Psychiatrische Krisenintervention zu Hause

„Paradigmenwechsel“

Es ist ganz egal, wo über psychiatrische Versorgung gesprochen wird. Das Leitmotiv „Ambulant vor stationär“ wird gebetsmühlenartig wiederholt. Die Tatsache, dass an vielen Orten in Deutschland die „Stationsäquivalente Behandlung“ aufgebaut wird, bringt viel Schwung in die psychiatrische Versorgung. Dabei ist den psychiatrischen Praktikerinnen und Praktikern bewusst, welcher herausfordernden Aufgabe sie sich stellen. Dies wird in den zahlreichen Beiträgen deutlich, die die Herausgeber Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf und Nils Greve gesammelt haben.

Noch mehr zeigen die Aufsätze: Bei der psychiatrischen Krisenintervention kommt es nicht nur auf die multidisziplinäre Zusammenarbeit an, auch die Angehörigen und vor allem die Betroffenen müssen in Prozesse und Entscheidungen einbezogen werden. Oder anders gesagt: Die Zeit, in der professionell Tätige die Richtung der notwendigen Interventionen vorgeben, ist vorbei. Matthias Heißler und Stefan Weinmann stellen zurecht bei der Beschreibung der „konzeptionellen Grundlagen und Entwicklungslinien von Home Treatment“ fest: „Home Treatment, ebenso wie andere über längere Zeit mit Klienten zusammenarbeitende aufsuchende Dienste, sind Teil eines Paradigmenwechsels in der Psychiatrie“ (S. 12).

Heißler und Weinmann sind nicht die einzigen Autoren, die die Vorteile der psychiatrischen Krisenintervention zu Hause aus eigenen Erfahrungen heraus beschreiben. Sie unterstreichen, dass sich die Behandlung durch das Aufsuchen der Patienten im Lebensumfeld „gewaltärmer, angenehmer, effektiver und nicht selten mit nachhaltigerer Wirkung“ (S. 16) gestalten lasse.

Dies erscheint für viele Praktikerinnen und Praktiker nachvollziehbar, die immer wieder kritisch auf das Milieu in stationären Settings schauen. Auch wenn es unangemessen erscheint, ein Schwarz-Weiß-Raster zu nutzen, um die stationäre mit der ambulanten Versorgung zu vergleichen, so gehört die eine oder andere Wahrheit sicher ausgesprochen. Die Autorinnen und Autoren des Buchs scheuen sich nicht, auch Schwieriges zu benennen.

So betonen Johannes Kirchhof und Stefan Rogge aus der Sicht der psychiatrisch Pflegenden, dass das Mitwirken bei der stationsäquivalenten Behandlung als befriedigend erlebt werde. Sie kritisieren, dass beispielsweise unter den Mitarbeitenden geschützter Stationen „auch in Zeiten von Recovery häufig therapeutischer Negativismus zu finden“ (S. 145) sei. Dies klingt ganz anders, wenn die Genesungsbegleitung im Fokus ist. Die stationsäquivalente Behandlung mit Unterstützung von Genesungsbegleitenden biete die Möglichkeit, „gemeinsam mit den Betroffenen eine in deren Alltag verankerte Sprache und alltagstaugliche Erklärungsansätze für das Zustandekommen der Krisensituation zu entwickeln“ (S. 155).

Die Betroffenen und die Angehörigen seelisch erkrankter Menschen kommen zu Wort. Die therapeutische Beziehung und die Sozialraumorientierung werden in den Blick genommen. Nachweise der Wirksamkeit aufsuchender Behandlung werden geliefert. Und es wird in die unterschiedlichen Regionen geschaut, in denen stationsäquivalente Behandlung stattfindet.

Das Buch „Psychiatrische Krisenintervention zu Hause“ ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg, auf dem die psychiatrische Krisenintervention zu Hause entwickelt und weiterentwickelt wird. Diejenigen, die den Anfang mit dem innovativen Versorgungsmodell machen wollen, können sicher Erkenntnisse für den eigenen Aufbruch nutzen. Diejenigen, die bereits auf dem Weg sind, werden erkennen, dass auch andere Mitstreiterinnen und Mitstreiter mit Unwägbarkeiten zu kämpfen haben. Nichtsdestotrotz zeigt das Buch, dass es in der psychiatrischen Versorgung Visionen braucht, um das eine oder andere voranzubringen.

Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf & Nils Greve (Hrsg.): Psychiatrische Krisenintervention zu Hause – Das Praxisbuch zu StäB & Co., Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-96605-050-0, 283 Seiten, 38 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 274 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen