Qualifikationsspezifischer Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegenden

17. Juni 2021 | Gastkommentare | 0 Kommentare

Vor allem junge und unerfahrene Pflegekräfte sind im, von Zeitdruck geprägten Berufsalltag oftmals komplexen Beratungskontexten ausgesetzt, die sie an die eigenen Grenzen stoßen lassen. Eine Möglichkeit die pflegerische Praxis im Kreis von Kollegen systematisch zu reflektieren und gleichzeitig u. a. prospektive Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, bietet die didaktische Methode der kollegialen Fallberatung nach Tietze. Exemplarisch wird diese Methode im folgenden Artikel an einem realen Fall aus dem komplexen Themenbereich Sucht und Transsexualität vorgestellt, zu welchem Studierende der Hochschule München am kbo Isar-Amper-Klinikum eine kollegiale Fallberatung durchführten. Darauf aufbauend wurde ein orientierendes Review zu einer konkreten Fragestellung verfasst, dessen Suchstrategie und wichtigsten Ergebnisse hier zusammenfassend dargestellt werden.

Pflegende [1] sind häufig die ersten Ansprechpartner für Patienten, wodurch vielfältige, teils sehr komplexe Beratungskontexte entstehen. Insbesondere bei jungen und noch unerfahrenen Pflegekräften können solche Situationen zu Unsicherheit, wenn nicht gar zu Überforderung führen. Nicht selten müssen solche Probleme allein bewältigt werden, da „Nichtwissen“ als Schwäche angesehen wird. Dies wird von den Betroffenen als sehr belastend empfunden (vgl. Kocks, Segmüller et al. 2019, S. 2). Eine ähnliche Belastungssituation zeigt sich, wenn Pflegende zwar den aktuellen Stand des Wissens kennen, diesen auf Station jedoch nicht umsetzen können (vgl. McConnell et al. 2007, S. 103). Eine Möglichkeit diesen Belastungen im Kreis von Kollegen strukturiert zu begegnen, ist die kollegiale Fallberatung nach Tietze (vgl. Tietze 2010). Deshalb wurde an der Hochschule München unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Herold-Majumdar im Zuge eines Forschungs- und Entwicklungsprojekts mit dem Akronym CanDo ein Modul entwickelt, bei dem Studierende des siebten Semesters des dualen Studiengangs Pflege u.a. in das kbo Isar-Amper-Klinikum fahren, um dort reale Praxisfälle mit Hilfe kollegialer Beratung zu bearbeiten. So können die Studierenden bereits im Studium einerseits ihr theoretisch erlerntes Wissen in die Praxis transferieren und andererseits erlernen sie im geschützten Rahmen eine Methode, um ihre persönliche Handlungskompetenz weiterzuentwickeln. Im Anschluss an die Beratung wird in Anlehnung an den Evidence-based Nursing-Prozess versucht die aufgeworfene Frage im Rahmen eines orientierenden Reviews wissenschaftlich fundiert zu beantworten (vgl. Behrens, Langer 2006, S.33). Die Ergebnisse werden am Ende des Seminars den Stationen präsentiert und mit den Vertretern diskutiert. Dieser Artikel dient dazu, das Vorgehen bei der kollegialen Beratung exemplarisch an dem Thema Sucht und Transsexualität näher zu erläutern.

Kollegiale Beratung

„Kollegiale Beratung beschreibt ein Format personenorientierter Beratung, bei dem im Gruppenmodus wechselseitig berufsbezogene Fälle der Teilnehmenden systematisch und ergebnisorientiert reflektiert werden.“ (Tietze 2010, S.24). Tietze (2012, S.60ff.) gliedert den Beratungsprozess in sechs Schritte und beginnt mit dem Casting, also der Rollenverteilung in der Gruppe. Ist ein Fallgeber[2] bestimmt, kann dieser mit der Spontanerzählung beginnen, die mit der Formulierung einer Schlüsselfrage endet. Die Berater wählen anschließend demokratisch eine Methode aus, mit der sie der Schlüsselfrage begegnen wollen, bevor sie in die Beratung einsteigen und diese am Ende zusammenfassend, jedoch ohne Bewertung abschließen (vgl. Tietze 2012, S.103 ff.). Die fallgebende Pflegekraft kann die Beratungsergebnisse reflektieren und die für sich passenden Angebote nachfolgend in die Pflegepraxis umsetzen.

