Recht auf Demenz – Ein Plädoyer

„Ein Weckruf“

Was ist denn eigentlich eine Demenz? Ist es einfach nur eine Erkrankung? Oder steckt da mehr drin? Für den Gerontologen und den Rechtswissenschaftler Thomas Klie ist die Demenz „ein Thema mit symbolischer Bedeutung für unsere Gesellschaft“ (S. 14). Dies macht Klie mit dem aktuellen Buch „Recht auf Demenz – Ein Plädoyer“ deutlich, das als ein Weckruf in der Gegenwart verstanden werden kann. So ist er davon überzeugt, dass Menschen mit Demenz ihr Leben nicht als unerträglich erleben müssen, „sie können Glück und Zufriedenheit ebenso erfahren wie wir“ (S. 15).

Für diese Positionierung ist Klie zu danken. Denn damit sorgt er für einen überfälligen Perspektivwechsel. Statt auf die Defizite zu blicken, so schaut Klie nach den Potentialen, die ein Leben mit Demenz in sich birgt. Er wagt es sogar, von einem „ars vivendi dementia“ (S. 142) zu sprechen. In Anlehnung an den zeitgenössischen Philosophen Peter Sloterdijk formuliert er: „Das Bei-sich-Sein, das Leben in inneren Welten, sich selbst abzugrenzen und nichts zu tun haben zu wollen mit den Vorstellungen der Alltagsgestaltungen anderer – auch das sind Aspekte des Personseins und Ausdruck individueller Würde, die sich in Geschichten zeigen“ (S. 143).

Da wundert es nicht, dass die Demenz als Phänomen im gesamten Buch positiv und optimistisch konnotiert ist. Statt demente Menschen als Objekte der Fürsorge zu beschreiben, nennt Klie Menschen mit Dement „Mitmenschen“ (S. 21). Als Mitmenschen seien wir gefordert, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen mit Demenz von der Zuversicht getragen werden könnten. Konkret: „Menschen mit Demenz, aber auch ihre An-und Zugehörigen brauchen eine mittragende, soziale Gemeinschaft, die um die Bedingungen guten Lebens ringt, Anteil nimmt, Schutz und Zuneigung, Trost und Bekräftigung von Menschen mit Demenz gewährleistet …“ (S. 24).

Das Hilfreiche des Buchs ist es, dass sich Klie nicht in Beschreibungen zum Umgang mit dementiell veränderten Menschen verliert. Sein Buch ist ein gesellschaftliches und politisches Statement, das gehört werden muss. Schließlich ist davon auszugehen, dass professionell Helfende, die sich seine Haltungen zu eigen machen, Versorgungssettings anders gestalten als wir sie heute oft erleben.

Eindruck hinterlassen die Berichte über Betroffene, die Klie dokumentiert. Da entwickelt das Buch eine besondere Überzeugungskraft, die sich ansonsten in Betroffenheit und Mitleid verliert. Momente guten Lebens setzt Klie Trauer und Niedergeschlagenheit entgegen.

Sein Plädoyer für eine Caring Community wird viel Mühe kosten. Es gebe keine einfachen Lösungen für die Herausforderung, die ein Leben mit Demenz aufgebe. Demenz sei eine bittere Medizin für eine Macher-Gesellschaft. So erinnert Klie daran, dass es nicht bloß um Hilfe-und Alltagsstrukturen für Menschen mit Demenz gibt, die beispielsweise Lebensqualität bedeuten. Es geht auch um gesellschaftliches Denken und den Diskurs darüber.

 

Thomas Klie: Recht auf Demenz – Ein Plädoyer, Hirzel Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-7776-2901-8, 171 Seiten, 18 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 301 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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