Sexualisierte Gewalt gegen Frauen

(C) Mr Korn Flakes

Dieser Artikel entstand aus Anlass des Videos von Joko & Klaas „Männerwelten“, in dem in 15 Minuten verschiedene Formen von sexueller Belästigung von Frauen in Form einer Ausstellung dargestellt wurden. Ich beschäftige mich beruflich mit dem Thema Gewalt in verschiedenen Formen und Kontexten – Gewalt in der Pflege, strukturelle Gewalt in Einrichtungen, Gewalt und Missbrauch in der katholischen Kirche. In diesem Artikel möchte ich das Thema des Videos auf sexualisierte Gewalt gegen Frauen ausweiten.

Theoretische Überlegungen:

Das Thema Gewalt ist sehr vielschichtig und komplex. Bevor ich auf das konkrete Thema Gewalt gegen Frauen eingehe, möchte ich noch ein paar theoretische Überlegungen vorab anstellen.

Es gibt viele Definitionen von Gewalt und auch keinen einheitlichen Gewaltbegriff in der Wissenschaft. In diesem Artikel möchte ich mich auf folgende Definitionen beziehen:

„Gewalt ist Normüberschreitung bei gleichzeitiger massiver Beeinträchtigung der Rechte und/oder des Wohlbefindens desjenigen, der Adressat des Gewaltaktes wird.“ (Dieck 1998) Dieck (1998) zählt sowohl Misshandlungen als auch Vernachlässigung zu Gewalt und unterscheidet zwischen systematischen und einmaligen Gewalthandlungen. Gewalt ist eine vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse bzw. des Lebens. Die Androhung von Gewalt ist ebenfalls Gewalt. (Galtung 1993 zit. In Kranich 1998)

Die für mich wichtigen Aspekte in diesen Definitionen sind die Beeinträchtigung der Rechte und des Wohlbefindens bzw. der Bedürfnisse der betroffenen Personen, sowie der Hinweis auf verschiedene Formen wie Misshandlung, Vernachlässigung, Androhung von Gewalt, systematisch und einmalig. Zur Definition von Dierck ist kritisch anzumerken, dass die Beschreibung von Gewalt als Normüberschreitung immer abhängig davon sein kann, was das Umfeld als „Norm“ definiert. Die Allgemeinen Menschenrechte, in denen die Persönlichkeitsrechte geregelt sind und die die Grundlage jeglicher Gewaltprävention darstellen, sind eine universelle Norm, die jedoch nicht immer in jeder Gesellschaft oder jedem Staat praktisch oder auch rechtlich umgesetzt wird. Als Beispiel möchte ich an dieser Stelle anführen, dass erst 2017 im § 218 (1a) StGB geregelt wurde, dass „auch zu bestrafen ist, wer eine andere Person durch eine intensive Berührung einer der Geschlechtssphäre zuzuordnenden Körperstelle in ihrer Würde verletzt“, d.h. es werden auch Körperregionen wie Gesäß, Oberschenkel und Lippen miteinbezogen. (Stadt Wien, 2020). Es ist daher meiner Meinung nach zu kurz gegriffen, Gewalt „nur“ als Normüberschreitung zu definieren, denn wie und durch wen wird die „Norm“ definiert?

Die Gewaltdefinition des schwedischen Friedensforschers Galtung (1975) wird meist in der Wissenschaft herangezogen: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potenzielle Verwirklichung … Gewalt ist das, was den Abstand zwischen dem Potenziellen und dem Aktuellen vergrößert oder die Verringerung dieses Abstandes erschwert.“ (Galtung, 1975, S.9)

Gewalt ist immer auch ein Ausdruck von Macht, die sich äußern kann als:

  • Aktionsmacht: direkteste Form der Machtausübung, einzelne verletzende Handlung mit dem Ziel, Macht über einen anderen Menschen zu erhalten
  • Instrumentelle Macht: Ziel ist eine dauerhafte Beeinflussung des Verhaltens der unterlegenen Person durch Kontrolle und Steuerung ihres Verhaltens
  • Autoritative Macht: Einstellung und Verhalten eines anderen Menschen wird gelenkt
  • Datensetzende Macht: Artefakte von Menschen (materielle Güter oder geistige Werke) greifen in das Leben anderer Menschen ein, ohne dass sich diese dem entziehen können

(Popitz, 1992)

Gewalt kann in vielfältiger Weise in Erscheinung treten, daher werden verschiedene Formen unterschieden:

Personelle Gewalt (aktive Handlung oder Unterlassung/Vernachlässigung):

  • Körperlich: alle Formen von Misshandlungen
  • Psychisch (seelisch, emotional): z.B. durch verbale Äußerungen, Abwertungen, Nötigungen, Diffamierungen; besondere Form der psychischen Gewalt ist die spirituelle Gewalt
  • Sexuell
  • Finanziell: finanzielle Ausbeutung der betroffenen Person
  • Einschränkung des freien Willen durch starre Strukturen, Freiheitseinschränkungen

(Osterbrink & Andratsch, 2015)

Besonders hervorheben möchte ich aufgrund des Themas des Artikels die sexuelle Gewalt: Statt dem Begriff „sexuelle Gewalt“ oder „sexuellem Missbrauch wird in der Fachwelt meist von sexualisierter Gewalt gesprochen, die alle sexuellen Handlungen, die einem Kind bzw. einer Frau oder einem Mann aufgedrängt oder aufgezwungen werden. Sie ist ein Akt der Aggression und des Machtmissbrauchs. Sexualisierte Gewalt reicht von der sexuellen Belästigung oder Vergewaltigung erwachsener Frauen und geht bis zum sexuellen Missbrauch von Kindern. (Gewaltinfo.at)

Strukturelle Gewalt:

„Strukturelle Gewalt weist auf ungleiche (gesellschaftliche) Verhältnisse hin, die Menschen in ihrer Entwicklung behindern oder sogar bedrohen.“ (gewaltinfo.at)

Kulturelle Gewalt:

Osterbrink und Andratsch (2015) definieren diese als „Gewalt der Vorurteile, die innerhalb einer Kultur herrschen und das Handeln bestimmen“.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Ich möchte mich nun wieder konkret dem Ausgangsthema nähern und auf (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen und Mädchen eingehen.

Es gibt eine spezielle Definition zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen, die 1995 im Abschlussdokument der Weltfrauenkonferenz, der Pekinger Erklärung und Aktionsplattform verschriftlich wurde: „Der Begriff ,Gewalt gegen Frauen‘ bezeichnet jede Handlung geschlechtsbezogener Gewalt, die der Frau körperlichen, sexuellen oder psychischen Schaden oder Leid zufügt oder zufügen kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit oder im Privatleben. Infolgedessen umfasst Gewalt gegen Frauen unter anderem folgende Formen:

  • körperliche, sexuelle und psychische Gewalt in der Familie, namentlich auch Misshandlung von Frauen, sexueller Missbrauch von Mädchen im Haushalt, Gewalt im Zusammenhang mit der Mitgift, Vergewaltigung in der Ehe, Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane und andere traditionelle, für die Frau schädliche Praktiken, Gewalt außerhalb der Ehe und Gewalt im Zusammenhang mit Ausbeutung;
  • körperliche, sexuelle und psychische Gewalt in der Gemeinschaft, so auch Vergewaltigung, Missbrauch, sexuelle Belästigung und Einschüchterung am Arbeitsplatz, an Bildungseinrichtungen und anderswo, Frauenhandel und Zwangsprostitution;
  • vom Staat ausgeübte oder geduldete körperliche, sexuelle und psychische Gewalt, wo immer sie auftritt.“

(United Nations, 1996)

 

Formen:

Es stellt sich oft die Frage, wann beginnt sexualisierte Gewalt und wie äußert sie sich? Anhand folgender drei Begriffe wird versucht, hier eine Differenzierung zu schaffen, wobei die Übergänge fließend sind.

  • Grenzverletzungen/-überschreitungen: verletzen Grenzen zwischen einzelnen Personen oder auch Generationen und Geschlechtern, einmalig; zufällige und unabsichtliche Grenzverletzungen im alltäglichen Miteinander können korrigiert werden, z.B. einmalige/gelegentliche Missachtung einer (fachlich) adäquaten körperlichen Distanz (grenzüberschreitende, zu intime körperliche Nähe und Berührungen im alltäglichen Umgang). Ein Beispiel für eine – vielen Frauen bekannte – sexualisierte Grenzverletzung: „Sie führt sich heute schon wieder so auf, sie hat sicher wieder ihre Tage!“ Sollten Grenzverletzungen nicht beachtet oder verharmlost werden, so kann es zu einer „Kultur der Grenzverletzungen“ kommen, die zu einer Verwahrlosung von Normen führt.
  • (Sexuelle) Übergriffe: sie passieren nicht zufällig oder aus Versehen, über Bedürfnisse der betroffenen Person oder gesellschaftliche/kulturelle Normen sowie Regeln wird hinweg gesetzt; Missachtung der verbal oder nonverbal gezeigten (abwehrenden) Reaktionen der betroffenen Person, z.B. wiederholte Missachtung einer (fachlich) adäquaten körperlichen Distanz (grenzüberschreitende, zu intime körperliche Nähe und Berührungen im alltäglichen Umgang),
  • Strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt: alle Formen von psychischer und körperlicher Gewalt, z.B. Stalking, Erpressung (mit Nacktfotos), Nötigung, sexueller Missbrauch, Kinderpornographie, Voyeurismus.

(Enders & Kossatz, 2017)

Sexualisierte Gewalt kann im Extremfall zu Mord führen, der als Femizid bezeichnet wird, wenn Männer Frauen (insbesonders Ex-/Partnerinnen) ermorden, weil sie Frauen sind. (Russel & Harmes, 2001).

Ob Verhaltensweisen Grenzverletzungen darstellen oder nicht, hängt nicht nur von den Handlungen oder Formulierungen ab, sondern vor allem davon, wie die betroffene Person es erlebt. Neben den Prinzipien wie Menschenrechten und gesellschaftlichen und gesetzlichen Normen ist es vor allem immer von Bedeutung, wie die Betroffenen die Handlung einschätzen und sie von ihnen wahrgenommen wird. Jede Frau bzw. jedes Mädchen hat das Recht, dass ihre persönliche Einschätzung und ihr Erleben gehört und berücksichtigt wird.

Im eingangs erwähnten Video von Pro Sieben werden einige Formen von sexualisierter Gewalt genannt:

Virtueller Missbrauch: z.B. durch Verschicken von Dick Pics (Bilder von Penis). Derartige Bilder erhalten Frauen ungefragt als Anhänge in Mail, wobei es unabhängig davon ist, ob die Frau in der Öffentlichkeit steht oder nicht.

Psychischer Missbrauch (verbal): Moderatorinnen erhalten über Social Media sexuell inhaltlich Kommentare, Frauen werden auf ihren Körper reduziert, auf ihre Kleidung. Im Video wird erwähnt, dass bei weiblichen Influencerinnen von 100 Kommentaren im Schnitt 16 sexistisch sind, unter Videos von männlichen Influencern stehen genau 0 sexistische Kommentare von 100 Kommentaren.

Weiters wird im Video berichtet, dass oft aus harmlosen Unterhaltungen (z.B. Online präsent sein, auf Internet etwas verkaufen) unangenehme Anmachversuche mit oft ekelhaften oder unangenehmen Ausgängen werden.

Jede 2. Frau in Deutschland hat sexuelle Belästigung schon erlebt – oft mitten am Tag im Straßenverkehr, im Alltag, auf Party, bei Taxifahrt, im Gespräch mit Nachbarn, beim Nachhauseweg, im Lift, im Restaurant, am Arbeitsplatz, in U-Bahn, etc.

Am Ende des Videos wird auf ein schlimmes Vorurteil aufmerksam gemacht, nämlich dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, dies „sicher durch ihre Kleidung provoziert hätte“. Opfer von Vergewaltigungen werden häufig gefragt: „Was trugst Du an jenem Tag?“ Diese Frage ist sehr verletzend. Die University of Kansas hat 21 Kleidungsstücke gesammelt, die Frauen anhatten bei Vergewaltigung: T-Shirt und Jeans, Top und Shorts, Shirt und langer Rock, Arbeitsuniform, Badeanzug, Abendkleid, Pyjama,…

Ebenso ist ein großer Irrtum, dass sexuelle Übergriffe und Missbräuche vor allem durch dem Opfer fremde Personen passieren. Im Video werden Vergewaltigung durch Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Vater, Onkel, Bruder, usw. genannt.

Zahlen, Daten, Fakten:

Im vorigen Absatz wurden bereits einige Zahlen aus Deutschland genannt. Im Video wird im Abspann noch darauf hingewiesen, dass bis heute nur knapp 10% aller Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht werden, die Hälfte der Frauen in Deutschland schon einmal sexuell belästigt wurde und dass jede 7. Frau in Deutschland bereits strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt hat.

Hier nun einige Zahlen aus Österreich aus der EU-weiten Studie „Violence against women“ (2014):

In einem Sample von 1.500 Frauen (Alter von 18-74 Jahren) waren 20% betroffen von physischer und/oder sexueller Gewalt (seit dem 15. Lebensjahr), davon 13% von Partner ausgehend und 12% von Nicht-Partner. Von psychischer Gewalt ausgehend vom Partner waren 38% (seit dem 15. Lebensjahr) betroffen. 9% waren von (schwerer) sexueller Gewalt (seit dem 15. Lebensjahr) und 35% von sexueller Belästigung (seit dem 15. Lebensjahr) betroffen. (BKA III/4, 2020).

2011 wurde eine österreichischen Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern vom Österreichischen Institut für Familienforschung an der Universität Wien durchgeführt. Dabei wurde ein Teil der Stichprobe (2334 Personen, davon 1292 Frauen und 1042 Männer) persönlich befragt, der andere Teil mittels Online-Befragung. 40,8% der 51-60jährigen Frauen berichteten von sexueller Gewalt in der Kindheit, wohingegen in der Altersgruppe der 16-20jährigen Frauen 19,6% angaben, Erfahrung mit sexueller Gewalt in der Kindheit zu haben.  38,7% der Frauen waren in der Kindheit sowohl psychischer als auch körperlicher Gewalt ausgesetzt, 23% der Frauen sogar psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt. Grundsätzlich weisen Frauen deutlich höhere Prävalenzen auf als Männer, wenn es um die Kombination von unterschiedlichen Gewaltformen geht. So schildert z. B. jede vierte Frau, Gewalterfahrungen in allen vier Gewaltformen gemacht zu haben, im Vergleich zu jedem zwanzigsten Mann.