Trans*, eine Begriffsbestimmung

Für Personen, deren Geschlecht entweder nicht, nicht dauerhaft oder nicht komplett mit ihren körperlichen Merkmalen übereinstimmt, werden in der Literatur verschiedene Terminologien verwendet: Transidentität, Transsexualität, Transgender, Transgeschlechtlichkeit, Trans* oder Trans. In Anlehnung an die S3-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung“ wird im Folgenden der Begriff Trans* verwendet. Diese Bezeichnung soll sowohl als Überbegriff der eben aufgezählten Begrifflichkeiten sowie als Kurzform fungieren und alle Menschen, welche sich nur mit der einen oder anderen Terminologie identifizieren, berücksichtigen (vgl. AWMF 2018, S.4).

Fallvorstellung Sucht und Transsexualität

Im Zuge der kollegialen Beratung wurde den Studierenden der suchtspezifische Fall eines Patienten vorgestellt. Dieser befindet sich bereits seit ca. 20 Jahren in wiederholter psychiatrischer Behandlung. Der Patient wurde biologisch als Frau geboren, hat jedoch bereits in seiner frühen Kindheit die Gewissheit erlangt, dass er dem anderen Geschlecht zugehörig ist. Die bereits verstorbenen Eltern des Patienten lebten seit seiner Kindheit getrennt. Nachdem er das Gymnasium abgebrochen hat, absolvierte er eine Ausbildung. Seit ca. 10 Jahren ist er arbeitslos und wohnt „isoliert“ in seiner Wohnung. Der Patient hat vor beinahe 20 Jahren eine Hormontherapie begonnen, um ein männliches Aussehen zu erlangen. In seinen ausweisenden Dokumenten ist er jedoch immer noch als Frau registriert. Ferner besitzt der Patient zwei Gutachten, die eine geschlechtsangleichende Operation befürworten. Aufgrund seiner Suchterkrankung war dies bis jetzt nicht möglich, da er nicht für einen ausreichend langen Zeitraum abstinent bleiben konnte. Seit seinem 20. Lebensjahr trinkt der Patient nahezu täglich Alkohol, wobei seine Toleranzgrenze stetig angestiegen ist. Die Therapieerfolge waren bisher immer nur von kurzer Dauer. Neben dem Alkoholabhängigkeits- und dem Alkoholentzugssyndrom leidet der Hilfesuchende seit seiner Kindheit an Zwangsstörungen mit sexuellen Zwangsgedanken und aggressiven Ausbrüchen, welche vorwiegend im alkoholisierten Zustand erfolgen. Im stationären Setting ist der Patient bemüht, sein biologisches Geschlecht den meisten Mitpatienten gegenüber nicht kenntlich zu machen. Vom pflegerischen Personal wird er hierbei unterstützt, indem ihm, soweit dies möglich ist, ein Einzelzimmer zur Verfügung gestellt wird. Bei diesem hier sehr verkürzt dargestellten Fall wurde nach Abschluss der Spontanerzählung die Frage formuliert, wie man diesen Patienten bei der Erfüllung seiner Geschlechterrolle auf einer suchttherapeutischen Station unterstützen kann?

