Sensibel – Über die moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren

„Es fehlt an Herz und Seele“

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler gehört zu den Zeitgenossinnen, die Einfluss auf gegenwärtige geistige Diskurse haben. Mit dem Buch „Sensibel“ wird es hoffentlich nicht gelingen, zeitgenössische Diskussionen anzuheizen. Denn über die mehr als 230 Seiten schafft es Flaßpöhler nicht, ein Thema mit Leben zu füllen. Oder anders gesagt: Auf der inhaltlichen Ebene hat die Philosophin und Journalistin ihre Lektionen gelernt. Über das ganze Buch hinweg lässt sich der Eindruck nicht an die Seite schieben, dass die Autorin das Ringen um Sensibilität auch emotional und mit eigenen Erfahrungen gespickt vollziehen kann. Es fehlt dem Buch irgendwie an Herz und Seele.

Schon früh stellt Flaßpöhler den Zeitgenossen Jan vor, der im Mainstream der Gegenwart als sensibler Mensch durchgehen will. Jan schafft es, sich an die Gegebenheiten der Zeit anzupassen. Flaßpöhler scheint ein Mensch seiner Art zu gefallen, der am besten keine Kanten zeigt. Dabei geht die Idee verloren, dass ein Mensch vielleicht gerade dadurch Sympathien weckt, in dem er Profil zeigt, wenn er im beruflichen oder häuslichen Umfeld unterwegs ist.

Wenn sich Flaßpöhler Gedanken zu den Phänomenen von Trauma und Trigger macht, dann ist nachvollziehbar, dass sie Freud und andere aufmerksam gelesen hat. Allerdings wird die Komplexität einer posttraumatischen Belastungsstörung und die damit verbundene notwendende Sensibilität nicht deutlich. Flaßpöhler verliert sich in einer Aufarbeitung eines medizinischen Klassifikationssystems, blickt jedoch offensichtlich nicht auf das subjektive Leid eines betroffenen Menschen. Nicht ohne Grund tritt sie wohl schon nach wenigen Seiten die Flucht zum nächsten Kapitel an, während sich gerade phänomenologische Zugänge zu traumatischen Erfahrungen und deren Trigger anbieten.

Flaßpöhler macht in dem Buch „Sensibel“ einen geistesgeschichtlichen Durchgang zum Begriff der Sensibilität. Sie schreibt über das „Jahrhundert der Empathie“ und die „Grenzen der Einfühlung. Sie sinniert über „Sprachsensibiltät“ und die „Gewalt in uns“. Sie schaut auf die „Kraft der Wunde“ und den „Prozess der Sensibilisierung“. Viele Erwartungen weckt sie mit dem Spaziergang entlang des Sensibilitätsbegriffs. Der Eindruck, dass sie Erwartungen erfüllt, kommt kaum auf.

Unter anderem thematisiert Flaßpöhler das Social Distancing der Corona-Zeit. Auch in diesem Zusammenhang bleibt sie phänomenologische Antworten zu Fragen des Leibes schuldig, schlägt stattdessen Bögen zu Distanzerfahrungen und Reinlichkeitsbemühen in Flüchtlingslagern. Sprunghaft kommen die Gedanken Flaßpöhlers daher, Leser_innen neigen immer wieder dazu, das Buch beiseitezulegen. Wo das Social Distancing nicht in seiner Tiefgründigkeit betrachtet wird, dort schwindet die Aufmerksamkeit für ein Buch in einem rasanten Tempo.

Den Soziologen Hartmut Rosa mit seinen Überlegungen zum Resonanz-Begriff in den Diskurs um die Sensibilität einzubringen, birgt große Chancen. Gerade die mehr oder weniger verborgene Responsivität von Resonanzerfahrungen verdient eine ausführliche Auseinandersetzung und einen Brückenschlag zur Sensibilität. Diese Gelegenheit lässt Flaßpöhler verstreichen, verliert sich in Gedanken zur Depressionsdynamik.

Über die Sensibilität im Allgemeinen und im Besonderen lässt sich auch philosophisch viel sagen. Der nachdenkliche Zeitgenosse, die nachdenkliche Zeitgenossin kann sich dann natürlich nicht nur auf das Abarbeiten einiger inhaltlicher Akzente beschränken, sollte unbedingt schauen, dass der Bogen von der Theorie zur Lebenspraxis geschlagen wird. Flaßpöhler ist dies sicher nicht mit dem Buch „Sensibel“ gelungen.

 

Svenja Flaßpöhler: Sensibel – Über die moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98335-7, 232 Seiten, 20 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at