„Qualitätsmerkmal: die Zufriedenheit des Ratsuchenden“

Stolz Selbstbewusstsein
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Christoph Müller im Austausch mit Professor Angelika Zegelin

Immer mehr kommen Begriffe wie Beratung, Schulung und Information in den Fokus professionell Pflegender. Besonders im Miteinander mit An-und Zugehörigen stehen sie vor neuen Herausforderungen. Das Buch „Patientenedukation und Familienedukation in der Pflege“ zeigt auf, welche Aufgaben erfüllt werden müssen. Christoph Müller hat das Gespräch mit Prof. Angelika Zegelin gesucht.

Christoph Müller Mit dem Buch „Patientenedukation und Familienedukation in der Pflege“ zeigen Sie mit den anderen Herausgeber*innen und Autor*innen, wie vielfältig in pflegerischen Handlungsfeldern beraten wird. Wie kommt es zu dieser wachsenden Bedeutung von Edukation und Beratung?

Angelika Zegelin Der Bedarf wird immer größer: chronische Krankheiten, aufwändige Behandlungen, Kommerzialisierung und Internationalisierung und die Fragen der Betroffenen, ihren Alltag damit zu gestalten und Lebensqualität zu erhalten. Die Pflegeberufe sind die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen, mit dem dichtesten Kontakt zu Klienten – wenn sie den Auftrag der „sprechenden Pflege“ deutlicher wahrnehmen würden, dann könnte sich die Versorgung verbessern. Durch den Pflegenotstand wird heute nur noch das Nötigste gemacht.

Christoph Müller Taucht der Begriff der Edukation auf, so schwingt häufig mit, dass die unterstützenden Menschen besser wissen, was zu tun ist. Dabei wird gegenwärtig die gemeinsame Entscheidungsfindung präferiert. Was können Pflegende machen, um der Begegnung auf Augenhöhe eher zu entsprechen?

Angelika Zegelin Nein, dass meinen wir nicht. Wir übersetzen „Education“ mit Bildung und Begleitung. Es geht ja in der Pflege um den individuellen Alltag. Da brauchen wir den medizinischen Ansatz der Entscheidungsfindung nicht. Es muss anerkannt werden, dass jeder Mensch sein Leben selbst lebt – deswegen lehnen wir auch Begriffe wie „Laie“ oder „Compliance“ ab.

Christoph Müller Eine große Verunsicherung kommt auf, wenn Medikamente im Mittelpunkt stehen. Mediziner*innen sind für die Anordnung verantwortlich, Pflegende kümmern sich um die Verabreichung. Dabei bleibt für die erkrankten Menschen natürlich auch eine große Selbstverantwortung. Welche Rolle können Pflegende spielen, um eine möglichst gute Pharmaka-Nutzung zu garantieren?

Angelika Zegelin Ja, das ist ein riesiger Problembereich – aber nur einer von sehr vielen. In der letzten Zeit gibt es immer wieder kleine Studien dazu, oft durch studentische Abschlussarbeiten, z.B. im Rahmen erweiterter Pflegpraxis (ANP). Das Ganze heißt dann Unterstützung beim Medikamenten-Selbstmanagement. Tatsächlich bleiben viele Medikamente wirkungslos, weil die Kranken sie nicht vorschriftsmäßig nehmen. Hier braucht es kleine Projekte und Absprachen. Vor langer Zeit haben wir mal einen Ankreuz-Gesprächsleitfaden zur Antibiotika-Einnahme entwickelt, diese wichtigen Gespräche dauerten nur drei Minuten. So etwas brauchen wir mehr.

Christoph Müller Bei der Informationsvermittlung zeigt sich, dass möglichst „einfache“ Methoden zu einem Erfolg führen. Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Angelika Zegelin Information muss immer angemessen sein. Ziel ist ja, den anderen zu erreichen. Die Menschen sind verschieden, Anspruchsniveau, Lerntypen, Erfahrungen – darauf muss sich der Profi einstellen. Die einfachsten Methoden sind Flyer, Kurzgespräche oder auch kleine laminierte „Merkkarten“. Wenn das reicht, ist es prima. Oft wird aber viel mehr gebraucht, praktische Übung, Filme/Poster, Mikroschulungen, Beratungen, Familiengespräche, Austausch mit anderen Betroffenen. Das Spektrum ist weit.