Nach einer kurzen Orientierungsphase nach der Falldarstellung diskutierten die Studierenden mit dem Fallgeber verschiedene Handlungsalternativen anhand der Systematik der PraxisOrientierten Pflegediagnosen (vgl. Stefan et al. 2013). Am Ende der kollegialen Fallberatung reflektierte der Fallgeber diese Optionen in Bezug auf sein eigenes Handeln und die damit verbundene Verwertbarkeit. Zudem präferierte der Fallgeber, dass die Literaturrecherche, die von zwei Studierenden durchgeführt wurde, weiterhin zu den anfänglich gestellten Themenkomplex erfolgen sollte. In Anlehnung dessen konzipierten die Studierenden folgende zwei Fragestellungen, die anhand einer Literaturrecherche bearbeitet werden sollen:

  1. Wie können Trans* während der Suchttherapie unterstützt werden ihre Geschlechterrolle zu leben?
  2. Welche Copingstrategien können Trans* bezüglich innerer Konflikte mit ihrer Geschlechtlichkeit anwenden?

Ziel des orientierenden Reviews war es, auf Grundlage wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse, konkrete Handlungsempfehlungen für die erste Fragestellung zu erarbeiten.

Suchstrategie des orientierenden Literaturreviews

Im Rahmen der Literaturrecherche wurde von den beiden Studierenden zunächst ausschließlich nach Leitlinien gesucht. Hierfür wurde auf der Internetseite der „Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften“, welche eine Sammlung aller deutschsprachigen Leitlinien enthält, nach dem Begriff „Sucht“ gesucht. Da diese Suche 570 Treffer ergab, wurde sie auf die Begriffskombination „Alkohol AND Sucht“ eingeschränkt. Bei 238 Treffern wurde die S3-Leitlinie „Alkoholbezogene Störungen: Screening, Diagnose und Behandlung“ identifiziert. Diese erwies sich aufgrund des fehlenden Bezuges auf Trans* als nicht relevant. Der anschließend verwendete Suchbegriff „Transsexuell“ ergab 6 Treffer, wobei zum einen die S3-Leitlinie „Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung und Behandlung“ für die Beantwortung der Forschungsfrage als relevant angesehen wurde. Zum anderen wurde in der Literaturangabe der Leitlinie „Störungen der Geschlechtsidentität im Kindes- und Jugendalter“ die „World Professional Association for Transgender Health (WPATH)“ ausfindig gemacht. Auf der Internetseite dieser Organisation findet sich die Leitlinie „Standards of Care Versorgungsempfehlungen für die Gesundheit von transsexuellen, transgender und geschlechtsnichtkonformen Personen“. Da sie ausschließlich die medizinische Versorgung thematisiert, konnten keine Handlungsempfehlungen zur Unterstützung von Trans* beim Leben der Geschlechterrolle abgeleitet werden.

Neben der Leitliniensuche wurde in der pflegewissenschaftlichen Datenbank „CINAHL“ nach relevanten Publikationen gesucht. Hierfür wurden bei den Suchoptionen die Filter „Boolean/Phrase“ und „Also search within the full text/article“ ausgewählt, um die Ergebnisse einzugrenzen. Zudem wurde das Veröffentlichungsjahr auf den Zeitraum zwischen 1995 und 2019 beschränkt. Als Hauptsuchtbegriff wurde zunächst „trans*“ gewählt. Mithilfe des sogenannten „Trunking“ konnte durch das „*“ nach verschiedenen Endungen gesucht werden. Auf- grund der immensen Anzahl an Ergebnissen bei der Eingabe von „trans*“ (908.085 Treffer) wurde beschlossen, dass die Schlüsselbegriffe „transsexual“ und „transgen- der“ ebenfalls als Hauptsuchbegriffe fungieren sollten, um das Themengebiet weiter einschränken zu können. Die anschließende Eingabe des Suchbegriffs „transsexual“ lieferte 1070 Treffer, woraufhin weiter eingegrenzt worden ist, indem „Limit to Full Text“ ausgewählt und für die nachfolgende Suche beibehalten wurde. Die Hauptsuch- begriffe wurden im Laufe der Literaturrecherche mithilfe des Booleschen Operators

„AND“ mit unterschiedlichen Unterbegriffen verknüpft. Dabei wurde im Verlauf zu- nächst mit einem oder zwei Begriffen gesucht, um eine möglichst große Anzahl an Ergebnissen zu erlangen. Durch die anschließende Verknüpfung mehrerer Suchbegriffe sowie die Anwendung von weiteren Filtern konnten spezifischere Ergebnisse ausfindig gemacht werden (Ergebnisdarstellung mit Begründungslogik vgl. Tab. 1).

