„Schwingungen zwischen Menschen“

Microphon - Podcast
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Hand aufs Herz, liebe Kollegin, lieber Kollege, welche Musik hören Sie denn so? Welche lebhaften Klänge gehören für Sie zum Alltag? Ich weiß, die einen schwärmen von Pop-Sängerinnen und Pop-Sängern wie Ed Sheeran oder Madonna. Andere bekennen fast schüchtern, dass sie klassische Musik oder Schlager-Musik hören. Jede und jeder hat seinen eigenen Geschmack. Dies ist auch eines jeden, einer jeden Recht. Menschen sind ganz verschieden und haben auch unterschiedliche musikalische Sympathien.

In diesen Tagen habe ich jemanden „vom Soundtrack des eigenen Lebens“ erzählen hören. Unmittelbar habe ich mich von diesem Begriff ansprechen lassen. Individualität wird in der Gegenwart großgeschrieben. Das „Drehbuch des persönlichen Lebens“ schreiben wir Tag für Tag. Ungerne lassen wir uns in den Alltag, in die Entscheidungen des täglichen Lebens hineinreden. Das „Drehbuch des persönlichen Lebens“ gibt uns jeden Tag die Möglichkeit, das Leben zu gestalten. Möglicherweise setzt es Energien bei Menschen frei, sich als Schauspielerin oder als Schauspieler zu verstehen.

Kritisch ist es sicher, dass beim Schreiben des alltäglichen Drehbuchs Menschen in Rollen zu schlüpfen geneigt sind. Da bleibt vielleicht das Authentische und Ehrliche etwas auf der Strecke. Mit dem „Soundtrack des eigenen Lebens“ ist es anders. Indirekt sagt der musikalische Geschmack der Menschen mehr über die Einzelne, den Einzelnen, als es jede Einzelne und jeder Einzelne es will.

„Lass mich mal in Dein CD-Regal schauen und ich sage Dir, wer Du bist“ – diesen oder einen ähnlichen Text werden viele kennen. Die CDs, die im Regal stehen, stehen stellvertretend für das individuelle Leben. Sie sind Zeugen der unterschiedlichen biographischen Etappen eines Lebensweges. Schließlich bilden sie auch Bewältigungsmuster ab, die einzelne Menschen auf Wegstrecken genutzt haben.

Da liegt es doch eigentlich nahe, sich auch mit den Soundtracks der Menschen zu beschäftigen, die wir wegen ihrer Gebrechlichkeit oder einer Krankheit körperlich oder seelisch begleiten. Meist schweigen wir darüber. Dabei lernen wir über die Musik die Menschen kennen. Die Bereitschaft, sich auf ein Gespräch einzulassen, wächst, wenn die Menschen bei ihren Potentialen gepackt werden. Oft werden schöne Erlebnisse mit Musik verbunden. Menschen berichten vom Besuch eines beeindruckenden Konzertes. Oder von Begegnungen mit Anderen, bei denen die Musik im besten Sinne Begleitmusik gewesen ist.

Musik hat das Potential zu wirken, wo Sprache an Grenzen kommt. Leben Menschen aufgrund einer Krebserkrankung im Angesicht der Endlichkeit, so stiftet das gemeinsame Hören von Musik eine ganz unmittelbare Form von Genesung. Beim gemeinsamen Hören von Musik finden Menschen zueinander. Es gibt ein Da-Sein im gemeinsamen Erlebnis. Im Da-Sein gibt es eine große Möglichkeit, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen.

Noch mehr: Menschen, die aufgrund von Krankheit und Gebrechlichkeit begleitet und unterstützt werden müssen, zeigen kaum noch eine Resonanz in der zwischenmenschlichen Interaktion. Das gemeinsame Hören von Musik und auch das Sprechen über die musikalischen Vorlieben sorgt für Schwingungen zwischen Menschen. Und das ist gut so.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at