Psychopharmaka absetzen

14. Dezember 2018 | Rezensionen | 0 Kommentare

Das Buch „Psychopharmaka absetzen“ setzt Maßstäbe. Denn es hat vor einigen Jahren nicht nur eine Diskussion initiiert, die überfällig war. Es hat vor allem die subjektive Seite der Einnahme von Psychopharmaka in den Fokus gerückt. Es hat ein Zeichen gegen die evidenz-basierte Medizin gesetzt und die Menschen zur Sprache kommen lassen, die seelisches Leiden kennen und dieses mit pharmakologischen Interventionen einzudämmen versuchten.

In der psychiatrischen Arbeit erscheint es nicht zeitgemäß, die Wirksamkeit psychopharmakologischer Interventionen in Frage zu stellen. Seit Ende der 1990er-Jahre das Buch „Psychopharmaka absetzen“ erstmals von Peter Lehmann herausgegeben wurde, schreckten diejenigen auf, die für ein biologisches Primat in der Psychiatrie sind. Inzwischen hat der Psychiatrie-Kritiker Peter Lehmann einige Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter gefunden, die an der Wirksamkeit von Tabletten und Lösungen zweifeln.

Mit dem Buch „Psychopharmaka absetzen“ gelingt es Lehmann sowie den Autorinnen und Autoren, den Weg vom Entschluss zum Absetzen über das stufenweise Absetzen und etwaige Probleme damit bis zu der Zeit danach zu beleuchten. Betroffenen Menschen schreiben über die eigenen Erfahrungen. Eine überzeugende Authentizität prägt die Berichte.

Karl Bach Jensen spricht sich für eine „Kultur des Respekts“ aus. Verrückt zu werden sei eine Überlebensstrategie. Hinter den sogenannten psychischen Krankheiten könne man die Bereitschaft zu Überlebensmustern entdecken (S. 341). Psychotische Menschen seien „kulturelle Wegweiser“. In Kulturen, die keine systematischen Formen der Isolierung oder der Ausschließung von außergewöhnlichen psychologischen Phänomenen kennen, scheinen diese auch gar nicht als außergewöhnlich oder abweichend zu gelten (S. 342).

Gesellschaftlich ist diese Haltung sicherlich schwer zu verstehen. Schließlich ist historisch ganz anders mit befremdlichem Erleben und Verhalten von Menschen umgegangen worden. Jensen spitzt seine Meinung zu: „Das überkommene Konzept der psychischen Krankheit und des Bedarfs an synthetischen Psychopharmaka abzulehnen, speziell wenn sie über lange Zeit oder gar lebenslänglich verordnet werden, kann natürlich nicht heißen, die Augen zuzumachen vor den realen Problemen, die viele Menschen haben“ (S. 346). Alternative Systeme müssten sich um die Bedürfnisse von Menschen mit psychosozialen Problemen in einer Weise kümmern, „dass der Gebrauch von synthetischen und giftigen Psychopharmaka minimiert und auf lange Sicht überflüssig wird“ (S. 347).

Das Buch „Psychopharmaka absetzen“ zeigt, wie respektvoll dem psychotischen Erleben und seelischen Leiden von Menschen begegnet werden kann. Selbst wenn ein Betroffener, ein Angehöriger eines psychisch erkrankten Menschen oder ein professionell Tätiger die Haltung von Lehmann sowie seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern nicht teilt, so verdient das Buch tiefgründige Diskurse. Es geht vor allem darum, einander zu verstehen und nicht reflexhaft ein moralisches Urteil über die eine oder andere Haltung zu wagen.

Peter Lehmann: Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern, Antipsychiatrieverlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-925931-27-7, 366 Seiten, 19.90 Euro.

Autor:in

  • Christoph Mueller

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at