Ergebnisdarstellung

AWMF (2018) Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung

Die o.a. S3-Leitlinie wurde am 9.10.2018 veröffentlicht. Sie stellt als S3 Leitlinie die höchste Stufe der AWMF Leitlinien dar (vgl. AWMF 2013). Auch wenn sich diese S3- Leitlinie an Ärzten und Psychotherapeuten richtet (vgl. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften V. (AWMF 2018, S. 9), können folgende Handlungsempfehlungen auf die Arbeit von Pflegenden mit Trans* im suchttherapeutischen Setting übertragen werden:

  • Der Kontakt zu Peer-Beratungsstellen kann für Trans* sehr hilfreich sein (vgl. Günther, Meyer 2015, S., zit. nach ebd., S.5). In München bietet der bundesweit agierende, gemeinnützige Verein „TransMann e.V.“ für Frau-zu-Mann Trans* eine Peer-to-Peer-Beratung, Online-Informationen, Infohefte, Infoveranstaltungen und Schulungen an (vgl. TransMann e.V. o.J.). Pflegekräften kann empfohlen werden, ihre Patienten bei der Kontaktaufnahme zu diesem Verein zu unterstützen und wenn dies gewünscht wird, bei einem ersten Treffen zu begleiten.
  • Die Besonderheiten im Umgang mit Trans* wird in der Ausbildung vom Klinikpersonal nur unzureichend thematisiert. Aus diesem Grund wird die Vernetzung mit Trans-Organisationen empfohlen (vgl. AWMF 2018, 38). Mögliche Ansprechpartner in München sind der eben genannte Verein „TransMann e.V.“ sowie die „Trans* Inter* Beratungsstelle“.
  • Des Weiteren sollen Pflegende bezüglich der bestehenden Terminologien, Beratungskonzepte und Informationsquellen geschult werden (vgl. ebd. S. 40).
  • Pflegekräfte sollen beim Umgang mit Trans* eine therapeutische Haltung entwickeln, […] die von Respekt und Akzeptanz gegenüber vielfältigen geschlechtlichen Lebensrealitäten geprägt ist […] (ebd. S. 14).
  • Unsere Gesellschaft ist weitgehend auf die bloße Unterscheidung von zwei Geschlechtern ausgelegt, was diskriminierende Faktoren bezüglich Trans* begünstigt. Dies sowie Stationsregeln (Zimmeraufteilung etc.) sollen gemeinsam mit dem Patienten kritisch reflektiert, erläutert und sofern möglich gestaltet werden (vgl. ebd. S. 15).
  • Eine körpermodifizierende Operation führt im Allgemeinen zu einer Verbesserung des Kongruenzgefühls, der begleitenden psychopathologischen Symptomatik, der Lebensqualität sowie der Zufriedenheit mit der Sexualfunktion (vgl. S. 50). Wenn es der Wunsch des Patienten ist, diese Operation durch- führen zu lassen, sollte es das oberste Ziel des multiprofessionellen Teams sein, die Voraussetzungen hierfür herzustellen. Übertragen auf den dargestellten Fall bedeutet dies, mit den Patienten abzustimmen, dass das Ziel der Behandlung eine Abstinenz ist, um die geschlechtsangleichende Operation durchführen zu können.

