Qualitative Forschung in der COVID-19 Pandemie

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Ein Erfahrungsbericht von Studierenden im Studiengang Advanced Practice Nursing

Die COVID-19 Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen, wie beispielsweise die soziale Distanzierung, stellen für die qualitative Forschung eine Herausforderung dar. In jüngster Vergangenheit wurden demzufolge entsprechende Forschungsprojekte unterbrochen, pausiert oder gänzlich abgelehnt, da insbesondere ein qualitatives Vorgehen im Rahmen der Sozialforschung einen persönlichen Kontakt mit dem Untersuchungsfeld und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand voraussetzt. Face-to face Interviews (Einzel- oder Gruppeninterviews) und direkte Beobachtungen sind die Grundpfeiler der qualitativen Forschung um Daten „vor Ort“ und „in der Situation“ zu generieren. Das Interview stellt den Goldstandard in der qualitativen Befragung dar und ist, bedingt durch den Aspekt das subjektiven Erleben zu sensiblen Themen zu eruieren, indem Vertrauen zu den Teilnehmerinnen/Teilnehmer aufgebaut wird, sehr beliebt. Im Rahmen einer bewusst hergestellten Gesprächssituation geben die Interviewpartnerinnen/Interviewpartner in ihren Erzählungen Antwort auf die gestellten Fragen. Das Gespräch wird tonbandtechnisch erfasst, danach verschriftlich und in kategorialer oder interpretativer Formen ausgewertet.

Die Möglichkeit zur Durchführung von Interviews im „Forschungsfeld“ wurde durch die Pandemie weitgehend unterbrochen. Jedoch zeigen sich Alternativen um die räumlichen Distanz zu mildern und die Forschungsmethoden zu erweitern. Dazu zählen u.a. Telefoninterviews und die Durchführung von Telekonferenztechnologien mithilfe von Skype, Microsoft Teams oder Zoom. Zwei Studierende an der PMU haben die Herausforderung angenommen und ihre Datenerhebung mithilfe von Telefoninterviews im letzten Quartal des Jahres 2020 umgesetzt. Nachfolgend beschreiben sie dazu ihre Erfahrungen.

Allgemeiner Ablauf der Telefoninterviews

Aufgrund der 2020 vorherrschenden Corona-Pandemie mussten die Studierenden des vorliegenden Berichtes, im Zuge ihrer Masterarbeit flexibel im Hinblick auf die Datenerhebungsmethode sein. Immer wiederkehrende Lock-Down-Situationen, strenge Hygienemaßnahmen und der Appell nach Reduktion persönlicher Kontakte, führten dazu, dass auf die Methode der telefongestützten Interviews zurückgegriffen wurde. Dies stellte eine geeignete Möglichkeit dar, beide Parteien gesundheitlich zu schützen und in Bezug auf die Durchführung flexibel zu bleiben. Das zirkuläre Vorgehen im Rahmen der Interviews wird in Abbildung 1 dargestellt.

Zu Beginn des Forschungsvorhabens wurde mittels E-Mails der persönliche Kontakt mit potentiellen Teilnehmerinnen/Teilnehmern des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege hergestellt. Das Bereitstellen sämtlicher benötigter Formulare, wie Aufklärungsschreiben, Einwilligungserklärung und Kurzfragebogen, erfolgte kontaktlos mittels E-Mail-Verkehr. Einwilligungserklärungen wurden von den Forscherinnen unterzeichnet und durch die Teilnehmerinnen/Teilnehmer unterfertigt eingescannt wieder retourniert, ebenso die Kurzfragebögen. Mittels E-Mails erfolgte des Weiteren die Vereinbarung der Interviewtermine, sowie die Übermittlung der Telefonnummern, unter welchen die Teilnehmerinnen/Teilnehmer zum vereinbarten Zeitpunkt kontaktiert werden durften. Wollten Teilnehmerinnen/Teilnehmer Ihre persönlichen Telefonnummern nicht preisgeben, wurde dies gelöst, indem die Forscherinnen ihre Telefonnummern zur Verfügung stellten und zum vereinbarten Zeitpunkt von den Befragten selbst kontaktiert wurden.

