Psychopharmaka als Mittel zur Freiheitsbeschränkung

Psychopharmaka = Bankrotterklärung

Die Verlockung ist groß. Wenn alte Menschen herausforderndes Verhalten zeigen, scheint mit Psychopharmaka eine schnelle Lösung greifbar. Dass eine scheinbar einfache Lösung nicht immer die beste Bewältigung für ein bestimmtes Phänomen ist, hat unter anderem die Gestaltung des „Werdenfelser Wegs“ gezeigt. Dies hat sicher auch einen interdisziplinären Arbeitskreis in der Stadt Jena dazu bewegt, sich mit Psychopharmaka als Mittel der Freiheitsbeschränkung zu beschäftigen.

Heide hält sich mit einer deutlichen Positionierung zu der Frage zurück, ob Psychopharmaka als Mittel zur Freiheitsbeschränkung zu verstehen sind. Aus seiner Sicht könne nur ein „ethisch diskursiver Weg Lösungen aufzeigen“ (S. 35). Im Rahmen eines Diskurses gebe es die Möglichkeit, „mit allen Beteiligten eine handlungsmoralische Beurteilung über eine Therapie und die Lebensumstände der Betroffenen zu erreichen, ohne dabei den Handlungsgrundsätzen einer kompetent gedachten und ausgeführten Medizin entgegenzulaufen“ (S. 36).

Heide muss sich die Kritik gefallen lassen, dass seine Auseinandersetzung mit dem Thema funktionalistisch-mechanistisch daherkommt. Die Beurteilung können nur unter dem Blickwinkel der sich ständig neu zu justierenden sozialen und politischen Parameter erfolgen, um „die moralisch beste individuelle Therapie zu generieren“ (S. 36). Wenn Heide den „möglichen Willen des Patienten“ (S. 27) in die Diskussion einbringt, dann unterschlägt er die Möglichkeit, dass schon zu Zeiten, wenn Menschen (noch) nicht gebrechlich oder pflegebedürftig sind, Behandlungsvereinbarungen und Vorsorgevollmachten miteinander gestaltet werden können.

Nicht nur dies. Schaut man sich den Einsatz von Psychopharmaka als Mittel der Freiheitsbeschränkung an, so hat dies immer mit Auffälligkeiten zu tun, die gebrechliche und pflegebedürftige Menschen zeigen. Diese Auffälligkeiten sind durch präventive Interventionen zu reduzieren oder zu vermeiden. Letztendlich muss es, wenn es zum Einsatz von Psychopharmaka kommt, klar sein, dass es einer Bankrotterklärung nahekommt. Diese Denkweise ist bei Heide nicht zu erkennen.

Wenn Psychopharmaka ein probates Mittel zur Einschränkung persönlicher Freiheit sein sollen, dann müssen unbedingt nicht nur Juristen, Mediziner und gesetzliche Betreuer(innen) gefragt werden. Es braucht eine breite und differenzierte Diskussion mit den Betroffenen, den Angehörigen und den Pflegenden. Sie erleben unmittelbar schwieriges Verhalten. Sie nehmen vor allem auch wahr, welche Wirkungen und Nebenwirkungen Psychopharmaka auf die Einzelne und den Einzelnen haben. Heide ist nicht der erste und einzige Autor, der die Subjektivität außer Acht lässt.

In dem knappen Buch differenziert Heide den Begriff der vulnerablen Gruppen. Gleichzeitig beschreibt er „medizinethische, juristische und therapeutische Fragenstellungen“. Da stolpert der pflegerische Praktiker. Denn den Einsatz von Psychopharmaka zur Freiheitsbeschränkung als Therapie zu klassifizieren, dies entlarvt Paradigmen bei Heide, die streitbar sind. Es hätte sicher mehr Sinn gemacht, ein Herausgeberwerk zum Phänomen der „Psychopharmaka als Mittel der Freiheitsbeschränkung“ zu gestalten. Denn dann würde es gelingen, sich den Kernfragen differenziert und vor allem multiperspektivisch zu nähern. Gerade pflegerische Aspekte, aber natürlich noch weniger die personenbezogenen Überlegungen sind völlig außerhalb der Wahrnehmung. Dabei ist das Thema so wichtig.

Rainer Heide: Psychopharmaka als Mittel zur Freiheitsbeschränkung – Ethische Bewertung für Medizin, Pflege und Pharmazie, Springer Verlag, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-23348-8, 40 Seiten, 14.99 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 296 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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