Lambda Legal

„Lambda Legal“ ist die größte nationale Bürgerrechtsorganisation in Amerika, deren Aufgabe es ist, die Rechte von LGBT´s (Kurzform von „lesbian“, „gay“, „bisexual“ und „transgender“) und allen Menschen, die an HIV erkrankt sind, zu fördern. „Lambda Legal“ veröffentlichte 2016 eine Modellrichtlinie für Krankenhäuser, die der Diskriminierung von Trans* im Rahmen der Gesundheitsversorgung entgegenwirken soll. Diese befasst sich unter anderem mit dem Zugang zu Toiletten und der Raumzuteilung von Trans*, sowie der Erhebung von Daten zur Geschlechtsidentität bei der Aufnahme (vgl. Lambda Legal 2016, S. 3). Diese Publikation fokussiert sich nicht auf einen speziellen Fachbereich und kann somit auch auf die Strukturen des suchttherapeutischen Settings übertragen werden. Die Handlungsempfehlungen sind von generischer Art und können viele Trans* unterstützen, ihre Geschlechterrolle zu leben. Die nachfolgenden Stichpunkte fassen den für die Forschungsfrage relevanten Inhalt zusammen:

  • Die Modellrichtlinie empfiehlt, die „Anti-Diskriminierungs-“Einstellung des Krankenhauses gegenüber Trans* an alle Mitarbeiter und Patienten zu kommunizieren. Dies kann u.a. durch eine Veröffentlichung auf der Krankenhaus- Website, Auslegen im Aufenthaltsraum oder Stationszimmer Integrieren in passende Schulungen/ Trainings der Mitarbeiter umgesetzt werden (vgl. ebd. S. 4).
  • Es soll darauf geachtet werden, dass Trans*, die sich inmitten einer Hormontherapie befinden, diese Behandlung während des Krankenhausaufenthaltes ohne Unterbrechungen fortführen können (vgl. ebd. S. 7).
  • Basierend auf der Geschlechtsidentität der Patienten sollen stets die korrekte Anrede und die dazu passenden Pronomen verwendet werden (vgl. ebd. S. 8).
  • Fragen bezüglich der primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale sollen nur gestellt werden, wenn sie für die weitere Behandlung relevant sind. Dabei soll den Trans* stets erläutert werden, weshalb bestimmte Fragen wichtig für den Klinikaufenthalt sind (vgl. ebd. S. 8).
  • Den Patienten sollen Zimmer zugeteilt werden, die ihrer selbst gewählten Identität entsprechen (vgl. ebd. S.9). Wenn der Patient alleine in einem Zimmer liegen möchte, so sollte ihm wenn möglich, ein Einzelzimmer oder ein Zweibettzimmer, bei dem das zweite Bett gesperrt ist, zur Verfügung gestellt werden (vgl. ebd. S. 9f.).
  • Soll ein Trans* durch seine Zimmernachbarn Diskriminierung erfahren, so muss einer der Patienten in ein anderes Zimmer verlegt werden (vgl. ebd. S. 10). Der Fall soll nachbesprochen werden.
  • Der Trans* soll im Krankenhaus die Toilette benutzen dürfen, welche seiner geschlechtlichen Identität entspricht. Empfehlenswert wäre die Einführung von Einzel-Unisex-Toiletten (vgl. ebd. S. ).
  • Trans* sollen die Möglichkeit erhalten, persönliche Gegenstände, die zum Ausdruck ihrer Geschlechteridentität dienen (zum Beispiel Make-Up, Bekleidung, Materialien zur Polsterung/ zum Tucking), auch während des Krankenhausaufenthaltes verwenden zu können (vgl. ebd. 12).
  • Im Hinblick auf die Angabe des Geschlechts bei der Aufnahme wird empfohlen, sowohl das biologisch-ursprüngliche Geschlecht bei der Geburt, als auch die derzeitige Geschlechtsidentität zu eruieren. Die Anamnesebögen können darüber hinaus um die Felder „der derzeitig verwendete Name“/„Spitzname“ und „bevorzugte Pronomen“ erweitert werden (vgl. ebd. S. 15).
  • Das Namenschild vor den Patientenzimmern und jegliches Patientenidentifikationsmaterial soll mit der Geschlechteridentität des Trans* übereinstimmen (vgl. ebd. S. 15).
  • Das Klinikpersonal sollte hinsichtlich der Erhebung und Verwendung von Trans*daten aufgeklärt und geschult werden (vgl. ebd. S. 15).

SAMHSA

Die „Substance Abuse and Mental Health Services Administration (SAMHSA)“ ist eine Behörde, die dem „U.S. Department of Health and Human Services“ zugehörig und für die Gesundheit der Bevölkerung und deren Gesundheitsverhalten zuständig ist. Sie verfolgt u. a. das Ziel, die Auswirkungen von Drogenmissbrauch und psychischen Erkrankungen in der amerikanischen Gesellschaft zu reduzieren (vgl. SAMHSA 2012; 2019). Im Jahr 2012 wurde durch SAMHSA Handlungsempfehlungen zur sensibilisieren des Klinikpersonals von suchtspezifischen Einrichtungen im Umgang mit LGBT´s publiziert (vgl. SAMHSA 2012, S. IX). Die Publikation wurde zur Beantwortung der Forschungsfrage herangezogen, weil der Umgang mit Trans* während der Suchttherapie thematisiert wird und somit folgende Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können, um Trans* beim Leben ihrer Geschlechterrolle zu unterstützen:

  • Transphobe Kommentare sollen vermieden werden, denn Sprache schafft Realität (vgl. ebd. S. 99).
  • Die Mitarbeiter sollen über ausreichende Kenntnisse zum Thema Transsexualität verfügen, sodass der Trans* sie diesbezüglich nicht aufklären oder schulen muss (vgl. ebd. 99).
  • Es soll nicht angenommen werden, dass Trans* homosexuell sind (vgl. ebd. S. 99)
  • Mithilfe von Supervisionen kann das Auftreten von Übertragungen und Vor- urteilen identifiziert und thematisiert werden (vgl. ebd. S. 117).
  • Mitarbeiter sollen dazu ermutigt werden, abwertende Gefühle über LGBT- Patienten an ihre Vorgesetze weiter zu leiten. Wenn diese nicht aktiv versuchen ihre Einstellung zu ändern, so sollen sie LGBT-Patienten nicht versorgen dürfen (vgl. ebd. S. 117).
  • Der Patient soll bei der Bewältigung der negativen Folgen von Homophobie und Heterosexismus unterstützt werden (vgl. ebd. S. ). Dies kann beispielhaft umgesetzt werden, in dem der Patient ermutigt wird, über seine versteckten Gefühle und seine Versuche sich an die Gesellschaft anzupassen, zu sprechen. Die Behandelnden sollten gemeinsam mit dem Patienten eruieren, ob durch das Verstecken und Unterdrücken der Sexualität, möglicherweise ein „emotionaler Schaden“ entstanden ist. Mit dem Patienten sollte auch über Schuldgefühle und dem Gefühl, „schlecht“ oder „krank“ zu sein, gesprochen werden. Der Mut und die Selbstakzeptanz des Patienten sollen durch Empowerment gefördert werden, da dies die salutogenetische Genesung fördert. Mit dem Patienten sollte u.a. auch daran gearbeitet werden, mit Wut konstruktiv umzugehen, anstatt diese gegen sich selbst zu richten. Die Stärken des Patienten können bspw. gefördert werden, indem dieser dazu ermutigt wird, negative Botschaften über die eigene Person in positive, bestätigende Aussagen umzuformulieren.
  • Das Klinikpersonal, zumindest das, das zu Trans* kontakt hat, sollte sich über die LGBT-Community informieren und Kontakt zu Teilnehmern von Selbsthilfegruppen aufnehmen (vgl. ebd. S. 120). Darüber hinaus sollten Patienten über die spezifischen Selbsthilfegruppen aufgeklärt werden und gegebenenfalls bei der Kontaktaufnahme unterstützt werden.
  • Das Klinikpersonal sollte sich über nahestehende Personen aus dem sozialen Umfeld der LGBT-Patienten erkundigen und diese nach Rücksprache in die Behandlung mit einbeziehen (vgl. ebd. S. 121). Ebenso ist das Einbinden von LGBT als EX-In denkbar.
  • Das Klinikpersonal sollte bezüglich der kulturellen Vielfalt geschult und zum Thema sexuelle Orientierung sensibilisiert werden. Die Schulungsinhalte sollten vielfältig und auf alle Individuen der LGBT-Patienten anwendbar sein. Sie sollten Themen, wie die sexuelle Orientierung, sexuelle Identität, die unterschiedlichen Geschlechter und das sexuelle Verhalten umfassen. Hierbei sollten die Erfahrungen, Kompetenzen und das Wohlergehen der Mitarbeiter hinsichtlich der Betreuung von LGBT-Patienten vor, während und nach dem Schulungsprogramm evaluiert werden (vgl. ebd. S. 164).

Evaluation der Lernortverschmelzung

Nach der Literaturrecherche und der Aufbereitung der Ergebnisse wurden diese den Stationen in einem Kurzvortrag präsentiert, bevor sie mit den Pflegenden von Station in Bezug auf Informationsgehalt und Umsetzbarkeit diskutiert wurden. Die teilnehmenden Stationen haben sowohl die PowerPoint Präsentation als auch das ausgearbeitet und durch den Dozenten korrigierte Skript ausgehändigt bekommen. Insbesondere die Kurzpräsentation als Destillat der Erkenntnisse mit der anschließenden Diskussion wurde von den Stationen als sehr bereichernd empfunden.

Es hat sich gezeigt, dass das Projekt „Lernortverschmelzung“ mehrere positive Aspekte vereint. Während man Studierenden auf der einen Seite einen vertieften Einblick in das psychiatrische Handlungsfeld ermöglichen kann, bei dem sie zugleich ihre theoretisch gelernten Kompetenzen in die Praxis transferieren müssen, empfanden die teilnehmenden Stationen Vorträge für ihr tägliches Handeln sehr bereichernd. Durch die Ausarbeitungen bekommen sie eine Übersichtsarbeit mit Handlungsempfehlungen auf Basis von aktueller sowie relevanter Literatur, die sich mit ihrer Fragestellung beschäftigen. Darüber hinaus wurden dem Fallgeber konkrete Anlaufstellen, wie beispielsweise Peer-Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, genannt. So zeigt sich das hier beschriebene Modell als eine Möglichkeit um Evidence-based Nursing in die Praxis zu implementieren, mit dem Nebeneffekt, dass die Pflegenden auf Station erleben, wie sie Bachelorabsolventen gewinnbringend und zielgerichtet einsetzen können. Sicherlich kann kritisch angemerkt werden, dass sich die Literaturrecherche auf nur eine Datenbank beschränkte und somit nicht die gesamte, für die Forschungsfrage relevante, Literatur erfasst wurde. Zudem wurde bei dem o.a. Beispiel lediglich eine ausgewählte Anzahl an Suchbegriffen verwendet, die ausschließlich mit dem Operator „AND“ verknüpft wurden. Der Grund für die eingeschränkte Suchstrategie ist der Umfang des Studienmoduls. Eine ausführliche Recherche und das Heranziehen von weiteren Ergebnissen hätten die zeitliche Anforderung überschritten.

Zukünftig ist geplant, Ergebnispräsentationen klinikweit auszuschreiben und zu öffnen. Ferner sollen die Ergebnisse des Moduls in klinikspezifische evidenzbasierte Handlungsleitlinien übertragen werden, sodass nicht nur die fallgebende Station profitiert, sondern die Erkenntnisse und die damit verbundene Wirksamkeit im gesamten Klinikum Einzug halten können. Nach der Evaluation des Modells kann konstatiert werden, dass dieses Modul, das aus dem Lernort Hochschule herausgelöst und in den Lernort Klinik eingewoben wurde, die Erwartungen aller Beteiligten (Studierende, Pflegende inklusive des Managements, Dozierende) übertroffen hat.

