„Rhythmus im Alltag und im Beruf“

Über Entschleunigung und Möglichkeiten, zu sich selbst zu finden

(C) FrankyG

In diesen Tagen stellen wir uns häufig die Frage, was denn eigentlich die Corona-Pandemie mit uns macht. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht in dem Corona-Virus den radikalsten Entschleuniger der letzten 200 Jahre. Aus der eigenen Erfahrung der letzten Wochen können wir dem Gegenwartsanalytiker Rosa nur zustimmen. Mit einem Strich waren unsere Kalender leer. Unzählige Veranstaltungen wurden abgesagt, wir wurden gebeten, uns auf das unmittelbare soziale Umfeld im Alltag zu begrenzen.

Diese und viele andere Schritte haben Auswirkungen auf uns gehabt. Der Weg zur Arbeit oder nach Hause kann nicht mit einem Stadtbummel garniert werden. Es können keine Freunde getroffen werden, um sich über den Alltag auszutauschen. Wenn wir mit dem Blick auf die pflegerische Arbeit schauen, so ist in den Zeiten der Entschleunigung auch nicht die Möglichkeit gegeben, Psychohygiene in der gewohnten Weise zu betreiben.

Die Entschleunigung hat trotzdem ihren Reiz. Schließlich verändern sich mit dem Herunterfahren des Alltags die Rhythmen des Lebens. Auf ganz eigene Weise werden wir auf das Wesentliche beschränkt. Da kommen mir die Mönche in den Sinn, die in klösterlicher Abgeschiedenheit leben. Die Benediktiner leben beispielsweise in der Polarität von Ora et Labora. Alltägliche Ablenkungen sind ihnen in den Klostermauern nahezu fremd. Der jahrhundertealte Rhythmus zwischen den Gebets-und Arbeitszeiten ist die Orientierung an jedem Tag der Woche.

Rhythmen brauchen wir als Menschen. Rhythmen brauchen wir als Pflegende. Dies beginnt eigentlich schon mit dem Dienstplan. Finden sich in einem Dienstplan feste Strukturen, so können sich Pflegende, Gepflegte und auch Arbeitgeber sicher sein, dass eine hohe Qualität abgeliefert wird. Immer wiederkehrende Rhythmen garantieren in einem hohen Maße, dass Pflegende aufmerksam, konzentriert und ausgeschlafen ihre tägliche Arbeit machen.

So gibt uns die Entschleunigung in diesen Tagen die Gelegenheit, einmal nach den eigenen Rhythmen zu schauen. Wir können uns fragen, was uns eigentlich wichtig ist. Wir können unseren Alltag endlich einmal auch ausmisten, was wir üblicherweise kaum wagen. Oft fahren wir auf der linken Spur einer Autobahn mit einer hohen Geschwindigkeit. Sie verbinden wir damit, dass wir eine hohe Perfektion abliefern wollen. Als Pflegende haben wir häufig den Anspruch an uns selbst, dem multiprofessionellen Team, den Patientinnen und Patienten, der Institution und wem auch immer gerecht zu werden. So geraten wir einfach in die Mühlen des Alltags und können uns diesem Rad kaum entziehen.

Deshalb finde ich die Überlegung sympathisch, was die Menschen in den Klöstern beim gesellschaftlichen Herunterfahren als Erfahrungsschatz in die Gesellschaft hineintragen können. Im Alltag einen Rhythmus zu haben, gibt unter anderem die Möglichkeit, Maß zu halten. Maß zu halten in der Unterstützung für einen Menschen, der pflegebedürftig oder gebrechlich ist. Maß zu halten kann wieder dahin führen, Ressourcen bei Menschen zu fördern, die erhalten bleiben müssen, um möglichst viel Selbstverantwortung und Selbständigkeit bei Menschen zu erhalten.

Oder auch anders gedacht und gehandelt: Der Rhythmus im Alltag und im Beruf gibt uns als Pflegenden die Freiheit, die Fremdsorge fachlich und menschlich zu leisten – und dabei die Selbstsorge nicht zu vergessen. Schauen Sie doch einmal, was das klösterliche Leben Ihnen geben kann. Dafür muss niemand gläubig sein.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 189 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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