Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland

„Sozialpsychiatrische Grundhaltung kein Ding der Vergangenheit“

Wenn es eines besonderen Nachweises bedurft hätte, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) die Versorgung seelisch erkrankter Menschen in den vergangenen 50 Jahren geprägt hat, dann wäre das Buch „Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland“ ein ausgezeichneter Beweis. Der Autor Christian Reumschüssel-Wienert hat nicht bloß differenziert, sondern lebhaft in die Geschichte eines unverzichtbaren Motors der (Weiter-)Entwicklung der psychiatrischen Versorgung geschaut. Im Zusammenhang mit der Geschichtsschreibung eines berufsgruppenübergreifenden Verbands müsste man eigentlich die distanzierte Betrachtung der Historie erwarten. Reumschüssel-Wienert hat die Geschichte als jemand aufgeschrieben, der sie auch mitgestaltet hat. Dies hat seinen Grund: Als Mitinitiator des Berliner Archivs für Sozialpsychiatrie nutzt er den Blick in die Geschichte immer auch als Wegbereitung für die Zukunft.

Reumschüssel-Wienert geht in seiner Studie chronologisch vor. Dies begleitet er immer auch mit Kontextualisierungen mit zeitgeschichtlichem Geschehen. Dadurch wird natürlich die eine oder andere Erzählung verständlicher. Entscheidend ist Reumschüssel-Wienerts Fokus auf die Psychiatriereform. Dabei begegnen den Leserinnen und Leser viele Vordenkerinnen und Vordenkern, die noch heute die Psychiatrie in Deutschland mitgestalten (wollen). Klaus Dörner und Asmus Finzen, Michael von Cranach und Hilde Schädle-Deininger, Maria Rave-Schwank und viele andere – sie geben über fünf Jahrzehnte hinweg noch den einen oder anderen Impuls, manchmal öffentlich, manchmal sicher hinter den öffentlichen Vorhängen.

Dabei haben die engagierten Menschen aus der DGSP die Psychiatrie-Enquete in der 1970er Jahren, das Modellprogramm in den 1980er Jahren und natürlich auch die Umstrukturierungen im sich vereinigenden Deutschland in den 1990er Jahren geprägt. Reumschüssel-Wienert zeigt auf, dass die DGSP oft von den streitbaren Positionen gelebt hat, die innerhalb des Verbands vertreten wurden. Dabei wird deutlich, dass die ausgeprägten Konturen, die in vielen Diskursen auf Tagungen und in Arbeitsgruppen geschärft worden sind, die Lebenswirklichkeit und den Versorgungsalltag seelisch erkrankter Menschen beeinflusst haben.

In der Gegenwart erscheint der Begriff der Sozialpsychiatrie etwas unscharf. Dies ist nicht immer so gewesen. In früheren Zeiten hat es offensichtlich nicht nur eine größere Begeisterung für die inhaltliche Auseinandersetzung gegeben zu haben. Aus einer grundsätzlichen Systemkritik sind (so wird bei der Lektüre deutlich) Initiativen erwachsen, an denen sich sozialpsychiatrische Protagonistinnen und Protagonisten messen lassen wollten.

Für die psychiatrische Praktikerin und den psychiatrischen Praktiker ist das Buch auch an die Grundprinzipien sozialpsychiatrischen Handelns, die Ursula Plog und Klaus Dörner im Buch „Irren ist menschlich“ beschrieben haben. Über Begriffe wie Selbstwahrnehmung und Normalisierung der Beziehung haben die Handelnden die Möglichkeit, aus der Wahrnehmung sozialpsychiatrischer Geschichte Gegenwartsoptionen zu entwickeln. Dies macht vor allem in die Richtung Hoffnung, dass sozialpsychiatrische Überlegungen und eine sozialpsychiatrische Grundhaltung kein Ding der Vergangenheit sind.

 

Christian Reumschüssel-Wienert: Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland – Eine Chronik der Sozialpsychiatrie und ihres Verbandes – der DGSP, Transcript-Verlag, Bielefeld 2021, ISBN 978-3-8376-5813-2, 456 Seiten, 45 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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