Psychiatrie ohne Betten – Eine reale Utopie

„Entwicklungslinie sichtbar“

Wie soll denn Menschen in einer seelischen Krise ohne stationären Aufenthalt geholfen werden? Auf diese Frage werden viele Betroffene, Angehörige seelisch erkrankter Menschen und vor allem psychiatrisch Tätige irritiert reagieren. Schließlich hat sich die stationäre psychiatrische Versorgung bewährt. Da kann es doch nicht sein, dass jemand ein bewährtes System in Frage stellt. Dem Psychiater Matthias Heißler gelingt mehr als ein provozierendes Infragestellen. Er hat eine Idee davon, wie sich die Begleitung seelisch erschütterter Menschen verändern kann. Sein Buch „Psychiatrie ohne Betten“ wagt eine Annäherung an veränderte Strukturen und verändertes Handeln, wenn Menschen in Krisen geraten.

Was ihm auch gelingt: Heißler rüttelt an den Überzeugungen und Haltungen derjenigen Menschen, die für die Begleitung von Betroffenen verantwortlich sind. Damit steht er in einer Reihe anderer Vordenkerinnen und Vordenker, die sich nach der Psychiatrie-Enquete in den 1970er Jahren um die Umgestaltung des Systems verdient gemacht haben. Denn das Buch „Psychiatrie ohne Betten“ ist auf einer Entwicklungslinie sichtbar, die mit dem Lehrbuch „Irren ist menschlich“ (Ursula Plog und Klaus Dörner) seinen Anfang genommen hat und seinen vorläufigen Punkt in dem Buch „Die Vermessung der Psychiatrie“ (Stefan Weinmann) gefunden hatte.

Heißler kann man leicht als Spinner abtun. In der Zeit, als er als Chefarzt in einer psychiatrischen Abteilung im DRK-Krankenhaus in Geesthacht verantwortlich war, gehörte er zu den visionären Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die in der Begleitung seelisch erschütterter Menschen die Ärmel hochgekrempelt hatten. Das Wissen darum steigert natürlich die Glaubwürdigkeit seines kenntnisreichen und anregenden Buchs.

„Der Ort des Lebens muss zur rechten Zeit zum Ort der Behandlung werden“, schreibt Heißler scheinbar nüchtern (S. 74). Gleichzeitig fordert er ein, die Psychiatrie vom Kopf auf die Füße zu stellen, „sie aus ihrem selbst gewählten Gefängnis im Kontext des klinischen Raums zu befreien und sie zu einem Werkzeug werden zu lassen, das im Leben steht und daraus seine Berechtigung herleitet im Dienst des Menschen“ (S. 74). Deutlich wird, dass es Heißler auf der einen Seite um ein politisches Verständnis psychiatrischen Handelns geht. Andererseits zeigt sich eine Menschennähe, die sehr bodenständig wirkt.

Wie es für eine zeitgenössische Psychiatrie zeitgemäß erscheinen sollte, versteht Heißler seinen Adressatenkreis als trialogisch. So erscheint es nicht als Überraschung, dass viele Stichworte wie Sozialraumorientierung und Solidarität fallen. Begriffe wie Harmonie und Metamorphosen wirken auf den ersten Blick befremdlich. Wer sich auf die Gedanken Heißlers einlässt, merkt sehr rasch, dass sie in der psychiatrischen Versorgung mit Leben gefüllt werden können.

Großen Wert legt Heißler darauf, dass in der Begleitung seelisch erschütterter Menschen die Beziehungsarbeit gepflegt wird. Kritische Bemerkung zu einer biologisch-pharmakotherapeutischen Psychiatrie fehlen nicht. Viel wichtiger ist, dass er den Rosaschen Begriff der Resonanz in der psychiatrischen Begleitung zu gestalten versucht. Wechselseitiger Austausch finde nicht nur auf neuronaler Ebene statt, „sondern auch auf der Ebene der Wahrnehmungen, der Handlungen und der Sprache“ (S. 42) statt. Er kultiviert den Begriff des Mitschwingens. Menschen müssten im Tun, Fühlen und Denken einander zugewandt sein, so Heißler.

Ein Weckruf, ein Aufruf, das eigene Denken und Handeln im psychiatrischen Kontext zu verändern. Überhört Heißlers Mahnungen nicht.

 

9783966051392Matthias Heißler: Psychiatrie ohne Betten – Eine reale Utopie, Paranus-Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-96605-139-2, 255 Seiten, 30 Euro.

Autor:in

  • IMG 20180501 155742

    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at