Schweigen und Reden

Alltag geschieht in Balance

(C) peterschreiber.media

Kennen Sie dies auch? Sie betreten ein Patientenzimmer. Erwartungsvolle Augen blicken sie an. Sie werden mit Fragen konfrontiert, die die Verunsicherung der Menschen zeigt, wenn Menschen in einer Klinik zu Gast sind. Mal mehr, mal weniger bereitwillig geben Sie Antworten auf die zahlreichen Fragen. Die Menschen, die Ihnen gegenübersitzen oder gegenüberliegen, zeigen sich erleichtert. So gehört es zum pflegerischen Alltag, ständig zu reden und ständig zu informieren. Im Zusammenhang mit der Patientenautonomie hat der Mensch einen Anspruch auf unsere Kommunikationsfreude.

Wo wir reden, dort muss das Schweigen gleich mitgedacht werden. Leben und Arbeiten muss in Polaritäten und auch in Balancen gedacht werden. Zur Heiterkeit gehört die Melancholie, zum aktiven Leben gehört das passive Leben. In den Klöstern pendelt der Alltag zwischen Ora et Labora, zwischen dem Beten und dem Arbeiten. Als Pflegende kümmern wir uns um die Fremdsorge. Die Selbstsorge vergessen wir oft.

Dabei würde es sicher einmal Sinn machen, sich die Frage zu stellen: Welchen Sinn macht das Schweigen, wenn ich es nach einer anstrengenden Schicht suche? Es kann sicher eine Kraftquelle sein, um für die Interaktionen im beruflichen, aber natürlich auch im privaten Alltag gerüstet zu sein. Im Schweigen finden wir als Menschen zu uns selbst, im Reden finden wir den Weg zu den Menschen um uns herum.

Im psychiatrischen Alltag scheint es eine Geschwätzigkeit zu geben, die ihresgleichen sucht. Betroffene sitzen in therapeutischen Gruppen und müssen sich dort offenbaren. Es heißt, dass sie den Weg zu den Urgründen der seelischen Sorgen finden, wenn sie nur darüber sprechen. Auf die Spitze treiben es die Psychoanalytiker, die nach dem Vorbild des Urvaters der psychotherapeutischen Lehre die Betroffenen frei assoziieren lassen, während sie auf einem Sofa liegen und das vermeintliche Gegenüber gar nicht erst anschauen. Psychiatrisch Tätige stehen ständig als Ansprechpartner zur Verfügung. Engagiert wissen sie zu vielen Nöten und Themen etwas zu sagen.

Auf einer Palliativstation zu arbeiten heißt hingegen, viel über das Schweigen zu wissen. Wenn sich die Vitalität eines Menschen zum Ende neigt, dann geht es darum, einander auszuhalten. Es fällt nicht nur schwer, Worte zu finden, wenn Menschen dem Tode näher als dem Leben sind. Zeichen sagen in einer solchen Phase mehr als irgendwelche Worte.

Schweigen heißt nicht nur, still zu sein. Schweigen heißt, in sich zu gehen, aufmerksam für das zu sein, was einen selbst bewegt. Im Schweigen sammelt sich der Einzelne. Im Schweigen sucht der Einzelne nach den eigenen Gefühlen und den ureigenen Bedürfnissen. Der Flüchtigkeit des Alltags und des Alltäglichen wird Achtsamkeit und Konzentration entgegengesetzt.

Da gibt es noch das Phänomen des Stimmenhörens. In der Psychiatrie gilt es als Symptom einer einschneidenden seelischen Erkrankung: einer Schizophrenie. Der Heilige Augustinus kultivierte im 4. Jahrhundert in seinen „Selbstgesprächen“ den inneren Monolog. Sie gelten als Zeugnisse eines inneren Ringens um Weisheit und Wahrheit.

Es erscheint als eine überflüssige Bemerkung: Zur Fremdsorge gehört unbedingt die Selbstsorge. Zur Geschwätzigkeit gehört das Schweigen. Zur Hektik des Alltags gehört die Ruhe des Wochenendes oder der Urlaubswochen. Viel Spaß bei der Suche nach der Balance.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 106 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen