Recovery-Orientierung ist in erster Linie eine Haltungsfrage“

Christoph Müller im Gespräch mit Hilde Schädle Deininger

(C) May_Chanikran

Hilde Schädle-Deininger ist aus der psychiatrischen Pflege im deutschsprachigen Raum kaum wegzudenken. Seit mehr als fünf Jahrzehnten sorgt sie sich um seelisch erkrankte Menschen – im professionellen wie im mitmenschlichen Umfeld. Gleichzeitig zählt sie zu den Vordenkerinnen ihrer Profession. Und dies schon seit der Psychiatrie-Enquete in den 1970er Jahren. In diesen Tagen ist ihr Buch „Grundlagen psychiatrischer Pflege“ in dritter Auflage erschienen. Christoph Müller hat sie getroffen.

Christoph Müller Es geschieht selten, dass ein pflegerisches Fachbuch in der dritten Auflage erscheint. Welche Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern haben Sie, welchen praktischen Nutzen das Buch „Grundlagen psychiatrischer Pflege“ hat?

Hilde Schädle-Deininger Das Sympathische für die Leserinnen und Leser ist wohl die Übersichtlichkeit und Komprimiertheit der fachlichen Inhalte. Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen betonen, dass es einfach ein handliches Buchformat ist, das sozusagen in die Kitteltasche passt, um gelegentlich mal etwas nachzulesen. Betont wird, dass die grundlegenden Elemente der psychiatrischen Pflege vertreten sind. Menschen aus anderen Berufsgruppen in der psychiatrischen Versorgung unterstreichen, dass die Aufgaben sich umfassender darstellen als sie bisher glaubten. Es gibt auch gelegentlich Stimmen, die das eine oder andere Inhaltliche vermissen. Das ist richtig. Aber es handelt sich um „Basiswissen“. Expertenwissen in der psychiatrischen Pflege muss wesentlich umfangreicher sein.

Christoph Müller Einer der zentralen Begriffe, der im Buch auftaucht, ist die Haltung psychiatrisch Pflegender in der Praxis. Wieso ist die Haltung so entscheidend in der Begegnung mit Menschen, die seelisch erkrankt sind?

Hilde Schädle-Deininger Schon in der ersten Begegnung mit einem psychisch erkrankten Menschen werden die Weichen insofern gestellt, ob sich das Gegenüber angenommen, sicher, ernst genommen und mit seinen Nöten gesehen fühlt. Dies heißt, dass ich auf den anderen Menschen neugierig auf sein muss und ihn als handelndes Subjekt, das mir seine Lebens- und Krankengeschichte voraushat, wahrnehme. Dazu gehört, dass ich mir meines Wirkens als Person und mit meinem Verhalten sowie meiner beruflichen Rolle bewusst bin. Von daher sind ethische und humanistische Werte die Grundlage pflegerisch verantwortlichen Handelns, die immer wieder neu reflektiert und diskutiert werden müssen. Mir ist sehr bewusst, dass dies ein hoher fachlicher Anspruch sein kann. Uns ist als Professionellen oft nicht klar, wie wichtig das erste Zusammentreffen ist. Es werden Weichen gestellt. Und außerdem gilt, was in einem anderen Zusammenhang immer wieder gesagt wird: „Ein Lächeln ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen“.

Christoph Müller Der Recovery-Gedanke, der dafür steht, dass Betroffene wieder Zugang zur eigenen Lebensgeschichte finden sollen, wird von Ihnen stark betont. In der pflegerischen Praxis erscheint es oft nicht konkret, was damit gemeint sein könnte. Was wünschen Sie den Berufskolleginnen und Berufskollegen in der ambulanten und stationären Versorgung?

Hilde Schädle-Deininger Mehr aus der Sicht des Betroffenen und mit dem psychisch erkrankten Menschen gemeinsam zu denken, was für ihn im Vordergrund steht und welche Unterstützung, Begleitung und Hilfe er sich vorstellt und welche ich ihm anbieten kann und wie wir unsere gemeinsame Arbeit „definieren“. Recovery-Orientierung ist für mich in erster Linie eine Haltungsfrage und bekräftigt, sich auf die Situation des Einzelnen einzulassen. Es heißt, sich als professionell Pflegende beispielsweise zu fragen, wo und wie kann ich unterstützen, dass der Betroffene wieder an sich selbst glauben und Selbstvertrauen wiedererlangen kann. Auf welche Weise kann ich Selbstverantwortung beim psychisch erkrankten Menschen fördern, damit er wieder ein positives Selbstbild sowie Selbstakzeptanz entwickeln kann.

Christoph Müller Psychiatrisch zu arbeiten bedeutet, eine sprechende Pflege zu leben. Sie sprechen sich für die gezielte Anwendung nonverbaler Kommunikation aus. Gibt es diesbezüglich Nachholbedarf? Oder werden die Wirkungen von Mimik, Gestik und Körperhaltung unterschätzt?

