Schweigen macht Sinn

„Stille gegen den Zeitgeist“

Das Schweigen und die Stille haben keine Konjunktur. In einer Zeit der Flüchtigkeit und Rasanz scheinen die Phänomene von Schweigen und Stille in ihrer Bedeutung nicht nur unterschätzt zu werden. Sie geraten in Vergessenheit, Zeitgenoss_innen scheinen in unterschiedlichen Lebenssituationen davon überrascht zu werden. Da lässt das Buch „Schweigen macht Sinn“ im besten Sinne aufhorchen. Denn es erfasst das Schweigen und die Stille in seiner Tiefgründigkeit.

Dazu bedarf es einer Voraussetzung. Denn die Lektüre des Buchs von Betz und Reichel gelingt nicht zwischen Tür und Angel. Es ist kein Buch, das unterhalten will. Es will die Zeitgenoss_innen zum Nachdenken anregen, Impulse anstoßen, möglicherweise auch den Einen oder die Andere zu bewusst gewähltem Schweigen und bewusst gewählter Stille ermuntern.

Sprechpausen sind eigentlich jedem Menschen aus alltäglichen Interaktionen geläufig. Wenn es vielen Menschen schwerfällt, diese auszuhalten, so sieht der Psychotherapeut René Reichel „kontrollierte und begrenzte Schweigephasen im Rahmen des Sprechens“ (S. 16). Was bei Sprechpausen hinzukomme, „ist etwas Emotionales, eine Spannung, die zwischen den Menschen atmosphärisch entsteht, die manche den Atem anhalten lässt und die das gerade Gesagte oder das noch zu Sagende mit einer zusätzlichen Bedeutung auffüllt“ (S. 16).

Es sind nicht nur die Sprechpausen, die Reichel und Betz unter die Lupe nehmen. Sie blicken auf „die hellen und die dunklen Seiten des Schweigens“. Sie nehmen „schamvolles Schweigen“ unter die Lupe. „Das Schweigen in der Lebensspanne“ thematisieren sie. Und auch die „Verschwiegenheit“ lassen sie nicht außer Acht.

Zur Lektüre des Buchs von Reichel und Betz braucht es Ruhe und auch Abstand vom Alltag. Wenn dies gelingt, können die Quintessenzen der Lektüre nicht nur durchdacht, sondern vielmehr in die eigenen Lebens-und Berufszusammenhänge kontextualisiert werden. Eine Gegenwart, die von dauernder Unruhe und ständigem Lärm geprägt ist, braucht beispielsweise in den Augen von Betz die „Stille als Ereignis“ (S. 162). Er schreibt: „Wir suchen die Stille und mit ihr eine Tiefe der Gefühle, in der sich mitunter die Koordinaten von Raum und Zeit aufzulösen scheinen, im Außeralltäglichen der Ausnahmezustände: beim Besteigen einsam gelegener Berge, beim Durchqueren von Wüsten“ (S. 163). Oder konkreter: „Schon ein kurzzeitiger Verzicht auf Smartphone und Computer darf als spirituelle Sequenz der Datenaskese vermerkt werden“ (S. 163 / 164).

Das Buch von Betz und Reichel dokumentiert nicht bloß ein tiefgründiges Durchdenken zweier psychotherapeutischer Praktiker. Betz und Reichel liegt es am Herzen, dem Schweigen und der Stille wieder eine Bedeutung im privaten wie beratenden Alltag zu geben. Dem Schweigen und der Stille soll der Platz gegönnt werden, der für ein gelingendes Leben im Privaten wie im Beruflichen nötig ist. Betz schlussfolgert unter anderem: „Es gilt also, sich die Stille gegen den Zeitgeist als Raum zu erschließen, in dem wir gewahr bleiben, dass Dasein immer ein Mit-Sein mit anderen bedeutet, in dem sich kreative Veränderung nicht nur auf uns selbst, sondern auf die soziale Welt bezieht und den wir nutzen, um für Solidaritätserfahrungen offen zu bleiben“ (S. 166). Stille ermögliche einen bewussten und offenen Umgang mit der eigenen sinnlichen Wahrnehmung. Sinnliche Verwobenheit mit der Lebenswelt bilde das Fundament für Lebenssinn.

Betz und Reichel erinnern die Zeitgenoss_innen, sich auf Wesentliches und Bedeutendes zu begrenzen. Oder auch den Alltag in seiner Polarität wahrnzunehmen. Schließlich gehört zur Flüchtigkeit der Gegenwart auch ein Gegenpol – Stille und Schweigen.

 

Fritz Betz & René Reichel: Schweigen macht Sinn – Zur Bedeutung von Sprechpausen, Stille und Verschwiegenheit in Beratung, Psychotherapie und Alltag, Facultas-Verlag, Wien 2021, ISBN 978-3-7089-2074-0, 177 Seiten, 24.90 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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