Neun von zehn Frauen (85,6%) berichten von psychischen Gewaltübergriffen im Kontext von Erwerbsleben und Arbeitsleben, 56,8% der Frauen berichten von körperlichen Übergriffen, wobei sie diese am häufigsten in einer Partnerschaft (29,1%) oder in der Familie (25,2%) erleben. Bei den bisherigen Zahlen gibt es nur geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern, jedoch bei der Frage nach sexueller Belästigung zeigt sich ein großer Unterschied: 74,2 % (Drei Viertel aller Frauen) wurde im Erwachsenenalter schon einmal sexuell belästigt, im Gegensatz zu einem Viertel aller Männer (27,2%). Die häufigste Form mit 18,8% war „jemand ist zu nahe gekommen, sodass es als aufdringlich empfunden wurde“, danach wurden 13,1% „auf eine Art und Weise angesprochen, die als sexuell belästigend empfunden wurde“ und bei 12,6% der Frauen, hat jemand versucht, sie zu berühren oder zu küssen, obwohl sie es nicht gewollt haben. Über sexuelle Gewalt berichten 29,5% der Frauen im Gegensatz zu 8,8% der Männer. Sexuelle Gewalt erleben die befragten Frauen gleich häufig in der Partnerschaft (10,7 %), an öffentlichen Orten (10,1 %) oder im Freundes- bzw. Bekanntenkreis (10,1 %).

(Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien, 2011)

Auf der Seite des Bundeskanzleramtes wird darauf hingewiesen, dass nach Schätzungen der Polizei 90% aller Gewalttaten an Frauen in der Familie oder im sozialen Nahraum ausgeübt werden. Forschungsergebnisse würden darauf hinweisen, dass jede fünfte Frau bereits Gewalt in der Beziehung erlebt hat. Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund können zusätzlich noch von traditionsbedingter Gewalt (z.B. Zwangsheirat, weibliche Genitalverstümmelung) betroffen sein. Besonders gefährdet sind auch Frauen mit Behinderung. (Bundeskanzleramt, 2020). Junge Frauen (18-29 Jahre) und Frauen während der Schwangerschaft sind besonders betroffen von Gewalt, die zum größten Teil in der Familie passiert. (Ogris, 2017)

Die Anzahl von Frauenmorden ist in Österreich sehr hoch: 2019 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik 39 Frauen–häufig von ihren (Ex-)Partnern oder Familienmitgliedern –ermordet. Im Jahr 2018 gab es sogar 41 Morde an Frauen. Zum Vergleich: 2014 wurden 19 Frauen umgebracht (AÖF, 2020)

Auslöser und Risikofaktoren:

Alter wird als Risikofaktor gesehen, da jüngere Frauen häufiger Opfer von Gewalt sind. Dabei ist aber die Dunkelziffer unter den älteren Frauen unbekannt, da sich diese seltener an Hilfsorganisationen wenden.

Weitere Risikofaktoren sind Gewalt in der Herkunftsfamilie, die Frauen gefährdeter macht, selbst Opfer von gewalttätigen Partner zu werden, Gewalt in der Schwangerschaft bzw. Gewalt gegen Frau und Kind und Konflikte im Alltagsleben (z.B. Eifersucht, Macht und Kontrolle, sexuelle Ansprüche). Sozioökonomische Faktoren spielen hinsichtlich Auftreten von Gewalt keine Rolle, lediglich hinsichtlich der Erstattung einer Anzeige. Betroffene aus höheren Einkommens- und Bildungsschichten wenden sich seltener an Hilfseinrichtungen. Ein Risikofaktor für Gewalt stellt jedoch eine Statusdifferenz in der Partnerschaft dar.

(gewaltinfo.at, 2020)

Auch die Ethnie/Hautfarbe und Religion spielen eine Rolle bei Gewaltübergriffen, so gehören Angriffe aufgrund des Kopftuchs leider zum Alltag vieler muslimischer Frauen in Österreich. (Grabovac, 2017)

In Bezug auf Gewalt in der Beziehung hat Joel in ihrem Buch „Warnhinweise“ der britischen Beratungs-Website zu häuslicher Gewalt (www.hiddenhurt.co.uk) aufgezählt. Dazu zählen u.a. Kontrolle; Eifersucht; eine zu schnelle, zu enge Bindung; unrealistische Erwartungen; unerwartete, unangenehme Großzügigkeit; Respektlosigkeit der aktuellen Partnerin und früheren Partnerinnen gegenüber; negative Einstellung gegenüber Frauen im Allgemeinen; rigides Rollenverständnis; verbale Gewalt; Jekyll- & Hyde-Persönlichkeit; Grausamkeit gegenüber Kindern und/oder Tieren; Geschichte von häuslicher und anderer Gewalt; Gewaltdrohungen,… (Joel, 2020)

