Sexualität im Maßregelvollzug aus pflegerischer Sicht

(C) andyller

Petra arbeitet schon einige Jahre im Maßregelvollzug. Sie gehört zu den Pflegenden, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt. So auch vor kurzem, als ein Untergebrachter sie wegen ihrer Kleidung im Visier hatte. Sie gehört eigentlich zu denjenigen, die darauf achten, dass durch die getragene Kleidung Distanz deutlich wird. Es ist sehr warm gewesen. Sie hat es gewagt, sehr luftige Kleidung zu tragen. Die Unterwäsche ist sichtbar gewesen. Für einen Untergebrachten ist es gleich Anlass gewesen, sie darauf anzusprechen: “Mensch, Petra, Sie sind doch sonst zugeknöpft. Wieso tragen Sie plötzlich ein Spaghetti-Top? Durch die weiße Hose ist Ihr nettes Höschen zu sehen.”

Auf den ersten Blick wirkt es irritierend, das seine scheinbar alltägliche Situation für Verwunderung sorgt. Wenn im Maßregelvollzug eine solche Situation auftaucht, so stellt sich natürlich unmittelbar die Frage nach der Kontextualisierung. Äußert sich ein Mensch, der im Zusammenhang mit seiner Erkrankung eine Sexualstraftat begangen hat, so kann dies ein deutliches Signal sein. Fällt es dem Untergebrachten schwer, ihm vertraute, aber sozial unangepasste Verhaltensmuster zu unterlassen? Ist ein solches Geschehen ein Zeichen dafür, dass der helfenden Person die Sensibilität fehlt? Schließlich ist der Gang zur Arbeit in der Maßregelvollzugsklinik kein Ausflug in den sommerlichen Biergarten.

Das Praxisbeispiel mit Petra macht deutlich, dass der Teufel im Detail stecken kann. Sexualität ist für fast jeden Menschen ein dauerndes, ständig wiederkehrendes Thema. Die lebendige Kraft im Menschen macht vor der forensischen Psychiatrie keinen Halt. Sexuelle Triebe sind auch dort eine Selbstverständlichkeit. So wundert es nicht, dass im Umgang mit der Sexualität die Kleidung der Mitarbeitenden ein Thema sein kann, das diskutiert und reflektiert werden sollte.

Sind Pflegende im beruflichen Alltag geschlechtslose Wesen? Ist es legitim, die Kleiderordnung in einem Berufsfeld sprichwörtlich bis auf die Haut vorzuschreiben? Wo bleibt die Individualität von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? Die Erfahrung, die Petra gemacht hat, provoziert eine Vielzahl von Fragen. Schließlich wird etwas sehr Persönliches angesprochen. Menschen, die in der forensischen Psychiatrie arbeiten, arbeiten milieutherapeutisch. Dies bedeutet, dass sie keine uniforme Berufskleidung tragen. Sie treten im Alltag als Subjekte auf, die sich nicht hinter der Dienstkleidung verstecken können. Ihnen fällt es schwerer, eine Rolle zu spielen. Als Person werden sie allein schon deshalb wahrgenommen, weil sie sich individuell kleiden.

Für Berufe, die auf der einen Seite eine bestimmte Form der Distanz erfordern, auf der anderen Seite jedoch Schamgrenzen überschreiten und Intimität oft schonungslos erzwingen müssen, entsteht eine besonders ambivalente Weise erotischer Spannung. „Erotik manifestiert sich folglich am deutlichsten dort, wo Förmlichkeit und Intimität sich kreuzen.“ (Alain de Botton, 2012, 44) Es muss in psychosozialen Handlungsfeldern eine festgelegte Förmlichkeit eingehalten werden, um das Gegenüber zu schützen, und gleichzeitig entsteht erst hierdurch eine besondere erotische Spannung.

Der Maßregelvollzug ist meist eine männliche Welt. Dies garantiert ein oft chauvinistisch geprägtes Verständnis von Sexualität und Körperlichkeit. Wenn sich in dieser männerdominierten Welt Frauen bewegen, müssen sie sich nicht nur der Tatsache bewusst sein. Sie müssen auch schlagfertig Antworten auf Situationen und Fragen parat haben, die einen eigenen bodenständigen Charakter zeigen.

Haben Sie schon einmal einen Krankenpfleger als Hauptdarsteller in einem Sex-Film gesehen? Dies erscheint nahezu unmöglich. Die Bilder von Frauen, die im Maßregelvollzg präsent sind, bestätigen viele erotische Muster, bei denen sich Frauen eher als Objekt empfinden. Diese Rolle muss sicher auch weibliche Pflegende reflektieren, die sich in der forensischen Psychiatrie tummeln. Sie haben ja auch eher mit Muskelarbeitern zu tun, die vor Kraft strotzen. Eine freizügig gekleidete Pflegende provoziert nicht zwingend dadurch, dass sie Einblicke gewährt, sondern vielmehr durch die Projektion des Schauenden. Sexualität spielt sich zwischen den Ohren ab.

Häufig müssen die Untergebrachten der Projektion freien Lauf lassen. Die Pflegende signalisiert, dass eine Körperlichkeit in ihrem Leben eine Bedeutung hat. Der seelisch erkrankte untergebrachte Mensch hat den Sinn für die Körperlichkeit oft hinter sich gelassen. Die unterbleibende Körperpflege ist nur ein Zeichen für eine breiter praktizierte Vernachlässigung der Körperlichkeit.

Kleidung ist konkreter Ausdruck von Individualität, der auch sexuelle und erotische Komponenten enthält. Sie gehören zum einzelnen Menschen, machen ihn aus und sind immer ein Teil seiner Identität. Eine ganzheitliche Betrachtung der Arbeit in psychosozialen Feldern kann sich nicht nur auf den Anderen beziehen, sondern muss auch die Befindlichkeit und Persönlichkeit der professionell Handelnden in den Blick nehmen. Was dies für die Arbeit im Maßregelvollzug heißen kann, muss individuell bedacht sein.

Spielregeln müssen in einer sozialen Gemeinschaft eingehalten werden und auf Seiten der Professionellen gibt es eine besondere Verantwortung dafür, nicht nur die eigene Befindlichkeit zu beachten, sondern auch das Ganze im Blick zu haben. Eine Spielregel ist es deshalb, dezente Kleidung zu tragen, die sich eher fernab der Weiblichkeit und Männlichkeit bewegt. Dies kommt zwar einer „natürlichen“ Beziehung näher, lässt aber meist das Spielerische in der Kleidung hinter sich.

Es erscheint als leicht, diesen Gedanken zu folgen. Die Praxis in der forensischen Psychiatrie zeigt immer wieder, dass es viele Gestaltungsräume zur eigenen Reflexion braucht. Sexualität in der forensischen Arbeit hat viel auch mit Fragen um die eigene Körperlichkeit und die eigene Scham zu tun. Apropos Scham: „ … wird über kaum eine Empfindung so wenig gesprochen, gesungen, diskutiert, entwickeln wir in kaum einem Bereich unserer Ausdrucksfähigkeit so ausgeklügelte Verbergungsstrategien wie beim Schamgefühl. Immer brillantere Methoden der Verkleidung, der Umlenkung und der Maskierung hat der Mensch im Lauf der Geschichte ersonnen, um dieses belastende Gefühl zu vermeiden, zu verbergen, zu regulieren oder nach dem Desaster der Beschämung zurück in ein Gleichgewicht zu finden … Scham ist deswegen vielleicht die am meisten unterschätzte Kraft der Menschheitsgeschichte” (Briegleb, 2009, S. 9).

Kennen Sie Scham? Welche Momente gibt es, in denen Sie sich beschämt fühlen? In welchen Situationen kennen Sie Momente der Schamhaftigkeit? Brieglebs Behauptung, dass Scham die am meisten unterschätzte Kraft sein könnte, wirkt wahrscheinlich. Ebenso wahrscheinlich ist es sicher, die Sexualität als am meisten überschätzte Kraft des menschlichen Lebens anzusehen. Der Mensch hat das Verlangen nach Privatheit. Nirgendwo im menschlichen Leben scheint dies notwendiger zu sein als bei der eigenen gelebten Sexualität. Die wenigsten Menschen haben einen Drang sich exhibitionistisch zu exponieren, wenn sie mit Partner oder Partnerin sich ausleben.