Christoph Müller Immer wieder taucht die Frage auf, wie Angehörige angeleitet und beratet werden müssen. Wenn pflegende Angehörige (so sagen es Zahlen) die größte Gruppe Pflegender sind, sollte dann nicht mehr dafür getan werden, dass Angehörige gut gerüstet sind für die pflegerische Versorgung in den eigenen vier Wänden?

Angelika Zegelin Ja, das ist richtig. Alle drei „großen Pflegekurse“ in den letzten 20 Jahren habe ich an der Uni Witten/Herdecke selbst konzipiert. Für die Alzheimer-Gesellschaft, das Deutsche Rote Kreuz und das Bayerische Staatsministerium – letzterer ist noch als Buch im Reinhardt Verlag erhältlich. Davor gab es nur ein mageres Konzept, um die Angehörigen als Hilfspfleger zu beschäftigen, deren eigene Rolle und Gesundheit wurde nicht thematisiert – das hat sich geändert. Diese Formate müssen immer wieder angepasst und weiterentwickelt werden.

Inzwischen sind diese Kurse Online unterwegs – mit zweifelhafter Qualität. Es gibt einen Haufen von Schriften, praktisch von jeder Pflegekasse. Dazu haben wir auch eine preisgekrönte Broschüre gemacht, „Rückkehr aus dem Krankenhaus“ (heute bei Mabuse). Ich habe sehr viele Vorschläge gemacht im Bereich Unterstützung pflegender Angehöriger: eine bessere Gestaltung der Pflegestützpunkte, in den letzten Jahren mehrere Projekte im Quartier mit hervorragenden Ideen und Ergebnissen (alles publiziert).

Es gibt häusliche Einzelschulungen, die werden kaum abgerufen. Dazu haben wir unser Mikroschulungskonzept vorgestellt, wurde von den Versicherern nicht angenommen. Es ist da noch viel Luft nach oben. Künftig wird all das viel wichtiger werden, weil die professionelle Pflege schwindet.

Christoph Müller Erfahrungsgemäß zeigt sich, dass die Hürden für Betroffene und Angehörige hoch sind, wenn es darum geht, sich Beratung und Unterstützung zu holen. Wie kann es gelingen, zunehmend eine Geh-hin-Struktur statt einer Komm-her-Mentalität zu schaffen?

Angelika Zegelin Es fehlen Strukturen für zugehende Organisation – obwohl diese wichtig ist. Sämtliche Projekte für präventive Hausbesuche waren gut, konnten aber nicht angebunden werden. Bei uns wird erst reagiert, wenn das „Kind in den Brunnen“ gefallen ist. Pflege arbeitet ja nicht in der Primärversorgung, sondern nur im engen Korsett der Pflegeversicherung. Ich habe x-mal Visionen eines pflegerischen Versorgungszentrums vorgeschlagen, auch sollte Pflege vor Ort durch das Gesundheitsamt mit organisiert werden. Wir sind machtlos, kaum organisiert – deswegen wird sich nichts ändern.

Christoph Müller Wie kann vermieden werden, dass der Theorie-Praxis-Transfer in der Beratung pflegebedürftiger und pflegender Menschen (gleich ob professionell oder als Angehörige) gelingt? Gibt es Überlegungen, die Qualität der Beratung zu sichern?

Angelika Zegelin Geht es nur um Beratung? Mir sind Information und Schulung genauso wichtig. Im Laufe der letzten 20 Jahre haben wir sehr viele Aktivitäten unternommen, ein Beispiel unter www.patientenedukation.de, hier sind auch eigene Qualitätskriterien vorgestellt. Eine zweite Gruppe ist die Sektion Beratung, Information, Schulung in der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft. Wir haben viele Tagungen durchgeführt, es gibt unzählige Artikel zum Thema, eine mehrteilige Handreichung für die Pflege-Lehre in der Zeitschrift PADUA, in allen bekannten Pflege-Lehrbüchern haben wir die Kapitel geschrieben. Es gibt viele Fachbücher. Mehr kann man nicht machen. Wenn es nur um Beratung geht, Untersuchungen zeigen, dass es nur ein Qualitätsmerkmal gibt: die Zufriedenheit des Ratsuchenden.

Christoph Müller Herzlichen Dank für das Interview, Frau Prof. Zegelin.

 

Das Buch, um das es geht

Martin Schieron / Christa Büker / Angelika Zegelin (Hrsg.): Patientenedukation und Familienedukation in der Pflege – Praxishandbuch zur Information, Schulung und Beratung, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 978-3-456-86041-1, 334 Seiten, 44.95 Euro.

 

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at