Schizophrenie und Gewalt

Psychiatrie als Projektionsfläche für eigene Ängste

Wer kennt dies nicht? In der eigenen Umgebung wird ein psychisch erkrankter Mensch gewalttätig. Geradezu reflexhaft kommen Menschen in den Blick, die an einer Schizophrenie erkrankt sind. Schizophrenie und Gewalt wird als unvermeidliches Begriffspaar gedacht. Die Autorinnen und Autoren des Buchs „Schizophrenie und Gewalt“ bringen nun Sachlichkeit in die Diskussion. Der österreichische Psychiater Hans Schanda stellt unter anderem fest: „Beide, Patienten und Psychiatrie, eignen sich dergestalt hervorragend als Projektionsflächen für eigene Ängste und Aggressionen. An dieser Einstellung hat sich bis zum heutigen Tage nichts Entscheidendes geändert“ (S. 43).

Diese Tatsache macht notwendig, dass ein solches Buch in die Fachdiskussion eingebracht wird. Schließlich fängt die Sensibilisierung bei den psychiatrischen Professionellen an, führt im Trialog zu den Betroffenen und Angehörigen und muss schließlich in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht werden. Schanda selbst sieht eine Diskrepanz, die nur schwer aufzulösen ist. Zwischen der emotionalen Reife voraussetzenden Forderung nach Freiheit und dem zugleich vorhandenen regressiven Bedürfnis nach Sicherheit bestehe allerdings eine ungelöste Diskrepanz, „um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass unsere Gesellschaft tatsächlich reifer und vorurteilsfreier geworden ist“ (S. 44).

Paul Hoff schreibt über den „historischen, gesellschaftlichen und forensisch-psychiatrischen Diskurs über die Gefährlichkeit Schizophreniekranker“. Wulf Rössler thematisiert „das Verschwinden der Kranken aus den Behandlungskontexten“. Die „Prädiktoren für Gewaltdelikte bei Schizophrenie“ haben Thomas Stompe, Kristina Ritter und Hans Schanda im Blick.

Es ist bezeichnend, dass das Buch „Schizophrenie und Gewalt“ den wissenschaftlichen State-of-the-art im Zusammenwirken von Aggression und der Schizophrenie beschreibt. Für Behandlerinnen und Behandler ist diese Sicht sicher unverzichtbar. Doch geht dem psychiatrisch Engagierten immer wieder durch den Kopf, wie diese entscheidende Fragestellung populärer in die Gesellschaft getragen werden kann.

Im Beitrag „Schizophrenie und Suizid“ belegt David Holzer, dass Menschen mit schizophrenen Psychosen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung mit einem erhöhten Risiko belastet sind, „durch Gewalttaten straffällig zu werden oder durch Selbsttötung vorzeitig zu versterben“ (S. 77). Suizidale Handlungen könnten dabei als radikale Befreiungsversuche von quälenden psychotischen Erlebnissen oder als depressive Verzweiflungstaten aufgrund der verlorenen Autonomie verstanden werden (S: 77). Aktuelle Studien legten nahe, „dass zwischen fremd-und selbstaggressiven Verhaltensweisen bei schizophrenen Psychosen Gemeinsamkeiten und Wechselbeziehungen bestehen, sodass für eine adäquate Beurteilung der Suizidalität auch gewalttätige Handlungen als Risikofaktor mitbedacht werden sollten“ (S. 78).

Im psychiatrischen Praktiker rufen die sachlichen Feststellungen des Buchs „Schizophrenie und Gewalt“ wach, die im beruflichen Alltag im Hintergrund sind. Während die fremdaggressiven Potentiale einer schizophrenen Erkrankung noch präsent sind, so geraten die eigenanggressiven Impulse sicher schneller in den Hintergrund. Deshalb ist Stompe und Schanda, aber auch den anderen Autorinnen und Autoren zu danken, die ein für die Praxis wichtiges Thema wieder in das Scheinwerferlicht gerückt haben.

Thomas Stompe / Hans Schanda (Hrsg.): Schizophrenie und Gewalt, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2018, ISBN 978-3-95466-375-0, 174 Seiten, 39.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 109 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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