Mit den Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht sind, ist es nicht anders. Sie leben jedoch in einer verzwickten Situation. Die Unterbringung sorgt dafür, dass sie eine sehr begrenzte Form der Sexualität leben können. Sie können sich selbst befriedigen. Sie haben in einer Lebensgruppe, die meist vom eigenen Geschlecht bestimmt ist, die Möglichkeit zu homosexuellem Leben. Schwierig ist in diesem Kontext schon, ob die Vollzugseinrichtung im Allgemeinen oder das therapeutische Team im Besonderen dies tolerieren. Sie haben die Möglichkeit, Magazine zu bestellen, erotische Literatur zu lesen oder sich pornographische Filme zu besorgen, die ihnen letztendlich jedoch begrenzte Möglichkeiten bieten. Begegnungsräume, in denen Partnerinnen und Partner bei Besuchen die Möglichkeit haben, sich zu körperlich – sexuell zu begegnen, sind bekanntlich eher rar gesät.

Schamgefühle sind Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht sind, nicht fremd. Sie müssen ihre Privatheit aufgeben, um ein Minimum an persönlicher Freiheit zu gewinnen. Was für den professionell Tätigen selbstverständlich erscheint, ist für den untergebrachten Menschen eine große Hürde. Er oder sie darf keine Privatheit haben, muss jede Fassade und jede Maske aufgeben. Welche Wirkung dies subjektiv auf einen Menschen haben kann, mag sich jeder in einer stillen Stunde selber überlegen.

Der im Maßregelvollzug untergebrachte Mensch ahnt, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter um seine inneren Wünsche weiß. Dies alleine reicht zu beschämenden Gefühlen. Erlebt er sich als verunsichert, so trägt er möglicherweise die Angst in sich, bei der nächsten, sich ergebenden Gelegenheit einen Spruch aus dem Mund eines Mitglieds des therapeutischen Teams zu hören, der für Wunden sorgt.

Von Schamängsten schreiben die Psychoanalytiker, wenn ihnen solche Erfahrungen von Klientinnen und Klienten begegnen. Folgerichtig führen diese Schamängste zu gebremsten individuellen Lebenskräften. Viel schlimmer noch: Die Schamängste zeigen sich in anderen Situationen in gleichem Maße und hemmen den Menschen, der eigentlich an die eigenen Ressourcen herankommen sollte. Gehemmte Ressourcen führen zu Zurückhaltung in Beziehungen und bewegen sich möglicherweise in Aggressionsspiralen.

Menschen, die in der forensischen Psychiatrie arbeiten, können sich zurücklehnen. Sie dürfen stets von draußen auf dieses Geschehen schauen. Wie ein Fußballfan in der Arena können sie lächeln oder klatschen, kommentieren oder schimpfen und sich stets als Überlegene erleben. Diese Überlegenheit hat jedoch die Gefahr zur Folge, dass Arroganz und Kälte in der professionellen Beziehung immer mehr Raum ergreift.

„Die Problemfelder der Sexualität hängen ganz von der persönlichen Geschichte der Betroffenen ab, von den Schwierigkeiten, die er oder sie hat, sich dem Anderen zu nähern und ihn näherkommen zu lassen“, schreibt Michaela Marzano in der „Philosophie des Körpers“ (Marzano, 2013, 124). Sich in der pflegerischen Arbeit auch als Mensch mit einer eigenen Sexualität zu verstehen, bedeutet die Betonung der eigenen Souveränität. Eine weibliche Pflegekraft braucht möglicherweise die ansprechende Unterwäsche, um sich selber noch als Frau zu fühlen. Vielleicht hat sie eine Ahnung davon, dass die deformation professionelle (die Angleichung an die im jeweiligen Beruf üblichen Normen und Gewohnheiten) auch ihr privates Sexualleben und ihr Körperempfinden negativ verändern könnte.

Nacktheit

Was heißt denn Nacktheit? In einem pflegerischen Beruf ist das Entblößen einseitig. Menschen, die Hilfe bei der täglichen Hygiene brauchen, ziehen im Badezimmer eines Wohnheims oder einer Klinik blank. Dem pflegenden Menschen drängt sich die Nacktheit auf. Dabei muss es dem pflegenden Menschen egal sein, wie attraktiv das Gegenüber empfunden wird oder wie schwierig es für den Einen oder die Andere ist, einen von den Jahren oder von Behinderungen gezeichneten Körper zu pflegen. Die Antwort auf die nackte Provokation muss funktional sein.

Im Maßregelvollzug begegnet dem Pflegenden Nacktheit selten. Die Menschen sind in der Regel fit genug, sich selbst zu versorgen. Es mag dahingestellt sein, ob dies immer gelingt. Auf Nacktheit treffen Pflegende, wenn sie die untergebrachten Menschen bei der Selbstbefriedigung antreffen.

„Die Problemfelder der Sexualität hängen ganz von der persönlichen Geschichte der Betroffenen ab, von den Schwierigkeiten, die er oder sie hat, sich dem Anderen zu nähern und ihn näherkommen zu lassen“, schreibt Michaela Marzano in der „Philosophie des Körpers“ (Marzano, 2013, 124). Sich in der pflegerischen Arbeit auch als Mensch mit einer eigenen Sexualität zu geben bedeutet die Betonung der eigenen Souveränität.

Der erotische Blick eines Gegenübers im Maßregelvollzug kann mit einer gewissen Schlagfertigkeit beantwortet werden. Aus dieser Schlagfertigkeit heraus gewinnt die Interaktion eine positive Dynamik, die für alle Beteiligten ein Win-win-Situation herstellt. Es sei doch so, dass Moden, Farben und Stoffe bei Menschen eine Saite zum Schwingen bringen, die sie aufblühen lasse, schreibt Schützendorf (Schützendorf, 2005, 25).

Was haben diese Gedanken mit dem Alltag in einem pflegerischen Handlungsfeld zu tun? Der Pflegenden, die sich ansprechend präsentiert, entscheidet sich deutlich, kein Neutrum zu sein. Von Pflegenden wird dies im Zusammenhang mit der Bestimmung des Nähe-Distanz-Verhältnisses zwischen Pflegenden und Gepflegten eingefordert. Glaubt man dem Philosophen Wilhelm Schmid, so ist dem Körper unbedingt etwas zuzusprechen: „Die Frage, ob es Rechte des Körpers gibt, lässt sich einfach beantworten, indem sie ihm vom Selbst für sich zugesprochen werden: Recht auf Aufmerksamkeit, Recht auf Pflege, Recht auf das Bemühen um eine exzellente Verfassung, Recht jedoch auch auf Schonung, die einer Ausbeutung des Körpers Grenzen zieht.“ (Schmid, 2004, 173)

Die Tatsache, sich als Pflegende durchaus als Mann oder Frau zu fühlen, spricht dafür, sich der Selbstsorge zu verschreiben. Die Selbstsorge ist eine Voraussetzung dafür, dass sich ein Mensch auch um Fremde sorgen kann. Wer sich gegenüber aufmerksam ist, der blickt auch mit einer größeren Sensibilität auf den anderen Menschen. Wer Tag für Tag mit Waschlappen Frauen und Männer pflegt, der steht in der Gefahr, dass der Sinn für die Körperlichkeit verlorengeht.

Nach Schmid lässt sich Wellness als eine „Kunst der Berührung“ konkretisieren. Die Sinnlichkeit des Selbst werde durch ein inszeniertes Fest des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens, aller Sinne also, wieder entdeckt (Schmid, 2004, 184). Aufgabe der Wellness sei es, „den Rhythmus von Anspannung und Entspannung, die vielleicht verloren worden ist, wieder in Kraft zu setzen“ (Schmid, 2004, 184). Denn Rhythmen seien es, die das Leben trügen (Schmid, 2004, 184). Menschen, die kurzzeitig oder längerfristig pflegebedürftig sind, sie haben die eigenen Rhythmen teilweise oder vollständig verloren. Wiederfinden können sie diesen Rhythmus, wenn die Pflegenden sie auch als geschlechtliche Wesen wahrnehmen.