Nach Terminvereinbarung konnten, am Beispiel der Autorinnen dieses Berichtes, 18 Interviews innerhalb einer Woche, ein weiteres in der Woche danach, durchgeführt werden. Am Beginn der Interviews stellte sich die forschende Person selbst, und auch ihre Kollegin ausführlich vor, um den Teilnehmerinnen/Teilnehmern ein Gefühl dafür zu vermitteln, wer ihr Gegenüber ist. Hierbei wurde Raum für offene Fragen gelassen, für den Fall, dass die Teilnehmerinnen/Teilnehmer mehr persönliche Information benötigten um das Wohlbefinden in der Situation zu erhöhen. Dies wurde oftmals in Anspruch genommen, Fragen hierbei waren beispielsweise das Alter der Forscherinnen. Die Interviewsituationen wurden, nach erneuter Überprüfung des Einverständnisses der Teilnehmerinnen/Teilnehmer, am Telefon auf Lautsprecher gestellt und mithilfe eines Diktiergerätes aufgenommen.

Die Interviews selbst wurden von einer Person geführt, eine zweite Person diente als stumme Beobachterin inklusive Führung eines Forschungstagebuchs und war verantwortlich für die Bedienung der Technik. Somit konnte sich die forschende Person einzig auf die Interviewsituation und das Führen des eigenen Forschungstagebuchs konzentrieren. Die Aufzeichnungen der beiden Forscherinnen dienten dazu, Notizen während des Interviews zu machen, Eindrücke festzuhalten, sowie nach Abschluss des Interviews eine Selbstreflexion zu schreiben. Im Anschluss besprachen sich die Forscherinnen ausführlich über die von ihnen festgehaltenen Aspekte.

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Abbildung 1. Zirkuläre Strategie im qualitatives Vorgehen bei den Interviews

Erlebte Vorteile von Telefoninterviews

Der positive Hauptaspekt ist jener, der kontaktlosen Datenerhebung. Mithilfe der Telefoninterviews konnte die Erhebung der benötigten Daten unter Einhaltung, sich ständig verändernder, diverser Covid-19 Vorschriften, beziehungsweise gesetzlichen Regelungen durchgeführt werden. Durch die telefonische Kontaktaufnahme blieben außerdem sowohl die Forscherinnen, also auch die Teilnehmerinnen/Teilnehmer örtlich und zeitlich flexibel. Beispielsweise konnten Zeit und Kosten für Anreise/Abreise eingespart und die Organisation eines Besprechungsraumes vermieden werden. Dies ist gerade in Bezug auf die eingeschränkten zeitlichen Kapazitäten beim Erstellen der Masterthesis von Vorteil. Ebenso war es möglich, individuelle Vorlieben der Teilnehmerinnen/ Teilnehmer in Bezug auf die Uhrzeit zu berücksichtigen und kurzfristige zeitliche Änderungen beziehungsweise Verschiebungen flexibel zu handhaben.
Persönlich beziehungsweise subjektiv empfundene Vorteile sind jene der geringeren Nervosität und Neutralität. Beide Autorinnen empfanden den Rahmen des Telefoninterviews als weniger stressig, vermutlich daher rührend, dass die Gespräche in einer gewohnten und vor allem ruhigen Umgebung durchgeführt werden konnten. Ebenso empfanden die Forscherinnen die Interviewsituation als neutral. Genauer ausgedrückt, das Gefühl neutral in die Situation hineingehen zu können, da sich die gegenüberliegenden Parteien nicht sehen können und somit kein Urteil basierend auf dem ersten Blick gefällt werden kann.

