Schlafstörungen: Alarmsignale für die Früherkennung neuroimmunologischer Krankheiten

16. Juni 2018 | Gastkommentare | 0 Kommentare

Für schwerwiegende neurologische Erkrankungen sind Schlafstörungen häufig die ersten Anzeichen. Behandler sollten sich daher intensiv nach der Schlafqualität ihrer Patienten erkundigen, betonten Experten beim Kongress der European Academy of Neurology in Lissabon. Auch seltene neuroimmunologische Erkrankungen machen sich häufig durch eine schlechte Schlafqualität bemerkbar.

Lissabon, 16. Juni 2018 – Wenn Patienten von Schlafstörungen berichten, sollten bei Neurologen die Alarmglocken läuten. Denn sie sind häufig ein erstes Anzeichen für schwere neurologische Erkrankungen. Dies gilt für abnormales Schlafverhalten ebenso wie für exzessive Schläfrigkeit oder Schlaflosigkeit. „Zwei Drittel der Menschen, die an Störungen des REM-Schlafes leiden, entwickeln im späteren Verlauf Morbus Parkinson, Demenz mit Lewy-Körperchen oder Multi-Systematrophie“, berichtete Dr. Konstanze Philipp (Münster) beim 4. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Lissabon.

Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (Schenk-Syndrom) äußert sich im Verlust der sogenannten physiologischen Paralyse, die bei gesunden Menschen für ein Erschlaffen der Muskulatur während des Traumschlafes sorgt. Geht diese Hemmung verloren, bewegen sich die Betroffenen in der REM-Phase, schreien, treten und schlagen um sich und können sich selbst und ihre Partner verletzen. In Kombination mit bestimmten biologischen Markern könnte in Zukunft eine Diagnose dieser neurodegenerativen Erkrankungen schon Jahre vor dem Auftreten der ersten bewusst wahrgenommenen Symptome möglich werden. Doch wer in Krankenakten nach einer dokumentierten Schlafgeschichte der Patienten sucht, wird nur selten fündig. „Das müssen wir nun verstärkt ins Bewusstsein bringen“, betonte Dr. Philipp. „Eine bessere Früherkennung könnte in Zukunft auch die therapeutischen Ergebnisse verbessern.“ So gibt es etwa die begründete Hoffnung, dass neue therapeutische Ansätze den Ausbruch von Morbus Parkinson verhindern oder zumindest verzögern können, wenn die Behandlung sehr früh beginnt.

Aktiv im Schlaf – möglicher Hinweis auf Autoimmunerkrankung

Schlaflosigkeit oder schlechte Schlafqualität können auch auf seltene, durch Antikörper verursachte neuroimmunologischen Krankheiten hinweisen, wie Dr. Philipp am EAN-Kongress anhand von drei Fallbeispielen illustriert: Ein 69-Jähriger erzählte, er sei neuerdings im Schlaf sehr aktiv und deswegen zweimal aus dem Bett gefallen. Sein Schlaf sei nicht mehr erholsam, er schliefe tagsüber immer wieder unfreiwillig ein. Wenige Monate später entwickelte der Mann Gangstörungen, hatte Probleme mit der Augenmotorik und außerdem Chorea-ähnlich Bewegungsstörungen mit unwillkürlichen, plötzlichen und unregelmäßigen Bewegungen. Erst dann wurde bei ihm eine sehr seltene, erst vor wenigen Jahren entdeckte Autoimmunerkrankung festgestellt: die Anti-IgLON5-Krankheit oder Autoimmune Enzephalopathie mit Parasomnie und obstruktiver Schlafapnoe. Das Syndrom ist durch eine komplexe, fortschreitende Schlafstörung charakterisiert und wird durch Antikörper gegen das neuronale Oberflächenmolekül IgLON5 ausgelöst.

Tagesmüdigkeit oder Schlaflosigkeit als erste Signale

Weitere Beispiele aus Dr. Philipps Fallanalysen: Bei einem 33-Jährigen wurde nach langer Suche eine Ma2-Antikörper-Enzephalitis diagnostiziert, die von einem Keimzellentumor verursacht wird. Schon anderthalb Jahre zuvor hatte der junge Mann unter extremer Tagesmüdigkeit, hypnagogenen Halluzinationen und Bewegungsunfähigkeit im Schlaf gelitten. Erst als im Schlaflabor eine Schlafsucht zentralnervösen Ursprungs ermittelt wurde, kamen die Ärzte dem eigentlichen Problem und der richtigen Diagnose auf die Spur. Auch bei einem 51-Jährigen waren Schlafstörungen die ersten Signale für eine schwerwiegende neuroimmunologische Erkrankung: Zwei Jahre lang setzen ihm Schlaflosigkeit zu. Als sich danach noch verschiedene muskuläre Symptome wie Myalgien, Krämpfe oder Faszikulationen einstellten, diagnostizierten die Ärzte schließlich das Morvan-Syndrom, eine Form der Autoimmunenzephalitis, assoziiert mit Antikörpern gegen das „Contactin-associated protein“ 2 (CASPR2).

Dr. Philipp appellierte: „Fragen, Zuhören und Dokumentieren ist die billigste und einfachste Diagnosemöglichkeit für diese komplexen Erkrankungen. Wir sollten sie nutzen. Auch wenn die Therapie-Ansätze noch ausbaufähig sind: Früherkennung ist gerade bei neurodegenerativen Störungen essentiell.“


Quelle: Abstract 4th EAN Congress Lisbon 2018: EPO3111 K. Philipp et al: Sleep Disorders: A key symptom in multiple neurological disorders

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)