Das Wieder-Erspüren des Rhythmus kann natürlich als Zuschauer gelingen. Der pflegebedürftige Mensch beobachtet, wie die junge Frau und der junge Mann, die ihn versorgen, miteinander flirten. Es kann Spaß machen, in das Geschehen einbezogen zu sein. So kommt es zu dem einen oder anderen Geheimnis, das im täglichen Einerlei für eine gewisse Spannung sorgt.

Svenja Flaßpöhler macht sich Gedanken über „die potente Frau“. Sie beschäftigt sich mit den Neuen Phänomenologen. Der Körper sei phänomenologisch gesehen das, „was wir von außen beobachten können“ (Flaßpöhler, 2018, 35). Er lasse sich einordnen, messen, medikamentieren, heilen (Flaßpöhler, 2018, 35). Der Leib hingegen sei das, was von innen wahrgenommen werden könne. Er bezeichne das subjektive Gefühl, in einer ganz bestimmten Haut zu stecken (Flaßpöhler, 2018, 35). Diesen Gedanken folgend bleiben Pflegende mit dem Blick auf die gepflegten Körper sprichwörtlich im Morast stecken. Pflegende sorgen sich um das Vordergründige, unmittelbar Faßbare.

Deshalb fällt es Pflegenden im Maßregelvollzug schwer, sich mit den Untergebrachten über Fragen der Sexualität und Körperlichkeit zu unterhalten. Sie können sich nur schwerlich als Mann und Frau zu begegnen. Was Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheide, sei die unbestreitbare Exklusivität ganz bestimmter, leiblich gebundener Erfahrungen sowie die faktische Unmöglichkeit, sich den Erfahrungsraum des jeweils anderen Geschlechts vollständig zu erschließen (Flaßpöhler, 2018, 37).

Für Pflegende bleibt es jedoch eine Verpflichtung, sich selbst immer wieder für die Körperlichkeit und Leiblichkeit des Menschen zu sensibilisieren. „Weil sie noch immer in einer Welt aufwachsen, in der sie lieber gefallen als bestimmen wollen und in der der männliche Blick wichtiger als der weibliche Wille ist, Weiblichkeit entsteht noch immer aus dem Blickwinkel des Mannes, und während die Frau seine Bestätigung sucht, entsteht die chronische Verunsicherung ihres eigenen Körper-und Selbstwertgefühls“ (Konrad, 2017, 347). Es mag sich jede(r) überlegen, inwieweit die Ist-Zustand-Beschreibung der Psychotherapeutin Sandra Konrad zutrifft.

Das subjektive Empfinden des im Maßregelvollzug untergebrachten Menschen steht im Vordergrund jeder Überlegung zu Körperlichkeit und Sexualität in der psychiatrisch-forensischen Arbeit. Derjenige, der bei der Selbstbefriedigung gestört wird, fühlt sich ertappt. Das rot anlaufende Gesicht kann nur als dezentes Zeichen der Beschämung gedeutet werden. Jeder vermeintliche Profi mag sich die Frage stellen, inwieweit er oder sie sich in der persönlichen Integrität verletzt fühlt.

Der im Maßregelvollzug untergebrachte Mensch hat seinen Anspruch auf seinen persönlichen Raum, in dem er sich nach eigenem Gusto entfalten mag. Vorstellbar ist, dass er sich an einem heißen Sommertag spärlich angezogen oder unbekleidet in seinem Zimmer bewegt. Was für den psychiatrisch Tätigen in den heimischen vier Wänden als Selbstverständlichkeit gilt, findet im stationären Kontext keine Akzeptanz.

Nacktheit und Sexualität werden in alltäglichen Situationen als selbstverständlich bezeichnet. Gibt es im stationären Alltag ein Ereignis, das Grenzen überschreitet, so führt dies zu unerwarteten Reaktionen. Bis hin zu hysterischen Anfällen gibt es eine Bandbreite von Emotionen, die tief in die Seelen der Mitarbeitenden blicken lassen. Die Souveränität, die dem im Maßregelvollzug untergebrachten Menschen nicht zugestanden wird, ist selbst bei den vermeintlichen Profis nicht mehr spürbar.

