Rad schlagen erwünscht!

11. August 2020 | Bildung | 0 Kommentare

Menschen, die mit stolzgeblähter Brust auftreten oder gar pfauenhaftes Gehabe an den Tag legen, machen uns skeptisch, nicht selten aggressiv. Sichtbar nach außen zur Schau gestellte große Zufriedenheit mit der eigenen Leistung, dem persönlichen Können gilt als sozial wenig akzeptiert. Dennoch mangelt es unserer Zeit nicht an Personen, die sich von solchen Bedenken nicht irritieren lassen, da die „große Bühne“ Hochkonjunktur hat und Zögerer als Velierer gelten, die ihr Problem selbst verursacht haben. In der klassischen Theologie gilt „Superbia“ (Hochmut, Stolz, Übermut) als eine von sieben schlechten Eigenschaften, die Sünden zur Folge haben. Es wäre gänzlich falsch, dem Stolz eine kategorische Absage zu erteilen, ihn zu verbannen – gibt es doch eine andere, gute, der persönlichen Entwicklung dienenden Seite der großen Zufriedenheit mit sich selbst und anderen! Pflegende tun sich seit Beginn ihres Berufsstandes merklich schwer, Stolz zu empfinden und diesen zu artikulieren. Dabei sind es gerade sie, die – nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie – ihre Zurückhaltung kritisch prüfen sollten.

Stolz ist ein schwer zu fassendes Phänomen. „Einige verknüpfen Stolz mit positiven Phänomenen, etwa mit einem hohen Selbstwertgefühl, Erfolgserlebnissen oder selbstlosem Handeln zum Wohl der Gemeinschaft. Andere wiederum lassen den Stolz in einem eher schlechten Licht dastehen: Sie rücken ihn in die Nähe von Narzissmus, aggressivem Verhalten oder Beziehungsproblemen“ (Schaarschmidt/spektrum.de, 2018). Wie passt dies zusammen? Die Psychologin Jessica Tracy von der kanadischen University of British Columbia und ihr kalifornischer Kollege Richard Robins schaffen Klarheit: „Das Paradox kann gelöst werden, wenn wir die prosoziale, erfolgsorientierte Form der Emotion von der selbstverherrlichenden, anmaßenden Form trennen – und zwei verschiedene Formen des Stolzes annehmen“ (zit. in Schaarschmidt, 2018, o. S.). Was wir gemeinhin als Stolz bezeichnen, setzt sich aus zwei eigenständigen Phänomenen zusammen. Den authentischen Stolz empfinden wir als ehrlichen und wohlverdienten Ausdruck der berechtigten Freude einer erbrachten Leistung. Der überhebliche Stolz aber ist so etwas wie „sein böser Zwillingsbruder“ (a.a.O.), verknüpft mit Selbsterhöhung, Egoismus und Geringschätzung anderer. Wieso aber sollte der Stolz in der Berufsgruppe der Pflegenden mehr Raum einnehmen? Die gezieltere Betrachtung zweier Merkmale kann hilfreich sein.

Pflegende leben Treue

Auf den ersten Blick mag diese (verstaubte?) Vokabel Skepsis wecken. Das Wort „treu“ klingt altbacken. Ein treuer Hund, das mag man noch gelten lassen. Ein treuer Mensch – da fürchtet man schon den treuen Dackelblick. Wenn es heißt „Das  ist  ein  treuer  Geselle!“,  dann  ist  fast  schon  das  „Treu-doof“ mitzuhören (Schulte, 2018). Die Haltung der Treue ist von zentraler Bedeutung für unser Leben. Selbst unser Denken braucht Treue. Anschaulicher und praxisnäher wird es, lässt man Synonyme zu.

Treue   steht   für   Stetigkeit,  Beständigkeit,   Beharrlichkeit,   Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Loyalität, eben für dauerhaftes, übergreifendes Verbundensein. Das Gegenteil wäre: Nachlässigkeit, Wortbrüchigkeit, Veruntreuung, Schlampigkeit, Trägheit, Willkür und die Neigung, nur das zu tun, wozu man gerade Laune hat.

Ein Mensch der Treue hält an seiner Verantwortung fest, selbst wenn ihm Schaden droht. Er steht zum gegebenen Wort auch dann, wenn es für ihn ungünstig ist. „Treue geht damit weit über eine innere Haltung hinaus. Es geht um die Tat“ (Kaemper, 2014).

Die Parallellen zum Pflegeberuf sind nicht zu übersehen! Verkürzt man die somit die damit verbundene Erkenntnis, lässt sich zusammenfassen: Ein Krankenhausalltag wäre ohne gelebte Treue unmöglich!

Damit bewegt sich die Erörterung auf der ausschließlich idealistischen Ebene. Ernüchternde Einsichten dürfen nicht ausgespart werden, wobei sie die Leistung der Akteure in der Bilanz weiter aufwerten. Michael Bossle kommentiert die Lage im Gesundheitswesen eindeutig: „Da stehen Menschen für Menschen ein und gleichzeitig verblasst, nein, verschwindet der Mensch als Gegenstand des professionellen Handelns.  Eine grundsätzliche Erwartungshaltung des Menschen bleibt dabei allerdings zurück. Menschen vertrauen einander. Ganz besonders, wenn es um ein so wichtiges Gut wie deren Gesundheit geht. Wie es professionellen Helfern dabei geht, Teil einer (…) Fallzahl-Produktionsindustrie zu sein, kann man sich selbst als Außenstehender sicher vorstellen. Vielen geht es dabei nicht mehr gut. Es stehen Werte wie Gesundheit, Vertrauen und Ethik nicht nur auf dem Spiel, sondern sie drohen für manche Akteure gänzlich zu verschwinden. Und damit verschwinden im schlimmsten Fall auch die Helfer. Sie werden zu Verletzten eines sogenannten Gesundheitssystems, das angeblich zu einem der besten der Welt gehören soll (2020, S. 397)“.

Welchen Schluss, bezogen auf die Tugend der Treue, muss man daraus ziehen? Auf den Punkt gebracht: Pflegende, die noch nicht resigniert haben, bleiben ihren (ethischen) Prinzipen, ihrem Auftrag treu, während das System sich von Jahr zu Jahr mehr mit schwindelerregendem Pragmatimus in Treulosigkeit offenbart.

In den Anfängen der Corona-Pandemie wurde der Welt bewusst, wie treu all jene sind, die in den Kliniken und Pflegeheimen in der Pflege ihren Dienst tun – in vielen Fällen unter haarsträubenden, lebensbedrohenden Bedingungen, da unter anderem Schutzkleidung fehlte. Über Nacht wurde die Berufsgruppe in den Kreis der „Helden“ aufgenommen. Von Balkonen applaudierten Scharen, um, wenn auch eher hilflos, Respekt zu zollen und zugleich zum Weitermachen aufzurufen. So nett und aufrichtig diese Gesten sind: Warum muss die Menschheit erst am Abgrund stehen, um zu erkennen, dass Pflege „heldenhaft“ bzw. der Inbegriff von Menschenliebe und Treue ist? „Systemrelevant“ lautet der aktuelle Begriff, wobei man gar nicht daran denken mag, was denn zukünftig nicht mehr relevant ist. Es ist und bleibt bitter, dass der Wert von Pflege erst dann in das Bewusstsein rückt, wenn die Angst um das nackte Überleben zutage tritt.

Bevor Missverständnisse aufkommen: Es ist nicht damit getan, dieser systemrelevanten Berufsgruppe mit einer von der Weltöffentlichkeit inszenierten Verneigung Treue zu attestieren, um damit letztlich „Schafsgeduld“ und ein Verharren in „treudoofer Rufbereitschaft“ einzufordern! Das wäre im wahrsten Sinn des Wortes zu billig.

Pflegende leben Vertrauen

Vertrauen ist der Glaube daran, dass man sich auf jemanden (oder auch sich selbst = Selbstvertrauen) oder auf etwas verlassen kann. Vertrauen ist das Zutrauen in eine relativ bestimmte bzw. erahnte Zuverlässigkeit, Fähigkeit und/oder Tugendhaftigkeit. Es gilt als hoffnungsvoller Vorschuss hinsichtlich bestimmter Erwartungen. Dieser Vertrauensvorschuss wird in seiner Dimension und Form von gemachten Erfahrungen beeinflusst. Erfahrungen sind im negativen Fall Vertrauensmissbrauch oder Enttäuschungen. Im positiven Fall sind es zuverlässige TreueLoyalität oder auf Vertrauen basierte Erfolge (Ergebnisse, Erlebnisse).

„Viele Menschen leiden an der gesellschaftlichen Vertrauenskrise. Denn das soziale Leben macht erst dann Freude, gibt Sicherheit und schenkt uns heimatliche Geborgenheit, wenn wir zusammenstehen und uns aufeinander verlassen können. Vertrauen ist die Basis unserer Beziehungen, Freundschaften, Familien und Gemeinschaften. Das gilt auch für professionelle Beziehungen. Wir brauchen Vertrauen zu Kollegen, Ärzten, Pflegekräften und anderen helfenden Berufen, zu Politikern, Experten, Chefs, Führungskräften und Vorgesetzten. Es ist das Vertrauen, das unser soziales Bindegewebe pflegt und das Miteinander der Menschen in Vereinen, Schulen, Betrieben, Dörfern oder Hausgemeinschaften sichert. Vertrauen ist Maßstab und Wirkstoff für soziale Gesundheit, es schützt gegen Angst, Verunsicherung und Einsamkeit, wirkt als Heilmittel gegen Verzagtheit, Mutlosigkeit und Verzweiflung. Eine gesunde Gesellschaft braucht ein stabiles Maß an Vertrauen für den inneren Zusammenhalt. Populistische und fundamentalistische Bewegungen, Terror, Fremdenhass und Egoismus, die Sucht nach Konsum, Macht oder materiellem Reichtum zerstören diese existenzielle soziale Ressource“ (Huber, 2020, S. 202).