Hilde Schädle-Deininger Die Wirkung von nonverbaler Kommunikation ist ja eine Stärke der Pflege und kann durchaus gezielt eingesetzt werden. Die Pflege teilt mit dem einzelnen psychisch erkrankten Menschen Zeit, hält mit ihm schwierige Situationen im Alltag aus, ist einfach da oder dabei und solche Situationen werden durch Körperhaltung, Mimik, Gestik oder auch euch ein kurzes Kopfnicken usw. mit beeinflusst und getragen. Das ersetzt nicht das Gespräch, das auf unterschiedliche Weise geführt werden kann, ist jedoch ein guter „Türöffner“ für Menschen, die beispielsweise im Augenblick nicht zu einem Dialog fähig sind und hat damit eine „haltende Funktion“.

Christoph Müller Sie machen schon früh in dem Buch deutlich, dass es in der Arbeit mit seelisch erkrankten Menschen keine Patentrezepte gibt. Viele Pflegende haben den Wunsch nach Methoden, um die eigenen Interventionen gelingend umsetzen zu können. Was sagen Sie zu dem scheinbaren Graben oder Spagat?

Hilde Schädle-Deininger Die jeweilige Erkrankung wirkt sich auf den einzelnen Betroffenen unterschiedlich aus, auch bei demselben Krankheitsbild sowie ärztlichen und pflegerischen Diagnosen. Selbstverständlich ist Fachwissen wichtig und gleichzeitig geht es darum, einen individuellen gangbaren Weg aus der Krise und Krankheit zu finden. Ich hoffe in dem kleinen Buch wird deutlich, dass die Pflege ganz unterschiedliche Kompetenzen bzw. Schlüsselqualifikationen braucht. Gerade in der psychiatrischen Pflege geht es bei der Wissensvermittlung um breit angelegte und vernetzte Inhalte, zudem Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, um so eine umfassende Kompetenzentwicklung anzustoßen. Konkret heißt das, bei jedem Einzelnen seine individuelle Situation zu betrachten und dann im gemeinsamen Einvernehmen nach Lösungen im bunten Strauß von Handlungsmöglichkeiten zu suchen und sich bewusst zu sein, dass meine Problemlösungen für meinen Gegenüber möglicherweise nicht passen und er seine eigenen finden muss und wird. Dabei kann ich zur Seite stehen.

Christoph Müller Im Zusammenhang mit der Verabreichung von Psychopharmaka unterstreichen Sie die vielen Möglichkeiten, wie Pflegende Schlüsselrollen einnehmen können, damit diese Form der Therapie für alle Beteiligten zu einem guten Ergebnis führt. Wie kommt es dazu, dass Pflegenden nicht bewusst ist, wie zentral ihre Position ist?

Hilde Schädle-Deininger Sicher spielen da viele Faktoren eine Rolle. Zentrale Aspekte sind aus meiner Sicht, beispielsweise im stationären Bereich die häufig vorherrschenden hierarchischen Strukturen, vor allem im Hinblick auf ärztliche Verordnungen und dass sich Pflegemitarbeiter*innen im Alltag ihre Durchführungsverantwortung nicht immer bewusst machen. Zu beobachten ist auch, dass im Alltag Psychopharmaka weniger unter dem Aspekt der „Symptombehandlung“ betrachtet werden. Mein häufig flapsiger Spruch ist, dass man so tut als wenn man mit den Medikamenten z. B. den „Schizokokkus“ behandelt. Ich möchte dazu beitragen, dass Psychopharmaka als Hilfe im Einvernehmen mit dem Patienten eingesetzt, aber auch deren Nutzen überdacht wird. Natürlich gibt es in Krisensituationen Ausnahmen, die jedoch mit dem nötigen Abstand besprochen werden müssen.

Christoph Müller Sie gehören zu denjenigen psychiatrisch Pflegenden, die den Wert von Fort- und Weiterbildung für die Praxis stets betonen. Welchen Beitrag will das Buch „Grundlagen psychiatrischer Pflege“ dazu leisten?

Hilde Schädle-Deininger Es soll anregen, sich mit dem Beruf und dem spezifischen Handlungsbereich der psychiatrischen Pflege auseinanderzusetzen und Lust machen auf Weiterentwicklung im Sinne von lebenslangem Lernen. Ich bin überzeugt, dass nur eine berufliche Identität sowie berufliches Engagement zum Verbleib im Pflegeberuf beitragen. Dazu gehört auch, sich für einen Beruf zu begeistern und verantwortungsbewusst zu einer umfassenden Versorgung psychisch erkrankter Menschen beizutragen bzw. beitragen zu können. Deshalb muss ich mir bewusst sein und das notwendige Knowhow haben, was der spezifische Beitrag professionell-psychiatrische Pflege im Zusammenwirken mit anderen Berufsgruppen, Diensten und unterschiedlichen Qualifikationen ist. Dies kann meines Erachtens nur über eine umfassende, dem internationalen Standard angepasste pflegerische Bildungsreform gehen.

Christoph Müller Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Das Buch, um das es geht

Hilde Schädle-Deininger: Grundlagen psychiatrischer Pflege, Psychiatrie-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-96605-068-5, 184 Seiten, 18 Euro.

 

 

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 208 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen