Ratgeber Generalisierte Angststörung

11. Oktober 2020 | Rezensionen | 0 Kommentare

Ehrlich gesagt: Menschen mit Angststörungen irritieren die Menschen nicht nur. Sie stoßen häufig auch auf Unverständnis. Dabei ist eine generalisierte Angststörung natürlich eine ernstzunehmende seelische Erkrankung. Die Betroffenen bewegen nicht nur übermäßige Sorgen und Befürchtungen. Nein, es kommen auch unglaublich deutliche psychische und körperliche Anspannungen dazu. Und es fällt schwer, diese ausgeprägten Symptome auszuhalten bzw. sie zu bewältigen.

Was macht denn eine generalisierte Angststörung aus? Die Autor_innen des „Ratgebers Generalisierte Angststörung“ unterstreichen, dass es die Chronizität ausmacht. Die Inhalte kreisten um die Familie und die Gesundheit, die Arbeit oder die Ausbildung und vielen anderen „tagtäglichen Kleinkram“ (S. 14). Auch eine Folge, die unbedingt zu vermeiden ist, bringen die Autor_innen auf den Punkt: „Bleibt eine Generalisierte Angststörung unbehandelt, so belastet und beeinträchtigt sie häufig viele wertvolle Lebensjahre. Nicht nur die Betroffenen selbst leiden dann unter dieser Störung, sondern auch die Familie, Freunde oder die Arbeit“ (S.16).

Gerade die Tatsache, dass eine seelische Erkrankung wie die Generalisierte Angststörung das persönliche Umfeld eines Betroffenen sehr stark mitbetrifft, macht es notwendig, viel über diese Störung zu wissen und Wege zu einer Bewältigung zu finden. So rücken die Autor_innen bildlich die Möbel gerade, wenn sie die Angst erst einmal als „biologisch sinnvolle Reaktion mit hohem Überlebenswert“ (S. 18) beschreiben. Angst diene als Signal für Gefahr und helfe, diese zu vermeiden.

Dieser übersichtliche und verständlich geschriebene Ratgeber lebt davon, dass die Autor_innen viel mit Praxisbeispielen arbeiten. So haben Betroffene und Angehörige die Gelegenheit, sich in ganz konkrete Situationen und Erfahrungen einzufühlen. Sie nehmen die Leserin und den Leser mit, wenn sie ausführlich darüber berichten, dass möglicherweise falsche Überzeugungen und Gewohnheiten die Störung aufrechterhalten.

Genauso detailliert wie die Autor_innen den Forschungsstand über die Generalisierte Angststörung referieren, genauso pragmatisch bieten sie unter anderem mit Arbeitspapieren erste Schritte, mit der Erfahrung einer Generalisierten Angststörung umzugehen. Es klingt zum Beispiel ermutigend, wenn sie schreiben: „Lernen Sie zu entscheiden, welche Sorgen wirklich Ihre Aufmerksamkeit verdienen“ (S. 30).

Für viele Betroffene und Angehörige wird es eine neue Einsicht sein, die Sorgenzeiten im Tagesverlauf festzulegen, um die Kräfte im Alltag bündeln zu können. Es tauchen Begriffe wie Problemlösetraining und Stressbewältigung auf. So können sich Betroffene wie Angehörige dem Pragmatismus dieses Ratgebers wahrscheinlich nicht entziehen.

Ganz entscheidend ist in den Augen der Autor_innen, sich mit den Sorgen zu konfrontieren, sie nicht zu vermeiden. Damit würden nicht bloß Teufelskreise durchbrochen, vielmehr würden auch Prinzipien der Verhaltenstherapie bereits in niederschwelligen Übungen erlebt.

Für Betroffene und Angehörige offenbart der „Ratgeber Generalisierte Angststörung“ einen großen Nutzen. Es erscheint auf den ersten Blick in der Weise, dass sich Menschen fühlen, als würden sie in kaltes Wasser gestoßen. Doch das Strampeln und Koordinieren der Bewegungen zeigt recht zügig, dass es auch im kühlsten Nass warm werden kann.

 

Jürgen Hoyer, Katja Beesdo-Baum & Eni S. Becker: Ratgeber Generalisierte Angststörung, Hogrefe-Verlag, Bern 2016 (2. Auflage), ISBN 978-3-8017-2708-6, 81 Seiten, 9.95 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at