Literaturnachweis

AWMF-Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (Hrsg.) (2018) Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. Ber- lin.  Verfügbar       über:             https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/138- 001l_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behand- lung_20181005_01.pdf (Letzter Zugriff: 13.09.2019)

AWMF-Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (Hrsg.) (2013) AWMF-Regelwerk Leitlinien: Stufenklassifikation. Berlin. Verfügbar über: https://www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk/ll-ent- wicklung/awmf-regelwerk-01-planung-und-organisation/po-stufenklassifika- tion.html (Letzter Zugriff: 13.09.2019)

Behrens, Johann und Langer, Gero (2006) Evidence-based Nursing and Caring. Inter- pretativ-hermeneutische und statistische Methoden für tägliche Pflegeentscheidungen. Vertrauensbildende Entzauberung der „Wissenschaft“. 2., vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage. Bern: Hogrefe.

Kocks, Andreas; Segmüller, Tanja (2019) Einführung in die kollegiale Beratung. In: Kocks, Andreas; Segmüller, Tanja: Kollegiale Beratung im Pflegeteam. Implementieren – Durchführen – Qualität sichern. Wiesbaden: Springer.

Lambda Legal (Hrsg.) (2016) CREATING EQUAL ACCESS TO QUALITY HEALTH CARE FOR TRANSGENDER PATIENTS. TRANSGENDER-AF- FIRMING      HOSPITAL    POLICIES.     New    York. Verfügbar         über: https://www.lambdalegal.org/sites/default/files/publications/down- loads/fs_20160525_transgender-affirming-hospital-policies.pdf (Letzter             Zugriff: 15.01.2019)

Lambda Legal (Hrsg.) (o.J.) About Us. Who We Are. New York. Verfügbar über: https://www.lambdalegal.org/about-us (Letzter Zugriff: 13.09.2019)

McConnell Schildwachter Eleanor et al. (2007) Education-service partnership Academic-practice partnerships to promote evidence-based practice in long-term care: Oral hygiene care practices as an exemplar. In: Nursing Outlook. Volume 55, Issue 2, S. 95-105.

Sektion BIS Beraten, Informieren, Schulen der Deutschen Gesellschaft für Pflegewis- senschaft (DGP) e. V. (Hrsg.) (2012) Kollegiale Beratung in der Pflege. Ein praktischer Leitfaden zur Einführung und Implementierung. Duisburg.

Stefan, Harald, et al. (2013) POP PraxisOrientierte Pflegediagnostik, 2. Auflage, Wiesbaden: Springer.

SAMHSA- Substance Abuse and Mental Health Services Administration (Hrsg.) (2019) About Us. Rock ville. Verfügbar über: https://www.samhsa.gov/social- media/resources-professionals ( Letzter Zugriff: 15.09.2019)

SAMHSA – Substance Abuse and Mental Health Services Administration, Center for Substance Abuse Treatment (CSAT) (Hrsg.) (2012) A Provider’s Introduction to Substance Abuse Treatment for Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender In- dividuals. Rockville. Verfügbar über: https://store.samhsa.gov/system/fi- les/sma12-4104.pdf (Letzter Zugriff: 13.09.2019)

Tietze, Kim-Oliver (2012): Kollegiale Beratung: Problemlösungen gemeinsam entwickeln (Miteinander reden Praxis). Hamburg: Rowohlt.

Tietze, Kim-Oliver (2010): Wirkprozesse und personenbezogene Wirkungen von kollegialer Beratung. Theoretische Entwürfe und empirische Forschung. Wiesbaden: Springer.

TransMann e.V. (Hrsg.) (o.J.) Herzlich willkommen beim TransMann e.V. Verfügbar über: http://transmann.de/ (Letzter Zugriff: 15.09.2019)

[1] Auf Grund der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit immer nur ein Genus verwendet. Die jeweils anderen Geschlechter sind jedoch stets mit gemeint.

[2] Der Fallgeber im Projekt war immer ein Pflegekraft mit einem Beratungsanliegen

Autor:in

  • Markus Golla

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)