Es ist die Gelegenheit, die Begriffe der Entblößung und der Verhüllung anzusprechen. Die nackte Haut zeigt den Menschen in seiner Natürlichkeit und Eigentlichkeit. Was sich in der Seele und dem Körper des psychiatrie-erfahrenen Menschen abspielt, bildet sich an der Oberfläche des Körpers ab. Wer sich unverhüllt präsentiert, lässt den unverhohlenen Blick auf sich zu. Anders scheint dies mit Menschen zu sein, die den Körper verstecken. Die Tätowierung kann als Versteckspiel, vielleicht auch als Inszenierung des eigenen Körpers verstanden werden. Derjenige, der die Tätowierung trägt, möchte in einem bestimmten Licht erscheinen.

Was unbedingt sein sollte, was unbedingt diskutiert werden sollte

Bei der Abwägung der Gestaltungsräume von Sexualität im forensisch-psychiatrischen Kontext ist sicher immer abzuwägen, ob der untergebrachte Mensch ein Sexualdelikt begangen hat. Gleichzeitig stehen das Empfinden und die Ansichten der untergebrachten Menschen zur Sexualität im Blickpunkt. Wer ein Vergewaltigungsdelikt hinter sich hat, muss sicher damit rechnen, dass sein Wunsch nach Sexualität mit Frauen eher zögerlich stattgegeben wird.

Forensische Praktiker müssen natürlich intensiv darüber nachdenken, was sie beim Gegenüber tolerieren können, wollen oder vielleicht auch müssen. Auf einer Station mit männlichen Untergebrachten muss es sicher akzeptiert werden, wenn die untergebrachten Menschen Männer-Magazine in den Spinden und Nachtschränken haben. Es kann nicht sein, dass im Maßregelvollzug arbeitende Frauen emotional darauf reagieren, wenn sie einen in entsprechenden Zeitschriften blätternden Menschen begegnen. Dass diese Lektüre im Zimmer der untergebrachten Menschen stattfinden sollte, gehört sicher zu den gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Geht es um Masturbation, so kann man sich darauf einigen, dass ein „Bitte nicht stören“- Schild an die Tür gehängt wird.

Petra fühlt sich berührt von dem ganzen Geschehen. Ihr ist es ähnlich unangenehm wie in jenen Momenten, wenn sie Untergebrachte bei der Masturbation erwischt. Sie kann nachvollziehen, dass die Menschen diesen lebendigen Trieb ausleben. Trifft sie Untergebrachte beim Onanieren an, so schließt sie unmittelbar von außen wieder die Zimmertüre. Sie entschuldigt sich auch bei der nächsten Gelegenheit. Dies ist für sie ein Moment des Respekts gegenüber den Untergebrachten.

Für viele untergebrachte Menschen sind die Nebenwirkungen von Psychopharmaka bekanntlich ein wichtiges Thema. Wenn sie im dritten, vierten oder fünften Lebensjahrzehnt sind, ist die potentielle sexuelle Entfaltung ein bestimmendes Thema. Wenn die Pharmakologie diesem Wunsch einen Strich durch die Rechnung macht, stellt es offenbar die Persönlichkeit und insbesondere die Compliance in Frage. Umso wichtiger erscheint es, dass den betroffenen Menschen Verständnis entgegengebracht wird. ‘Verhandeln statt behandeln’ wird als Losung des Miteinanders im therapeutischen Prozess besonders deutlich.

Libidofördernde Medikamente sorgen unter anderem für eine deutlich verbesserte Erektionsfähigkeit des Mannes. Mit dieser Fähigkeit scheint für viele Männer das Mannsein als solches verbunden zu sein. Es wundert nicht, wenn dann Sätze zu hören sind wie „Jetzt bin ich wieder ein richtiger Mann!“ oder „Endlich spüre ich mich wieder!“ Diesem Hilferuf untergebrachter Männer mit einem überlegenen Lächeln zu begegnen, spricht nicht zwingend für die Professionalität forensisch tätiger Menschen.

Es erscheint nicht nur schwierig, über libidofördernde Medikation in der forensischen Psychiatrie zu sprechen. Die Alltäglichkeit der Sexualität wird im forensischen Setting eher nicht angesprochen, es sei denn, im psychotherapeutischen Kontext arbeitet ein untergebrachter Mensch an seiner Sexualität. Es ist sicher nicht an den Haaren herbeigezogen, eine Sprachlosigkeit gegenüber dem Thema Sexualität zu konstatieren.

Das Leben der eigenen Sexualität gehört hinter die geschlossene Zimmertüre des untergebrachten Menschen. Es gibt keinen Austausch darüber, wie häufig der untergebrachte Mensch onaniert. Es wird nicht angesprochen, inwieweit die Masturbation auf jeden Fall mit Freude für den Betroffenen gleichzusetzen ist oder inwieweit er unter einem Druck leidet, sich selbst befriedigen zu müssen. Es gibt kein Gespräch darüber, woran der Einzelne Spaß hätte, wenn er seine Sexualität vollumfänglich leben könnte. Erst recht gibt es in nur seltenen Fällen einen Diskurs darüber, wie Räume zur Gestaltung der eigenen Sexualität geschaffen werden könnten.

Je eher ich diese Bewusstheit selber spüre, umso besser gelingt mir das Umgehen mit Sexualität im Maßregelvollzug. Wenn es stimmt, dass die weibliche Pflegende nicht nur in der mütterlichen Rolle, sondern gleichzeitig als Lustobjekt wahrgenommen wird, dann muss dies Konsequenzen im professionellen Auftreten haben – in Bezug auf Kleidung, Auftreten, Sprache. In diesen Qualitäten gilt es eine professionelle Distanz aufzubauen bzw. zu erhalten, die das therapeutische Miteinander möglich macht. Natürlich gibt es in diesem Zusammenhang eine Fallhöhe zwischen Betreuenden und Betreuten. Sie ist zum Schutze sämtlicher Beteiligten unerlässlich.

Dynamisch im therapeutischen Team wird es, wenn die Freiräume der im Maßregelvollzug untergebrachten Menschen bezüglich der Sexualität bestimmt werden. Dass die Selbstbefriedigung dem Einzelnen zugestanden wird, bleibt sicher außer Frage. Heikler wird es, wenn die Toleranzschwelle gegenüber sexuellen Kontakten in der Gruppe der Untergebrachten definiert wird. Müssen die Alarmglocken läuten, wenn die Untergebrachten sich gegenseitig befriedigen oder gar Geschlechtsverkehr haben? Die Einvernehmlichkeit der Kontakte gilt als Voraussetzung. Sinn macht es, die Einigungen im therapeutischen Team transparent gegenüber den Untergebrachten zu kommunizieren.

Es bleibt eine Ambivalenz, die es auszuhalten gilt. Petra zeigt mit der reizenden Kleidung, dass es ihr um das Selbst geht. Sie zeigt keinen Widerstand, sich nicht auf die ihr anvertrauten Menschen einlassen zu wollen. Irgendwie ist sie schon an einem Punkt, den Sandra Konrad zuspitzt: „Es erfordert einigen Mut von Frauen, sich mit ihrer Begierde, ihren Bedürfnissen und ihren Grenzen zu zeigen – sich zuzumuten, wie es so schön heißt“ (Konrad, 2017, 356).

Literatur

Agamben, G. (2010). Nacktheiten. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Briegleb, T. (2009). Die diskrete Scham. Frankfurt am Main: Insel Verlag.

Flaßpöhler, S. (2018). Die potente Frau – Für eine neue Weiblichkeit. Berlin: Ullstein.

Kaufmann, J.-C. (2006). Frauenkörper – Männerblicke – Soziologie des Oben-ohne. Konstanz: UVK.

Konrad, S. (2017). Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will, München: Piper.

Marzano, M. (2013). Philosophie des Körpers. München: Diederichs.

Greiner, U. (2014). Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskultur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 100 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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