Prävention:

Prävention kann in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention eingeteilt werden. Primärprävention hat als Ziel, Gewalt und aggressives Verhalten von vornherein zu verhindern, Sekundärprävention soll Deeskalation in akuten Gewaltsituationen bewirken und Tertiärprävention beschäftigt sich mit der Nachbearbeitung von Gewaltereignissen mit dem Ziel, zukünftige Vorfälle zu verhindern. (Osterbrink & Andratsch, 2015).

Aus dieser Beschreibung ist bereits ersichtlich, dass sehr viele Maßnahmen getroffen werden können, um sexualisierte Gewalt an Frauen zu verhindern. Am wichtigsten ist jedoch die Primärprävention, die sowohl auf individueller Ebene bei uns allen ansetzt und sich in Haltung und Handlungen zeigt als auch auf struktureller gesellschaftlicher Ebene, wo Gesetze, Institutionen, Beratungsstellen usw. geschaffen werden müssen.

An erster Stelle steht aber meiner Meinung nach vor allem ein Bewusstmachen der verschiedenen Formen und des Ausmaßes an sexualisierter Gewalt an Frauen in der Gesellschaft. Hier ist Österreich leider auf EU-Ebene negativer Spitzenreiter, da in der Eurobarometerstudie 62% der Befragten der Meinung sind, dass „anzügliche Kommentare gegenüber Frauen nicht falsch sind und auch nicht strafbar sein sollten“.  Sexuelle Handlungen ohne explizite Zustimmung werden gerechtfertigt, wenn Alkohol im Spiel ist (15%), sich das Opfer nicht klar zur Wehr setzte (12%), freiwillig mit nach Hause ging (11%) oder Frauen freizügige Kleidung trugen (9%), wobei es kaum einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Befragten gibt. (Grabovac, 2017) Jede bzw. jeder von uns sollte bzw. muss selbst gegen Gewalt an Frauen und Mädchen eintreten, z.B. bei frauenfeindlichen Witzen nicht mitlachen, und wenn man Augenzeugin bzw. Augenzeuge von Gewalt an Frauen wird, Zivilcourage zeigen und nicht untätig bleiben, sondern reagieren. Man kann in bedrohlichen Situationen Hilfe bzw. die Polizei rufen, Betroffenen Hilfe anbieten, sich informieren (z.B. an den Frauennotruf wenden), Situationen von sexueller Belästigung unterbrechen, Verdacht auf Gewalt ansprechen und vor allem Betroffene von Gewalt ernst nehmen.

Eine wichtige Präventionsmaßnahme möchte ich hervorheben – die „Istanbul Konvention Gewalt gegen Frauen“.

2011 wurde das „Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ von 13 Staaten, unter anderem auch Österreich, in Istanbul unterzeichnet, wodurch es erstmals in Europa ein völkerrechtlich bindendes Instrument zur umfassenden Bekämpfung aller Formen von Gewalt an Frauen gibt. Für die unterzeichnenden Staaten ist die Konvention rechtlich verbindlich und umzusetzen. In Österreich trat die Konvention 2014 in Kraft. Sie enthält weitreichende Verpflichtungen zur Prävention, zum Schutz von Betroffenen und zur wirksamen Strafverfolgung. Die Vorgaben betreffen unter anderem Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung, die Schaffung adäquater Hilfseinrichtungen, die strafgerichtliche Verfolgung von Gewalthandlungen und die Unterstützung von Betroffenen im Strafprozess.

Die Regelungen umfassen alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen, ebenso wie alle Erscheinungsbilder (z.B. häusliche Gewalt, Stalking, Zwangsverheiratung und weibliche Genitalverstümmelung).

Da strukturelle Gewalt in Form von geringeren Chancen von Frauen in einem System von ungleichen gesellschaftlichen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen als Hauptursache von geschlechtsspezifischer Gewalt erkannt wird, fordert die Istanbuler Konvention daher die rechtliche und faktische Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft. Dies wird als wichtige Voraussetzung für den effektiven Schutz vor individueller Gewalt angesehen.

(Bundeskanzleramt, 2020)

Auf systemischer Ebene erachtet Ogris auch die Armutsbekämpfung als essenziell in der Gewaltprävention, auf persönlicher Ebene Trennung (die zwei Drittel der Frauen schaffen) und Anzeige, da verurteilte Sexualstraftäter nach einer Therapie eine geringe Rückfallquote haben.(Ogris, 2017)

Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) fordert ein 10-Punkte-Programm gegen Gewalt an Frauen und Kindern: Internationale Vereinbarungen zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen, Recht auf Unterkunft in einem Frauenhaus, Finanzierung der Frauenhäuser, Hilfsangebote für Betroffene (Frauenberatungsstellen, Notrufe), Wohnungen für Frauen und Kinder, Recht auf Arbeit und Existenzsicherung, Bewusstseinsbildung und Prävention, Gesetze zur Bekämpfung von Gewalt, Zugang zum Recht – Ausbau der Opferrechte und die Gleichstellung von Frauen und Männern.

Anzudenken wäre auch, das Thema „sexualisierte Gewalt“ sehr frühzeitig anzubinden, z. B. in Geburtsvorbereitungskursen, Elternschulen und -trainings, Eltern-Cafés – v.a. in Hinblick auf Sensibilisierung, Reflexion zu Geschlechterrollen, Darstellung und implizite Bewertung von Mädchen und Buben/Frauen und Männer in den Medien, Enttabuisierung von sexueller Gewalt an Kindern. Präventionsarbeit kann, wird und soll auch im elementarpädagogischen Bereich geleistet werden z.B. Projekte wie „Faustlos“. Es können auch sehr niederschwellige Angebote der Information, Beratung und des Austausches angeboten werden, z.B. analog zu Trauer-Cafés auch Gewalt-Cafés

Es muss jedoch festgehalten werden, dass sexualisierte Gewalt trotz aller möglichen Maßnahmen leider nie gänzlich verhindert werden kann. Aber Politik und Zivilgesellschaft können im Präventionsbereich noch vieles leisten. Gerade im Präventionsbereich besteht noch viel Bedarf an Maßnahmen, im Bereich des Opferschutzes gibt es schon relativ viele Angebote und ein hohes Bewusstsein, dass hier Hilfe nötig ist. Ebenso muss ein konstruktiver Täterumgang, im Sinne des Schutzes der Gesellschaft, aber auch der Würde der Täter, stärker in den Fokus gerückt werden, v.a. im Hinblick auf Täter jüngeren Alters.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Zitat von Hedwig Dohm (1831-1919), dt. Schriftstellerin und Frauenrechtlerin anfügen:

„Mehr Stolz, ihr Frauen! Wie ist es nur möglich, dass ihr euch nicht aufbäumt gegen die Verachtung, die euch noch immer trifft. – Auch heute noch? Ja, auch heute noch.“

Literatur:

AÖF (Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser / Informationsstelle gegen Gewalt) (2020): 10-Punkte-Programm gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Abgerufen am 30.8.2020 von: https://www.aoef.at/images/06_infoshop/6-2_infomaterial_zum_downloaden/Infoblaetter_zu_gewalt/10%20Punkte%20Programm%20gegen%20Gewalt.pdf

AÖF (2020): Gewalt an Frauen und Mädchen in Österreich. Abgerufen am 30.8.2020 von: https://www.aoef.at/images/06_infoshop/6-2_infomaterial_zum_downloaden/Infoblaetter_zu_gewalt/Factsheet_Gewalt-an-Frauen-und-Maedchen-in-Oesterreich_08-2020.pdf

