Sei nicht so hart zu Dir selbst

„Innere Freiheit“

Für Schauspieler ist es beruflicher Alltag. Sie haben eine Regisseurin, die eine bestimmte Vorstellung von einer Geschichte hat und sie von den Akteurinnen realisiert sehen will. Schauspielerinnen kennen es, dass eine Kamera sie beobachtet und sie eine gewisse Fremdsteuerung erleben. Bei der Lektüre des Buchs „Sei nicht so hart zu Dir selbst“ hat mich diese Vorstellung nicht verlassen. Als Mensch erlebe ich mich im Alltag in einem Hamsterrad, das ich Gewohnheiten nenne, gefangen bin und der Sinn für mich selbst immer mal wieder verloren geht.

Der Psychotherapeut Andreas Knuf wirft mit seinem Buch den Begriff des Selbstmitgefühls in den Diskurs ein. Aus seiner Sicht bedeutet es, „freundlich, verständnisvoll und einfühlsam mit sich umzugehen“ (S. 68). Dies liest sich flüchtig, dabei meint Knuf sicher eine gewisse Radikalität (in einem guten Sinne). Er stellt klar, dass es mit den Termini Mitgefühl und Selbstmitgefühl vor allem um eine innere Haltung geht, „die wir uns selbst und anderen Menschen gegenüber einnehmen können“ (S. 75).

Knuf vermeidet es, Empfehlungen auf der Handlungsebene zu geben. Die zeitgenössischen Menschen sind aufgefordert, den eigenen Weg zu finden, um Selbstmitgefühl zu entwickeln. Dieser Prozess brauche Zeit und inneres Engagement, schreibt er. Und noch mehr: Selbstmitgefühl sei kein Ziel, das man irgendwann erreiche. Selbstmitgefühl sei ein Wert, „dem wir uns anzunähern versuchen, um den wir fortwährend ringen“ (S. 78).

So wird schnell deutlich, dass Knufs Buch nicht mit einem sommerlichen Abendspaziergang zu vergleichen ist. Es scheint eher mit einem gefährlichen Aufstieg auf eine Bergspitze vergleichbar, die eine große Aufgabe darstellt. Schließlich fällt es im Alltag schwer, sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen. Dies kommt dem Denken nahe, wenn Knuf betont, dass das Gefühlssystem eines Menschen als „Bedrohungssystem“ (S. 79) wahrgenommen werden könnte.

Knufs Buch fordert etwas ein. Es ist die tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst. Nicht umsonst beschreibt er den „Dauernörgler“, die „Sollte-Tyrannei“ und die Sicht auf das Leben als Mühsal. Knuf stellt die Frage, wer der Chef, die Chefin in uns ist. Lieber spricht er an, den Weg von der Selbstverurteilung zum Wohlwollen, von der schmerzlichen Erfahrung zum Sich-verbunden-Fühlen zu finden.

Knuf ruft dazu auf, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Einen solchen Vorschlag macht er sicher nicht im Sinne einer egoistischen Zentrierung. Er will den Zeitgenossen unter anderem Stress nehmen. Stress entsteht für ihn aus einer Ignoranz gegenüber den eigenen Bedürfnissen. Ein Begriff wie die innere Freiheit kommt leise auf die Bühne und wird zu einer Herausforderung.

Um zum Bild des Schauspielers zurückzukommen, der den Vorstellungen des Regisseurs nahekommen muss, so ermutigt Knuf, zum Regisseur des eigenen Alltags zu werden. So wird nicht nur die innere Freiheit immer mehr zum eigenen Alltag. Er verabschiedet sich von der Kamerabeobachtung. Und die Bühne wird sich dann sicher weiten.

Andreas Knuf: Sei nicht so hart zu Dir selbst – Selbstmitgefühl in guten und in miesen Zeiten, Kösel-Verlag, München 2016, ISBN 978-3-466-34622-6, 219 Seiten, 15 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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