Im pflegerischen Kontext ist Vertrauen als die Grundannahme entgegengebrachten Wohlwollens, einhergehend mit der Kompetenz und Befähigung zur Erfüllung nicht selbsterfüllbarer Bedürfnisse durch ein Gegenüber bei völliger Akzeptanz der eigenen Vulnerabilität und des gleichzeitigen Risikos möglicher Enttäuschung, zu verstehen (Weingartz, 2020). Bell und Duffy (2009, S. 49) die vier charakterisierenden Elemente von Vertrauen:

  • Erwartung von Kompetenz
  • Wohlwollen der anderen
  • Zerbrechlichkeit/Vulnerabilität
  • Element des Risikos.

„Vertrauen ist etwas, das nicht automatisch vorhanden ist. Es beruht unter anderem auf der antizipierten oder bereits unter Beweis gestellten Fähigkeit, die gesetzten Erwartungen im Sinne der Vertrauenden zu erfüllen“ (Weingartz, 2020, S. 264).

Die heilende Kraft des Vertrauens ist unbestreitbar: Pflegende bringen es auf, um ihren Patientinnen und Patienten etwas zuzutrauen, ihnen Mut zu machen. Der Belege bedarf es nicht. Ein kurzer Blick in den beruflichen Alltag genügt, um die Behauptung bestätigt zu sehen.

Fazit

Treue und Vertrauen zwischen Einzelnen, Gruppen und innerhalb von Gesellschaften sind wie Wasser: im Idealfall überall, alles durchdringend, Leben nährend. Wie eine Landschaft ohne Wasser zur Wüste wird, vertrocknet auch Zwischenmenschliches und verdorren Lebensgemeinschaften aller Art. Treue und Vertrauen sind der Kitt, der Kontinente, Länder, Gesellschaften und Gemeinschaften jeder Art zusammenhalten könnte – würde man sich die Mühe machen, sie auch wirklich breitbandig zu leben. Was geschieht, wenn diese beiden Essenzen vernachlässigt werden, wird an den verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zerfallserscheinungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte mehr als ersichtlich.

Die Ausgangsfrage aber war, inwieweit es gerechtfertigt ist, dass Pflegende großen Grund haben, auf sich stolz zu sein. Die vorausgehenden Überlegungen haben deutlich werden lassen, dass sie in Bezug auf die Kategorien Treue und Vertrauen beste Vorbilder sind. Ihr Handeln hat „Leuchtturmcharakter“. Dieses Lob, diese Anerkennung wurde ihnen bislang in sträflicher Weise vorenthalten. Entscheidend ist, welche Wege dieser Stolz sich bahnt! Er sollte zum Anlass genommen werden, dass diese „systemrelevante“ Berufsgruppe ihr Auftreten (noch) selbstbewusster, klarer, fordernder gestaltet.

Sonst gibt es nach Corona wieder nur Blumen und kurz darauf die Rückkehr in das Hamsterrad. Das aber darf nicht passieren! Daher möge der Pfau ungehemmt sein Rad schlagen, bevor er übersehen wird.

Literatur

Bell, L. & Duffy, A. (2009). A concept analysis of nurse-patient trust. British Journal of Nursing. 18(1), S. 46–51.

Bossle, M. (2020). Plastikwort Solidarität? Ein kritisches Essay. In T. Hax-Schoppenhorst & M. Herrmann: Treue und Vertrauen. Handbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe (S. 396­­–402). Bern: Hogrefe.

Hax-Schoppenhorst, T. & Herrmann, M. (2020). Treue und Vertrauen. Handbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. Bern: Hogrefe.

Huber, E. (2020). Die heilende Kraft des Vertrauens. In T. Hax-Schoppenhorst & M. Herrmann: Treue und Vertrauen. Handbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe (S. 202-217). Bern: Hogrefe.

Kaemper, R. (2014). Die Tugend der Treue. Perspektive, 04, 26.

Schaarschmidt, T./spektrum.de (2018). Dürfen wir stolz sein? Zugriff am 06.05.2020 unter https://www.spektrum.de/news/die-psychologie-des-stolzes/1538073

Schulte, L. Ä. (2020). Treu _ Doof? Lohn der Beharrlichkeit. In T. Hax-Schoppenhorst  M. Herrmann, S. 36–47.

Weingartz, A. (2020). Vertrauenswürdige Beziehungsgestaltung in der Pflege. In T. Hax-Schoppenhorst & M. Herrmann: Treue und Vertrauen. Handbuch für Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe (S. 263-274). Bern: Hogrefe.

Autor:in

  • Thomas Hax-Schoppenhorst

    Pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren (D) seit 1987; 16 Jahre im Maßregelvollzug tätig, seit 2003 Öffentlichkeitsbeauftragter und Integrationsbeauftragter der Klinik; Autor und Herausgeber von Büchern zu Fragen des Gesundheitswesens, Dozent an Pflegeschulen, Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitschriften.