Professionelle als Opfer

Lea Strietholt, Christoph Müller

(C) L.Klauser

Sarah spürt den Schrecken noch immer in den Knochen. Es ist erst wenige Wochen her, dass sie in den Nachtdienst kommt und Kollegen ihr erzählen, was glücklicherweise nicht passiert ist. Im Laufe des Tages hatten Jugendliche auf der Station offenbart, dass eigentlich Gruseliges in der vorherigen Nacht hätte passieren sollen. Auf der jugendpsychiatrischen Sucht-Station hatten mehrere Jungen und Mädchen geplant, die junge Krankenschwester mit einer Stichwaffe zu bedrohen, sich die Tür der geschlossenen Station öffnen zu lassen und sie eventuell als Geisel zu nehmen. Was sie davor bewahrt hat, ist ein sehr überlegtes Verhalten in der vorherigen Nacht gewesen, das sie aufgrund einer spürbar zweifelhaften Atmosphäre auf der Station durchgezogen hat. Sie hat immer wieder die Gruppen auseinandergezogen, die sich am späten Abend im Tagesbereich der Station bildeten. Sie ist im ersten Teil der Nacht vor allem um das Dienstzimmer herum geblieben. Das Bauchgefühl hat gesiegt.

Es ist gut, dass Sarah ihrem Bauchgefühl gefolgt ist. Niemand mag sich ausmalen, was passiert wäre, hätten die Jugendlichen ihre geplante Aktion verwirklicht. Sarah ist einem Trauma entgangen, das ein markantes Zeichen in ihrer Arbeits-und Lebensbiographie hätte setzen können. Genaue Zahlen zu Übergriffen in pflegerischen Arbeitskontexten gibt es nicht. Die Statistiken der Unfallversicherungen dokumentieren mehrere tausend Beschäftigte, die durch Übergriffe verletzt werden. Gleichzeitig gehen sie von einer Dunkelziffer von ungefähr 50 Prozent aus (1).

Subjektiv haben Pflegende, besonders in den psychiatrischen Versorgungskontexten den Eindruck, dass die Aggressionen und die Gewalt, die sie durch die betreuten Personen erfahren, zugenommen hat. Dieser Eindruck rührt daher, dass durch eine veränderte Praxis von Zwangsmedikationen in der Folge einer Gesetzgebung, die die Selbstbestimmung von in der Psychiatrie untergebrachter Menschen mehr zur Geltung bringt, die Übergriffe robuster geworden sind. Gleichzeitig haben besonders die Pflegenden an der unmittelbaren Front weniger Handlungsoptionen und sind zum Aushalten ungewohnten Verhaltens gezwungen.

Wenn dieses ungewohnte Verhalten und die wenigen Handlungsoptionen nun ausgehalten werden müssen, kann es zu einem Angriff auf Mitarbeiter im Gesundheitswesen durch Patienten kommen. Die Folgen werden oft vernachlässigt. Gegenstände die zerstört werden, sind ersetzbar. Aber nicht ersetzbar ist die psychische Belastung die durch so einen Vorfall ausgelöst werden kann. In einer Mitarbeiterbefragung bei Menschen, die einen Angriff erlebt haben, wurden nach dem Angriff, Niedergeschlagenheit, Angst, Schuldgefühle, Versagensängste, Hassgefühle und Wut angegeben. Die Wut wurde vor allem gegen sich selbst, da die Pflegenden glaubten, die Lage nicht richtig unter Kontrolle gehabt zu haben und die Leitungen und Kollegen ausgerichtet, da viele Mitarbeiter sich nicht ausreichend unterstützt fühlten. Das Ergebnis der Befragung zeigte ganz klar, dass Menschen die im Gesundheitswesen durch Patienten angegriffen wurden, eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln können (3).

Für den Handlungskontext der Rettungskräfte hat es eine Untersuchung , die nach einer Bestätigung der Zunahme von Aggressionen und Gewalt gegen Feuerwehrleute und Rettungskräfte gesucht hat. Die subjektiven Eindrücke der Feuerwehrleute und Rettungskräfte konnten nicht bestätigt werden.  Was bestätigt werden konnte, war das häufige Nicht-Melden entsprechender Ereignisse an die Unfallkassen. Was bei der Bochumer Forschungsarbeit nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass die Aggressionen männlich dominiert sind und die Handelnden mehrheitlich zwischen 20 und 39 Jahren alt sind (2).

Es ist nicht möglich vorherzusehen, wann jeder einzelne Mensch zu Aggressionen und Gewalt greift und welche Population gewaltbereiter ist, als eine andere. Es gibt jedoch gewisse Risikofaktoren, die herausgefunden wurden. So wird beschrieben, dass vor allem der Umgang mit Patienten zu Gewalt führen kann. Patienten mit einer Schizophrenie und Menschen, die schon einmal Gewalttätig waren, zeigen ein erhöhtes Risiko dies wieder zu tun. Auch die Erkrankung der schizophrenen Psychosen und der Suchterkrankungen führen zu einem erhöhten gewaltpotenzial. Zudem wird der Risikofaktor der Arbeitsumgebung und der unvertrauten Pflegekräfte beschrieben. Als letzter Risikofaktor werden das Personal und die Organisation benannt. Vor allem unfreiwillige Einweisungen, Fixierungen, lange Behandlungsverläufe, aber auch fehlende Wertschätzung der Mitarbeiter können zu Gewalt und Aggressionen gegenüber den Mitarbeitern führen (4).

Für Stefan, der erst vor kurzem auf einer forensischen Station mit einem Messer von einem psychotisch veränderten Menschen angegangen worden ist, sind die Diskussionen um Gewaltpotentiale und Voraussehbarkeiten ein Nebenschauplatz. Er hat eine Attacke abwehren können, da er seinem Gegenüber körperlich überlegen war. Das Blinken des Messers erinnert er immer wieder. Es jagt ihm den einen oder anderen Schrecken in die Glieder.

Wenn es in psychiatrischen Institutionen oder anderen Einrichtungen der Wohlfahrtspflege um Aggressionen durch untergebrachte Menschen geht, so bleiben subjektive Aspekte bei den Opfern häufig unerwähnt. Auf den Stationen oder in den Wohnbereichen hören sie gutgemeinte Ratschläge, wie sie das Drama hätten vermeiden können. Vorgesetzte weisen darauf hin, dass es psychotherapeutische Krisenangebote gibt, die in Anspruch genommen werden können. Mit dem Eintrag in das Verbandsbuch und dem Ausfüllen des Unfallbogens für die Berufsgenossenschaft erscheinen die formalen Angelegenheiten erledigt. Auch wenn es hinlänglich als Kunstfehler beschrieben wird, wenn keine teamorientierte Supervision zu den Ereignissen stattfindet, so bleibt diese Form der Unterstützung oft aus.

Stefan sind nach dem traumatischen Ereignis die subjektiven Sichtweisen mehr als bewusst. Er wird vom Erlebten eingeholt, fällt dann ins Grübeln. Er spürt die Antriebsarmut und die Lustlosigkeit. Er fühlt eine Angst, die er im Gespräch nicht konkretisieren kann. Noch viel schlimmer erscheint es ihm, dass ihm Fakten bewusst werden, die ihm vor dem Ereignis nie in den Sinn gekommen wären.

Nachdem die Klinik, in der er arbeitet, es abgelehnt hat, den untergebrachten Menschen anzuzeigen, sieht er sich er sich damit konfrontiert, nicht ausreichend Unterstützung zu bekommen. Er sieht sich in die Rolle eines Einzelkämpfers gedrängt. Die Last des Erlebten liegt auf seinen Schultern, so empfindet er. Als seine unmittelbare Vorgesetzte ihm gegenüber sagt, dass in diesem Arbeitsumfeld mit Übergriffen gerechnet werden müsse, fühlt er sich geohrfeigt. Wahrscheinlich könne er froh sein, dass er nicht unmittelbar die Frage nach seinen Schuldanteilen gestellt bekam.

Heike sieht sich einem ganz anderen Übergriff gegenüber. An einem heißen Sommernachmittag nutzt ein untergebrachter Mensch die Gelegenheit, sexuell die Grenzen zu überschreiten. Er kommentiert  nicht nur die der Jahreszeit angemessene luftige Kleidung, sondern gibt ihr einen Klaps auf den Po. Im Affekt gibt sie dem Untergebrachten eine Ohrfeige. Was folgt, hat sie sich nicht ausmalen können.

Heike musste einen Angriff auf sich aushalten und wusste sich nicht weiter zu helfen, als sich zu wehren. Für sie war es Notwehr, da eine Grenze für sie, überschritten wurde. Jedoch sah ihr Chef dieses ganz anders. Sie erhielt eine Abmahnung und musste die Station wechseln, da sie einen Patienten körperliche Gewalt zugefügt hatte. Ihre Version der Situation hörte sich ihr Chef nicht an. Heike wurde darauf hingewiesen, dass sie bei einem erneuten Deeskalationstraining mitmachen solle, damit sie Situationen besser deeskalieren kann und es nicht zu Gewalt gegen einen Patienten komme. Heike fühlte sich leer, sie fühlte innere Ablehnung und zeigte sich ängstlich in Kontakten mit Untergebrachten, männlichen Patienten.

Deeskalationstrainings sind eine Prävention gegen Gewalt auf Mitarbeiter. Das Deeskalationstraining baut darauf auf, dass gefährliche Situationen, die eskalieren können, durch konkrete Ansprache und Kommunikation entschärft werden. Möglich ist es auch, den körperlichen Einsatz zu nutzen, z.B. durch Fixierungen und Isolation, wenn die Deeskalation nicht funktioniert. Das wichtigste Ziel ist es, dass Gewalt möglichst verhindert wird (5). Es gibt nur wenige Studien, die belegen, dass ein Deeskalationstraining signifikant gegen Angriffe auf Mitarbeiter hilft. Meist sind die Daten schwierig zu erheben.

Doch auch alle Präventionen werden Heike in ihrer Situation nicht weiter helfen. Denn Heike hat eine psychische Belastung davon getragen. In Kontakten mit männlichen Patienten zeigt sie sich ängstlich und eingeschüchtert. Sie vermutet immer wieder, dass jemand sie sexuell belästigen könnte und sie sich wehren möchte, dann aber eine erneute Abmahnung bekommen könne. Sie fühlt sich wenig wertgeschätzt, da ihr Chef die Arbeit die sie macht, kontrolliert und sie beobachtet. Heike entschließt sich zu kündigen und in einer neuen Klinik neu anzufangen. Zusätzlich nutzt sie eine ambulante Psychotherapie für sich, um mit dem erlebten fertig zu werden.

Andreas hätte gut darauf verzichten können, dass er Herrn Meier nach dem erfolgreich vollzogenen Suizid im Fensterkreuz aufgefunden hat. Es war ihm nicht unmittelbar aufgefallen. Das verwinkelte Zimmer ermöglichte nicht den direkten Blick. Kollegen hatten immer einmal von solchen Erlebnissen erzählt. Er hoffte, dass ihm eine solche Erfahrung erspart bliebe. Mit seinem Gefühlschaos kommt er nun nicht zurecht.

Es liegt nahe, Andreas einen Gang zum Psychotherapeuten zu empfehlen. Seine Pflegedienstleiterin hat ihm einen Zettel in die Hand gedrückt. „Rufen Sie einmal jemanden von der Liste an. Wir haben mit denen vereinbart, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeitnah einen Krisentermin bekommen“, hat sie ihm gesagt. Eine Frage nach seinem Wohlbefinden hat sie nicht gestellt. Gleichzeitig hat er vermisst, dass die Pflegedienstleiterin mit ihm darüber nachgedacht hat, wie dem therapeutischen Team auf der Station geholfen werden könnte.

Man sollte meinen, dass es selbstverständlich wäre, entsprechende Fragen zu stellen, um beispielsweise einem Anspruch aus einem Träger-Leitbild gerecht zu werden: „Qualität für Menschen.“ Man sollte meinen, dass es zu einem Procedere nach besonderen Vorkommnissen in Kliniken Verfahrensanweisungen gibt, in denen sich gemachte Erfahrungen wie wissenschaftliches Wissen verdichten. Andreas hat dies nicht erlebt. Mit der Psychotherapeuten-Liste wartete die nächste Überraschung auf ihn. Als er versuchte, die eine oder andere Psychotherapeutin zu erreichen, entgegnete man ihm: „Wieso stehe ich auf einer solchen Liste? Diese Liste muss überholt sein? Ich kann erst in sechs bis neun Monaten Hilfe anbieten.“

Dabei empfand Andreas den Wunsch nach Hilfe als einen unmittelbaren. Diese Bedürftigkeit wurde in der Supervisionssitzung nach dem Ereignis auch nicht befriedigt. Ein Konflikt zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen stand im Zentrum der Diskussion. Der erfolgreiche Suizid wurde noch nicht einmal erwähnt.

Die oben genannten Beispiele, werden viele Pflegekräfte kennen oder so ähnliche Situationen erlebt haben. Auch die Diskussion um Gewalt und Aggressionen wird ein ständiges Thema in psychiatrischen Einrichtungen sein. Genaue Zahlen zu Angriffen auf Mitarbeiter, gibt es nur wenige, da unterschiedliche Grundlagen in die Studien mit einbezogen werden. So wird „die Gewalt“ in den Studien unterschiedlich bewertet und definiert. Zu erwähnen wäre jedoch eine US- amerikanische Studie, die eine Analyse aller Daten von US- amerikanischen Kliniken, von 2007-2013 erhoben hat. Hier wurden 14877 Verletzungen analysiert. Es gibt keine nachweisebare Veränderung und die meisten Betroffenen waren Pflegekräfte (6).

Der Artikel soll darauf aufmerksam machen, dass psychiatrisch Pflegende ständigen Aggressionen und Gewalt von Patienten, seien es Drohungen, Sachbeschädigungen aber auch den körperlichen Angriffen, ausgeliefert sind. Präventive Maßnahmen sind Wichtig und können viele Situationen deeskalieren. Jedoch gelingt dies nicht immer. Auch Pflegende sind Menschen, die psychisch durch Gewalterfahrungen belastet werden können. Wichtig ist es jedoch, dass auch Mitarbeiter in Kliniken, Hilfsangebote bekommen und über das erlebte Reden können. Nur weil die Pflegenden „die Professionellen“ sind, heißt das nicht, dass diese Menschen keine Hilfe von Außerhalb in Anspruch nehmen dürfen. Supervisionen und Kriesenmanagements sind daher von großer Bedeutung für das Wohlbefinden von Mitarbeitern.

Fußnoten

(1) https://www.gesundheitsdienstportal.de/risikouebergriff/content/01_notwendigkeit/03_umfang_problem/index.htm

(2) http://www.kriminologie.ruhrunibochum.de/images/pdf/Abschlussbericht_Gewalt_gegen_Einsatzkraefte.pdf

(3) Richter, D. (2007). Patientenübergriffe–Psychische Folgen für Mitarbeiter. Theorie, Empirie, Prävention. Bonn: Psychiatrie-Verlag. https://www.gesundheitsdienstportal.de/files/Patientenuebergriffe_Psychische-FolgenfuerMitarbeiter.pdf

(4) https://www.researchgate.net/profile/Albert_Nienhaus/publication/24238891_Violence_and_aggression_in_care-related_jobs-a_literature_overview/links/0deec53071708a6a7e000000.pdf

(5) https://www.researchgate.net/profile/Dirk_Richter/publication/247467694_Gewaltsituationen_in_der_psychiatrischen_Pflege_

(6) S-3 Leitlinien: Verhinderung von Zwang..

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 3 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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