Erlebte Nachteile von Telefoninterview

Der größte negative Aspekt ist jener, dass man sein Gegenüber nicht persönlich sieht und somit die Aspekte der Mimik und Gestik in der Interviewsituation nicht miteinbeziehen kann. Eine Schwierigkeit, welche sich im Zuge dessen ergeben hat ist beispielsweise die Einschätzung, ob die Teilnehmerin/der Teilnehmer ihre/seine Ausführungen bereits abgeschlossen hat oder lediglich eine Überlegungspause benötigt und die Antwort weiter ausführt. Aufgrund dessen konnte festgestellt werden, dass sich die Interviewparteien zum Teil gegenseitig unbewusst beim Sprechen unterbrachen.
Aufgrund der fehlenden Mimik und Gestik hatten die forschenden Personen außerdem das subjektive Empfinden, dass sie in Sprechpausen oder nach Beantwortung der gestellten Fragen, das Interview durch neue Fragen oder Rückfragen aufrechtzuerhalten. Auch versuchten sie während der Interviewsituationen durch Zustimmungswörter wie „mhm“, „okay“ oder „sehr gut“ der befragten Person Aufmerksamkeit zu signalisieren beziehungsweise zu vermitteln.

Ebenso hinderlich ist der Aspekt, dass die Umgebung der Teilnehmerinnen/Teilnehmer unbekannt ist. Man kann nur vermuten, ob die befragte Person sich alleine in einem Raum befindet beziehungsweise, ob dieser weitestgehend ungestört ist. Nebengeräusche oder Hintergrundgeräusche können des Weiteren nur interpretiert, nicht aber mit Sicherheit festgestellt werden (erhöhte Gefahr zu interpretieren).

Ein weiterer beachtlicher Punkt ist jener der Technik. Wichtig ist, Telefonnummern mehrmals zu überprüfen oder nach einer Ersatznummer zu fragen, sollten sich Fehler einschleichen oder technische Schwierigkeiten ergeben. Außerdem ist bei der Audioaufnahme von Gesprächen auf Lautsprecher darauf zu achten, in welchem Abstand das Diktiergerät vom Telefon liegt. Wurden Personen im Zuge des Gespräches lauter, konnten die Antworten beim späteren Transkribieren, zum Teil schlecht erfasst werden, da sich die Sprache sozusagen überschlug. Ebenso zu beachten ist, dass Verbindungsfehler beziehungsweise schlechter Empfang die Telefoninterviews stören können. Dies kann dazu führen, dass das Gespräch abrupt unterbrochen wird und ein erneuter Anruf, sowie eine Wiederholung der letzten Interviewsequenz notwendig ist.

Schlussfolgerung zu den Telefoninterviews

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass es sich bei der Methode der Telefoninterviews um eine gute Möglichkeit, besonders in Zeiten der Corona-Pandemie, handelt um eine Datenerhebung möglichst flexibel durchzuführen. Sowohl im örtlichen, als auch im zeitlichen Management haben die forschenden Parteien einen hohen Handlungsspielraum. Leider fällt durch telefonische Interviews der Aspekt der Mimik und Gestik fast vollständig weg, was zur Folge hat, dass man ausschließlich anhand der sprachlichen Merkmale erkennen sollte, was die Teilnehmerinnen/Teilnehmer über die Thematik zu sagen versuchen. Abschließend sollte angemerkt werden, dass mehrere der befragten Personen angaben, dass persönliche Interviews ihrer Meinung nach einen höheren Wohlfühlcharakter gehabt hätten, konträr zum Empfinden der Forscherinnen, welche die Methode der telefonischen Interviews als eine Art der Stressreduktion und Neutralität ansahen.

Diese Erfahrungen machen deutlich, dass sich das Telefoninterview auch nach der Pandemie verstärkt als wichtiges Medium in der qualitativen Erhebung erweisen könnte. Um jedoch auch die Mimik und Gestik der Teilnehmerinnen/Teilnehmer in der Interviewsituation zu erleben, wäre das Videointerview zu präferieren.

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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