Professionelle Pflegebeziehung 2018 Reloaded

Professionelle Pflegebeziehungen zwischen Gesundheits- und Krankenpflegepersonen und erkrankten Menschen sind etwas Besonderes. Die Beziehungsgestaltung wird umso wichtiger, je länger der zeitliche Rahmen der professionellen Pflege ist, je abhängiger die Pflegebedürftigkeit macht und je erschwerter sich das Verhältnis zur Umwelt gestaltet. Eine gelungene und positive Beziehung zwischen erkrankten Menschen und Pflegenden trägt zum Wohlbefinden bei und hat einen positiven Einfluss auf den Genesungsprozess.

Um dem Begriff der pflegerischen Professionalität gerecht werden zu können, müssen Pflegepersonen fähig sein, die durch Theorie und Wissenschaft erworbenen Erkenntnisse zu verstehen und diese mit dem individuellen Erfahrungswissen und dem subjektiven Erleben der zu begleitenden Menschen zu verbinden um so informierte Entscheidungen bezüglich ihres Handelns treffen zu können. Dabei ist die Fähigkeit, die Perspektive der Betroffenen zu erfassen und in das eigene Handeln zu integrieren eine der besonderen Herausforderungen, für die die Pflege genuin steht. Die besondere Situation des Vorhandenseins von Krankheit und damit verbundenem Empfinden des Lebens sind maßgebliche Einflussfaktoren für  pflegerisches Handeln. Es ist bedeutungsvoll, wie die erkrankten Menschen ihre Wirklichkeit subjektiv erleben. Dieses individuelle Erleben einer Situation stellt die Basis für die Pflegediagnostik dar und ist damit von deutlicher praktischer Relevanz (Schrems 2008).

Die Anwendung von Pflegediagnostik beinhaltet ein fundiertes Wissen zum Gesundheits- und Krankheitserleben. Dafür ist kritisches Denken nötig. Kritisches Denken ist die Kunst, über das eigene Denken nachzudenken; Die Fähigkeit zu kritischem Denken bestimmt das Handeln im Rahmen des Pflegeprozesses und ist Instrument sowie Ausdruck professioneller Pflege (Wilkinson, 2011). Eine adäquate Pflegediagnostik im Rahmen der Pflegeplanung spart Zeit und Energie und sichert damit die Zufriedenheit der erkrankten Menschen sowie die Zufriedenheit der Pflegepersonen.

Für eine gelungene Pflegebeziehung und einen gelungenen Problemlösungsprozess im Rahmen der Pflegediagnostik ist weiters auch die grundsätzliche Organisationsform in der professionelle Pflege stattfindet, von Bedeutung. Für die Pflegetheoretikerin Orlando (1990, 1996) gilt, dass automatisch abgespultes pflegerisches Handeln, wie es im Rahmen einer Funktionspflege erfolgt, keinen Anspruch auf Professionalität erheben kann.

Professionelle Pflege beinhaltet die Perspektive der zu begleitenden Menschen, ihr Krankheitserleben, die eigene kritische Reflexionsbereitschaft sowie lebenslanges Lernen im Kontext einer fürsorglichen Pflegebeziehung (Wilkinson, 2011). Professionelle Fürsorge bedeutet die Verbindung von Fachkompetenz und Fürsorge.

Die Präsenz der kritisch denkenden Pflegeperson ist ein wichtiger Bestandteil des Beziehungsprozesses. Mehr noch: Ein gelebter effektiver und individuell abgestimmter Pflegeprozess ist ohne Präsenz der professionell Pflegenden nicht möglich. Zusätzlich ist gerade das subjektive Krankheitserleben der Betroffenen (handlungs-)entscheidend.

Zahlreiche Pflegetheoretikerinnen unter anderem Watson (1996, 2008), Benner und Wrubel (1988), sowie Swanson (1991, 1993) erkannten schon früh die Notwendigkeit des In-Beziehung-Tretens als Notwendigkeit für den gelungenen Beziehungs- und Genesungsprozess. Ein Beziehungsprozess ohne direkten Bezug zum erkrankten Menschen hat eine fehlende Vertrauensbildung und das generelle Fehlen einer Pflegebeziehung zur Folge.

Grundlegendes Ziel in der Gesundheits- und Krankenpflege ist es, professionelle Pflegebeziehungen zu gestalten. Die Akademisierung des Pflegeberufes leistet einen Beitrag dazu, dass individuelle Pflegebeziehungen auf professioneller Ebene gelebt werden können. Durch die akademische Ausbildung wird komplexes Wissen gelehrt und Kompetenzen vermittelt, die den Pflegepersonen helfen, diese in die jeweilige Pflegebeziehung und Pflegesituation einzubringen und professionelle Fürsorge im pflegetheoretischen Sinn zu leben.

Literaturnachweis

Benner, Patricia & Wrubel, Judith (1988): The Primacy of Caring. Stress and Coping in Health and Illness. Addison-Weley, California.

Hojdelewicz, Bettina M. (2018): Der Pflegeprozess, Prozesshafte Pflegebeziehung. Facultas, Wien (2. Auflage).

Orlando, Ida J. (1996): Die lebendige Beziehung zwischen Pflegenden und Patienten. Hans Huber, Bern.

Orlando, Ida J. (1990): The dynamic nurse-patient relationship. National League for Nursing, New York/USA.

Schrems, Berta (2008): Verstehende Pflegediagnostik. Facultas, Wien.

Swanson, Kristen M. (1993): Nursing as Informed Caring for the Well-Being of Others. Journal of Nursing Scholarship 25 (4), 352–357.

Swanson, Kristen M. (1991): Empirical development of a middle range theory of caring. Nursing Research 40, 161–166.

Watson, Jean (2008): The Philosophy and Science of Caring. University Press, Colorado.

Watson, Jean (1996): Pflege: Wissenschaft und menschliche Zuwendung. Hans Huber, Bern.

Wilkinson, Judith M. (2011): Nursing Process and Critical Thinking. Pearson, New York (5. Auflage).

Bettina Hojdelewicz
Über Bettina Hojdelewicz 2 Artikel
Mag.a Bettina Maria Hojdelewicz, DGKP, Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Lektorin an Fachhochschulen, Fachbuchautorin, Studium der Pflegewissenschaft an der Universität Wien, Lehre und Forschung an der FH Campus Wien

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