„Schließlich sind sich die Melancholie und die Heiterkeit sehr nahe“

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Es war ein kühler und verregneter Wintertag. Eine Tante war mit über 90 Jahren verstorben. Schon in der Vorbereitung der Beisetzung wurden die Informationen ausgetauscht, dass die Corona-Pandemie wesentlich den Abschied eines vertrauten Menschen erschweren wird. Und wie es so oft ist, das Ganze muss erst einmal erlebt werden. Wen wundert es, es war alles sehr befremdlich.

Eine Beerdigung ist bekanntlich immer wieder eine Veranstaltung, bei der sich Menschen begegnen, die sich irgendwie sehr vertraut sind. Doch sind die Anlässe häufig die üblichen Lebenseinschnitte: Taufe, Hochzeit, runder Geburtstag, Beerdigung. Bei aller Traurigkeit kommt eigentlich auch Freude auf. Menschen begrüßen sich dann mit großer Herzlichkeit. Sie drücken sich, sie herzen sich.

In Zeiten der Corona-Pandemie geht dies nicht. Die Alltagsmaske erschwert sogar für einen Moment das gegenseitige Erkennen. Über einen Abstand von zwei, drei Metern begrüßen sich Menschen. Das wechselseitige Halten von Händen bleibt aus. Auch das Erzählen von Geschichten über die Verstorbene will nicht so recht aufkommen. Familie, Freunde und Nachbarn sind sich nah, aber irgendwie auch nicht.

Wenn die trauernden Menschen in die Friedhofskapelle gehen, dann ereignet sich meist auch Nähe. Momente des endgültigen Abschieds rücken näher, irgendwie rücken die Menschen, die der Verstorbenen nah waren, suchen auch gegenseitige Zuwendung. Doch in einer Abschiedsumgebung, in der Abstände mehr gelten als das Trauern über einen verlorenen Menschen, geht verloren, was dazugehört. Der Händedruck zwischendurch, ein Blick, der Solidarität signalisiert, vielleicht auch ein still gesprochenes gemeinsames Gebet.

Die Liturgie während der Trauerfeier geht traditionell über die Bühne. Es fehlen die gemeinsam gesungenen Lieder. Dies ist nicht so schlimm, werden diejenigen denken, die ihre Fähigkeiten zum Singen als begrenzt einschätzen. Die Corona-Verordnungen greifen in die Beerdigungen ein. Momente, die grundsätzlich in einer Weise erlebt und erfahren werden sollen, wie es den Trauernden entspricht, sind der Situation angepasst.

Als Ministrant im Kindes-und Jugendalter, aber auch als Privatmensch habe ich über Jahre und Jahrzehnte erlebt, dass die Trauerfeiern und Beerdigungen einen individuellen Charakter haben können. Wenn sich Menschen intensiv mit der eigenen Endlichkeit beschäftigt haben, so haben sie oft zu Lebzeiten Vorschläge gemacht, welche Lieder gesungen, Gebete gesprochen und Texte gelesen werden. Die Corona-Pandemie begrenzt dies. Die Emotionalität gemeinschaftlich gesungener Lieder kann gar nicht erst aufkommen. Lieder erzählen viel über die Menschen, über ihr Fühlen und Denken. Derzeit dürfen wir dies beim Abschied von ihnen nicht nachspüren.

Später steht die Trauergemeinde an der Beisetzungsstelle. Wiederum kann keine Nähe aufkommen, die bei diesem wirklich letzten Moment so wichtig wäre. Menschen können, dürfen nicht aneinanderrücken. Die Abstände zwischen den Menschen sind und bleiben groß. Die Kühle im Äußeren sorgt nicht für Wärme zwischen den Menschen. Jede und jeder bleibt im Moment des Abschieds eines vertrauten Menschen für sich allein.

In vielen Regionen im deutschsprachigen Raum verabschieden sich Menschen bei einem Leichenschmaus voneinander und natürlich auch von der Verstorbenen. Der Lockdown verbietet dies. Es bleibt aus, nicht nur miteinander zu weinen, sondern auch miteinander zu lachen. Schließlich sind sich die Melancholie und die Heiterkeit sehr nahe.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 293 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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