Selbstverletzung

6. Juni 2020 | Rezensionen | 0 Kommentare

Wenn Menschen, vor allem junge Menschen sich selbst verletzen, dann führt dies oft zu Unverständnis. Die Menschen im sozialen Umfeld können häufig nicht verstehen, wie es zu diesem auffälligen Verhalten kommt. Aber auch professionell Tätige stehen oft hilflos und sprachlos vor den Selbstverletzungen. So braucht es unter anderem eine ständige Forschung zu nichtsuizidalen Selbstverletzungen. Der Mediziner Christian Schmahl und der Psychotherapeut Christian Stiglmayr legen mit dem Buch „Selbstverletzung“ eine Handreichung vor, die den State-of-the-art der Studienlage zu nichtsuizidalen Selbstverletzungen dokumentiert.

Das Buch kommt aus der Schriftenreihe „Fortschritte der Psychotherapie“. Diesem Anspruch wird es gerecht. Denn als psychosoziale Praktikerin bzw. psychosozialer Praktiker führt die Vertiefung in die Studienlage zu einem besseren Verständnis eines Verhaltens, das quasi um Aufmerksamkeit ringt. Methodisch gehen die Autoren in einer Weise vor, die das Verstehen des Phänomens erleichtern. Dabei unterscheiden Schmahl und Stiglmayer das Auftreten von Selbstverletzungen bei verschiedenen Störungsbildern. Bei der Auseinandersetzung mit Selbstverletzungen erscheint dies wichtig. Schließlich werden sie allzu leichtfertig mit Persönlichkeitsstörungen in Verbindung gebracht.

Hilfreich erscheint es, dass Selbstverletzungen auf dem Fundament von Befunden zu überdauernden neurobiologischen Veränderungen betrachtet werden. So betonen sie beispielsweise, dass auf neurochemischer Ebene Dysfunktionen in drei Systemen diskutiert würden – im Serotonin-System, im Endogenen Opioid-System und im Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-System. Eine solche Betrachtungsweise verändert natürlich die Sichtweise auf das Phänomen von Selbstverletzungen. Die Psychotherapie wird von Schmahl und Stiglamyr als „Methode der Wahl“ bezeichnet. Sie stellen fest, dass jedoch nur ein geringer Teil der Betroffenen Psychotherapie in Anspruch nehme. Deren Ziel müsse sein, alternative funktionale Strategien zur Emotionsregulation zu vermitteln.

Schmahl und Stiglmayr ermuntern psychosozial Tätige, sich mit den therapeutischen Grundhaltungen in der Begleitung von Menschen mit Selbstverletzungen auseinanderzusetzen. Sie betonen, dass die Betroffenen immer an eigenen Veränderungen interessiert seien. Sie seien bereit, mehr Anstrengung zu zeigen, um Veränderungen herbeizuführen. Wörtlich schreiben Schmahl und Stiglmayr: „Würden sich die Patienten keine Mühe geben, wären sie nicht mehr am Leben“ (S. 32).

Der Begleitung und Behandlung von Menschen mit Selbstverletzungen gibt das Buch von Schmahl und Stiglmayr eine klare Struktur. Mit einer distanziert wirkenden Sachlichkeit sorgen sie für eine Klarheit bei psychosozial Tätigen, die nach Klarheit suchen, wenn sie betroffenen Menschen auf dem Weg zur Seite stehen.

Das Buch „Selbstverletzung“ ist eine hilfreiche Wortmeldung, die kurz und bündig während der Begleitung problematischen Verhaltens zur Hand genommen werden kann. Es bietet denjenigen Orientierung, die bei der Weggefährtenschaft mit Menschen mit problematischen Verhalten Leitplanken brauchen.

Christian Schmahl / Christian Stiglmayr: Selbstverletzung, Hogrefe-Verlag, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8017-2751-2, 109 Seiten, 19.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at