Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen

„Geschichtliches Wesen in seinen mitmenschlichen Bezügen“

Es dauert gar nicht mehr so lange, dass die Psychiatrie-Enquete 50 Jahre alt wird. Vereinzelt tauchen bereits Veröffentlichungen auf, die sich mit dem denkwürdigen Geschehen beschäftigen. Die Historikerin Felicitas Söhner setzt mit dem Buch „Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen“ setzt nun ein Zeichen. Es deutet an, mit welchen geschichtlichen Themen sich zu beschäftigen lohnt. Söhners Ansatz, eine Oral History der Psychiatrie-Reform zu schreiben, begründet sie eindrücklich: „Als Methode der Datenerhebung dieser Forschungsarbeit bot sich die Oral History an, weil die Akteure dieser Prozesse noch erreichbar sind und einen alternativen, lebendigen Zugang zum Thema bieten. In einem qualitativen Forschungsansatz wurden die Zeitzeugendokumente in den Kontext schriftlicher Quellen eingebettet“ (S. 25).

Dass die Psychiatrie-Enquete in unterschiedliche Kontexte eingebunden werden muss, dies zeigt auch die Söhner-Studie. So ist es spannend, den Spuren der Pharmako-und der Psychotherapie in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zu folgen. Aufschlussreich ist es auch, welche Rolle der phänomenologisch-anthropologische Ansatz zur Zeit der Psychiatrie-Reform gespielt hat. Söhner stellt fest, dass er eine Alternative des Zugangs zum leidenden Subjekt mit dem Ziel eines vertieften Verständnisses psychischer Erkrankungen geboten hat. Wörtlich: „Über die Beschäftigung mit konstitutiven Aspekten menschlicher Existenz stand der Mensch als Subjekt mit Entscheidungsfreiheit, Zeitlichkeit und Personalität im Zentrum des Interesses und wurde als geschichtliches Wesen in seinen mitmenschlichen Bezügen betrachtet“ (S. 122).

Söhner setzt sich in der Studie über die Psychiatrie-Enquete mit den Pflegenden auseinander. Ihnen schreibt sie einen nicht unerheblichen Anteil an den Veränderungen in der psychiatrischen Versorgung zu: „Einen nicht geringen Einfluss für die reformorientierten Prozesse in der Psychiatrie hatten Impulse, die von den nicht-universitär qualifizierten Kräften, insbesondere den Akteuren der Pflege ausgingen. Nicht nur als Multiplikatoren und Mediatoren spielten sie eine wichtige Rolle“ (S. 138).

So ehrenhaft die Würdigung der größten Berufsgruppe in der psychiatrischen Versorgung erscheint, so stimmt es nachdenklich, dass im Zusammenhang mit der Oral History die Pflegenden meist aus der Sicht der medizinischen Zeitzeugen betrachtet werden. Söhner muss sich fragen lassen, weshalb sie Pflegende aus dieser Zeit nicht als Zeitzeugen genutzt hat. Das Bemühen, diese Limitation der Studie zu überwinden, hätte der Lebendigkeit sicher gut getan. Wenn Söhner schreibt, dass in der Wahrnehmung mancher Zeitzeugen „die Pflege“ in die Arbeit der Sachverständigenkommission eingebunden gewesen sei, deren Positionen jedoch von marginalem Einfluss gewesen seien, so fühlt man sich auch schnell in der Gegenwart. Bis in die Jetzt-Zeit gelingt es nicht, historisch tradierte Hierarchien hinter sich zu lassen.

Söhners Forschungsarbeit „Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen“ ist trotz aller kritischen Würdigung ein beachtenswerter Meilenstein zur Betrachtung dieser historisch wichtigen Zeit. Sie zeigt auf, dass die Pharmakotherapie, die Psychotherapie, der geistes-und kulturwissenschaftliche Kontext der Reform, aber auch die psychiatrisch Pflegenden eigene historische Aufarbeitungen verdient haben. Es bleibt ja noch Zeit bis zu den Gedenkfeiern.

Felicitas Söhner: Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen – Eine Oral History der Psychiatriereform in der BRD, Psychiatrie-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-88414-953-9, 207 Seiten, 25 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 216 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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