„Schlagworte näher betrachtet“

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Vor einigen Tagen ging die Begutachtungsfrist für die Pflegereformvorschläge zu Ende. Anhand der zahlreichen Rückmeldungen ist zu erkennen, wie sehr die Verantwortlichen, allen voran Gesundheitsminister Rauch, tatsächliche Reformen – wieder einmal – nicht auf den Weg gebracht haben. Zu den am meisten genannten Begriffen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des zuständigen Ressorts zählen der Fachkräftemangel und die Aufwertung der Pflegeberufe. Zu beiden Schlagworten nun einige Gedanken. 

Fachkräftemangel

Zahlreichen Berechnungen zu Folge werden bis zum Jahr 2030 zusätzlich mehr als 76. 000 Pflegefachkräfte gebraucht werden. Schon jetzt kann der Bedarf an ausgebildetem Pflegepersonal – um es noch einmal deutlich zu machen: gut ausgebildetes Pflegepersonal – nicht gedeckt werden. Um das Interesse bei den Zielgruppen, etwa bei jungen Menschen, aber auch im Bereich der Berufsquer – und Berufsumsteiger, für den Pflegeberuf zu wecken, ist eine Bundesländer übergreifende Finanzierung der Ausbildung notwendig. Die aktuellen Angebote, beispielsweise Zuschüsse von Arbeitsstiftungen, sind ein unübersichtlicher Fleckerlteppich und reichen kaum aus, um während der Ausbildung den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das sogenannte „Ausbildungsgeld“ ist wieder nur ein zögerlicher Schritt und keine umfassende Reform der Ausbildungsfinanzierung.

Der weitere Plan, über eine Lehrlingsausbildung mehr junge Menschen in das System zu bringen, wird hingegen viele Ressourcen für die praktische Ausbildung, sowie für weitere strukturelle Maßnahmen und vor allem jenes Geld verschlingen, das für die Finanzierung und den Ausbau der bestehenden Ausbildungsstruktur besser eingesetzt währe.

Zudem gilt es endlich mit diversen Klischees, die mit den Pflegeberufen noch immer in Verbindung gebracht werden, aufzuräumen und das umfangreiche Handlungsfeld der Pflegeberufe, nach internationalen Vorbildern, sichtbar zu machen. 

Aufwertung 

 Die „Aufwertung der Pflegeberufe“ haben sich schon viele auf ihre Fahnen geheftet, doch was bedeutet das eigentlich? Die in Aussicht gestellten Geldleistungen, welche noch dazu befristet sind, können damit nicht gemeint sein. Wenn nach wie vor Pflegleistungen und Betreuung in einem Atemzug genannt werden, man sich also nicht einmal die Mühe macht, die Handlungsfelder beider Bereiche zu unterscheiden, liegt der Verdacht nahe, dass die Bedeutung der Fachkompetenz beider Berufe, demnach der Sozialbetreuungsberufe und der Pflegefachberufe, den Entscheidungsträgern anscheinend immer noch nicht klar sind. Vielmehr ist anzunehmen, dass die notwendige Fachkompetenz beider Berufe, insbesondere bei der Versorgung Chronisch Kranker oder Pflegebedürftiger, bagatellisiert wird. 

Dabei ist längst klar, dass Pflegeberufe eine zentrale und entscheidende Rolle in allen Versorgungsangeboten des Gesundheitswesens haben und der Bedarf ihrer Fachkompetenz künftig noch mehr ansteigen wird. Es gibt zahlreiche Gründe, warum diese Tatsache nach wie vor ausgeblendet wird, einer davon ist sicher das mangelnde Interesse von Entscheidungsträgern, sich über das Handlungsspektrum von Pflegeberufen tatsächlich zu informieren. Nur so ist es wohl auch zu erklären, dass das Projekt der Community Nurse, zumindest aktuell, die wesentlichen Handlungsfelder der Pflegepraxis vernachlässigt. Gerade in diesem Bereich hätten die Verantwortlichen ein starkes Signal der „Aufwertung der Pflegeberufe“ durch die sichtbare Nutzung der Pflegefachkompetenz setzen können.

Zudem nimmt die Zahl der Angehörigen, die ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder betreuen in den kommenden Jahren dramatisch ab.

Wo bleiben die nächsten Schritte für die Umsetzung nachhaltiger Konzepte im Rahmen der Primärversorgung? Wie werden die Unterstützungsangebote für Angehörige, die Pflegebedürftige zu Hause versorgen weiterentwickelt? Wann werden Honorarkataloge für Pflegeleistungen zur Verfügung stehen, damit sich auch in diesen Bereich Kostenwahrheiten etablieren?

Es ist höchst bedauerlich und irritierend, wenn für den Bereich Pflege, nach wie vor eigentlich nur Schlagworte strapaziert werden und erneut eine Chance für die Errichtung eines bedarfsorientiertes Pflegewesen vertan wird.