeder seine Grenzen kennen und eine andere Pflegeperson einbeziehen, bevor man sich in Situationen hineindrängen lässt, die man durch die eigene Moral oder Religion nicht vertreten kann. Noch komplexer wird die Situation, wenn es sich nicht um ein Paar handelt, sondern einem einzelnen Menschen mit Demenz, der diesem körperlichen Wunsch nachkommen will. Auch Alleinstehende haben das Recht ihre Bedürfnisse auszuleben, soweit dadurch die Rechte und Wünsche anderer nicht verletzt werden. Pflegende und Angehörige müssen dies berücksichtigen, auch wenn es ihnen oft schwerfallen mag.

Richtig schlimm wird es, wenn die Thematik von Medien und einzelnen Personen benutzt wird, wieder einmal im Rampenlicht zu stehen oder gegen die Pflege zu gehen, wie es vor kurzem in Österreich der Fall war. Ein hochsensibles Thema wird in ein falsches Licht gerückt, um wieder Schlagzeile zu machen. Anstatt sich mit der eigentlichen Thematik „Sexualität und Menschen mit Demenz“ zu beschäftigten, wurde hier ganz klar gegen Einrichtungen mobil gemacht.

„Dass Sexualität mit Wohlbefinden und Lebensqualität zu tun hat, zeigen Studien, die bewiesen haben, dass, wenn hochbetagte multimorbide Patienten mit Demenz ihre Bedürfnisse decken können, sie erstens länger leben und sie zweitens weniger Medikamente brauchen.“ (Weissenberger-Leduc, 2009)

Dabei wäre die Antwort so leicht. In den Niederlanden gibt es schon seit langen eine Leitlinie zum Thema Sexualität und Demenz. Hier nutzt man Materialien wie Sexpublikationen, entsprechendem Spielzeug, Sexualbegleiter und Prostituierten. Doch in Österreich ist das gar nicht so einfach. In der Steiermark gab es einen Lehrgang Sexualbegleitung, die durch Streicheleinheiten und Kuscheln die Leute in ihrem Alltag begleiteten. Dies ist in vielen Ländern ein wichtiger und essentieller Beruf, wenn es um Sexualität geht. In Österreich wurde der Kurs nach einiger Zeit in der Steiermark aber abgeschafft, da die österreichische Gesetzgebung vorsieht, dass man sich für diesen Beruf als Prostituierte melden muss, obwohl es weder zum Oralverkehr, noch zum Beischlaf kommt. Dies kann nicht der richtige Weg sein.

Ja, es ist kein einfaches Thema. Um die sexuellen Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner zu verstehen, bräuchte es zur normalen Biografiearbeit auch eine Sexualbiografie. Doch wie wollen sie diese Informationen bei Personen mit Demenz erarbeiten? Beziehen sie die Angehörigen mit ein, kommen sie genau zu diesem Tabu, mit dem wir den Artikel eingeleitet haben: „Will ich wirklich wissen, welches Sexualleben meine Eltern oder Großeltern haben.“ Pflegepersonen erleben bei der Lösung „Sexualbiographie“ nicht nur ihre eigenen Grenzen, sondern auch die der Angehörigen (Sydow von K, 1996).

Abschließend ist zu sagen, das wir uns in den nächsten Jahren damit wesentlich mehr auseinander setzen müssen! Die jetzigen Generationen in Pflegeheimen haben in jungen Jahren ihre Sexualität oft hinter verschlossenen Türen ausgelebt. Wie wird es aber sein, wenn unsere jungen Menschen, die mit YouPorn, Tinder und mit einem anderen Themenumgang groß geworden sind, diese Bedürfnisse im hohen Alter neu erleben? Spätestens dann müssen wir neue Wege und Handlungsoptionen in der Tasche haben.

Literatur

Mahlberg, Gutzmann (2009): Demenzerkrankungen: erkennen, behandeln und versorgen. Deutscher Ärzteverlag

Schwenke, S. (2018): Sexualität bei Demenz – oft gesund, manchmal gestört, fast immer tabu. In: Geriatrie-Report, Vol. 13, Issue 4, S10-11

Sramek, G. (2016) Recht auf Sexualität. Beispiele aus der Praxis. In: Kojer M., Schmidl M. (eds) Demenz und Palliative Geriatrie in der Praxis. Springer, Vienna

Sydow von, K. (1996): Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen. In: Der Psychotherapeut, Vol. 41, Issue 4. S266

Weissenberger-Leduc, M. (2009) Sexualität. In: Palliativpflege bei Demenz. Springer, Vienna

White, E. (2013): „Sexualität bei Menschen mit Demenz“. Huber Verlag, Bern

 

Markus Golla
Über Markus Golla 5247 Artikel
Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Studiengangsleitung (FH) und Vortragender im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege, Kommunikation & Projektmanagement, Pflegewissenschaft BScN (Absolvent UMIT/Wien), Kommunikationstrainer & Incentives-Experte, Masterstudent Pflegewissenschaft (UMIT/Hall)

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