BKA III/4 (2020): Violence against women: EU-wide Survey (2014) Ergebnisse für Österreich (inkl. EU-Durchschnitt). Abgerufen am 30.8.2020 von: http://www.coordination-vaw.gv.at/wp-content/uploads/2020/02/2020.02.10._Gewaltbetroffenheit_nach_Form_der_Gewalt_Partner_allg._FRA-Studie_Websiteversion.pdf

Bundeskanzleramt (2020): Abgerufen am 30.8.2020 von: https://www.bundeskanzleramt.gv.at/agenda/frauen-und-gleichstellung/gewalt-gegen-frauen/istanbul-konvention-gewalt-gegen-frauen.html

Dieck, Margret (1998): Der Begriff der Gewalt gegen ältere Menschen im familialen und häuslichen Kontext. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Gewalt gegen Ältere zu Hause. Fachtagung 11. Und 12.3.1996. 2. Auflage. Bonn

Enders Ursula & Kossatz Yücel (2017): Grenzverletzung, sexueller Übergriff oder sexueller Missbrauch? In: Ursula Enders (Hrsg.): Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen. Ein Handbuch für die Praxis. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage (S. 30-53)

Galtung Johan (1975): Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Reinbek bei Hamburg

Gewaltinfo.at (2020): abgerufen am 30.8.2020 von: https://www.gewaltinfo.at/

Grabovac Daniela (2017): Gewalt gegen Frauen. In: Andrea Berzlanovich, Gertrude Brinek & Maria Rösslhumer (Hrsg.): Eine von fünf. Gewaltschutz für Frauen in allen Lebenslagen. Eine Publikation der Volksanwaltschaft. Saarbrücken: Edition Ausblick Wien (S. 20-26).

Joel Antje (2020): Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt. Hamburg: Rowohlt.

Kranich, Mariana (1998): Aggressions- und Gewaltphänomene in der Altenarbeit. Bonn: Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“, Band 1.

Ogris Günter (2017): Gewalt an Frauen – die soziologische Perspektive. In: Andrea Berzlanovich, Gertrude Brinek & Maria Rösslhumer (Hrsg.): Eine von fünf. Gewaltschutz für Frauen in allen Lebenslagen. Eine Publikation der Volksanwaltschaft. Saarbrücken: Edition Ausblick Wien (S. 14-19).

Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF) (2011): Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männer. Abgerufen am 30.8.2020 von: file:///C:/Users/SABIN_~1/AppData/Local/Temp/Gewaltpraevalenz_final-1.pdf

Osterbrink Jürgen & Andratsch Franziska (2015): Gewalt in der Pflege. Wie es dazu kommt. Wie man sie erkennt. Was wir dagegen tun können. München: Beck

Popitz H. (1992): Phänomene der Macht. Tübingen: Mohr Siebeck, 2. Auflage

Russell Diane & Harmes Roberta A. (Hrsg) (2001): Femicide in Global Perspective. New York: Teachers College Press

Stadt Wien (2020): Rechtsinformationen zu sexuelle Belästigung – Dein Körper. Dein Recht. Aufgerufen am 30.8.2020 von: https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/gesundheit/dein-koerper-dein-recht/rechtsinformationen-sexuelle-belaestigung.html

United Nations (1996): The Beijing Declaration and the Platform for Action, Fourth World Conference on Women Beijing, China, 4-15 Sept.1995, New York

Youtube Video „Männerwelten. Joko & Klaas 15 Minuten. Abgerufen am 30.8.2020 von https://www.prosieben.at/tv/joko-klaas-gegen-prosieben/video/32-maennerwelten-joko-klaas-15-minuten-clip

 

Sabine Ruppert
Über Sabine Ruppert 2 Artikel
DGKP, Pflegewissenschafterin, externe Lektorin, Mitglied der GesPW, Mitglied der Kommission 5 der Volksanwaltschaft

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