Sektenkinder

„Wechsel zwischen subjektiven Erfahrungen und Wissenschaftlichkeit“

Es gibt Erfahrungen im Leben, auf die man verzichten kann. Dies ist nicht nur eine Einsicht, die jedem und jeder immer mal im Leben begegnet. Dies ist eine Erkenntnis, wenn man die Sektenkinder trifft, denen Kathrin Kaufmann, Laura Illig und Johannes Jungbauer begegnet sind. Sie haben das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg unter die Lupe genommen.

Es sind sehr bewegende Erfahrungen und Erlebnisse, die in dem Buch „Sektenkinder“ bezeugt werden. Sie haben der religiösen Gemeinschaft, in der sie durch familiäre Verstrickungen leben mussten, „bedingungslose Loyalität und Gehorsam“ (S. 7) gegenüber zeigen müssen. Sie haben ein hohes Maß an Kontrolle und Einschränkung der persönlichen Autonomie erleben müssen.

Während der Lektüre erreicht der Pegel des Erschreckens häufig hohe Ausschläge. Schließlich erscheint es nicht einsichtig, weshalb Kinder in regelmäßigen Abständen aus den Familien herausgenommen werden, um an einem anderen Standort der religiösen Gemeinschaft fernab der Eltern und Geschwister zu leben. So erfahren Kinder und Jugendliche oft nie, dass sie mit den Eltern und allen Geschwistern einmal gemeinsam leben.

Kaufmann, Illig und Jungbauer zeigen in dem Buch auf, wie Kinder und Jugendliche mit unerfüllten Grundbedürfnissen zurechtkommen müssen. Sie zeigen auf, dass die Glaubensgemeinschaft als wichtigste Instanz im Alltag erlebt wird. Sie konkretisieren, wie die Abgrenzung der religiösen Gemeinschaft nach außen stattfindet. „Wir gegen den Rest der Welt“ lautet diesbezüglich eine entscheidende Maxime.

Die Autor_innen beschreiben darüber hinaus, dass der Ausstieg aus einer neureligiösen Gemeinschaft nicht nur ein einschneidendes Erlebnis, sondern geradezu einen „Heimatverlust“ (S. 83) bedeutet. Es geht auch darum, wie nach dem Ausstieg die Wege des Lebens wieder gefunden und beschritten werden können.

Es schüttelt einen, wahrzunehmen, wie ausgeprägt die Identifikationskraft neureligiöser Gemeinschaften zu sein scheint. Es geht nach den Erkenntnissen von Kaufmann, Illig und Jungbauer so weit, dass die individuelle Entwicklung eines jungen Menschen als „große Gefahr“ (S. 67) angesehen wird. Wörtlich: „Das individuelle Ich würde somit in radikaler Weise dem kollektiven Wir unterworfen“ (S. 73).

Für psychosozial Tätige ist das Buch „Sektenkinder“ eine beeindruckende Wegweisung in die Problematik. Entscheidende, für die Betroffenen anstehende Fragen werden angesprochen, der eine oder andere Lösungshinweis wird gegeben. Dabei ist sicher nicht zu unterschätzen, dass die Auswirkungen eines Aufwachsens als Sektenkind subjektive Dramatiken hat, die von helfenden Menschen in der Tragweite kaum eingeschätzt werden können.

Der ständige Wechsel zwischen subjektiven Erfahrungen und (populär-)wissenschaftlichen Betrachtungen zum Thema macht die Lektüre zu einem kurzweiligen Erlebnis – trotz eines wirklich schwierigen Themas.

Kathrin Kaufmann, Laura Illig & Johannes Jungbauer: Sektenkinder – Über das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg, Balance Medien Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-86739-182-5, 173 Seiten, 15 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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