Praxishandbuch Gartentherapie – Gartentherapie für Ergo-und Gartentherapeuten, Pflegefachpersonen und Gärtner

„Garten als Kulturobjekt“

In der psychosozialen Versorgung wird gegenwärtig von einem bio-psycho-sozialen Krankheits-und auch Unterstützungsmodell ausgegangen. Gerade wenn es für seelisch oder körperlich erkrankte Menschen um diese Vieldimensionalität geht, dann wird vor allem bei den Hilfe-Angeboten oft nur eine Brille angezogen. Die Therapie bleibt fragmentarisch, man wünscht den betroffenen Menschen Herz und Verstand.

Gabie Vef-Georg und Andreas Niepel sowie ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter hauchen der Vieldimensionalität Atem ein. Dies gelingt ihnen am Beispiel der Gartentherapie, die die grundsätzliche Frage stellt, inwieweit die Natur zum Genesungsweg erkrankter Menschen gehört. Sie formulieren ein klares Plädoyer: „Und die weltweite Studienlage stellt zunehmend deutlich heraus, dass der Mensch eben auch tatsächlich ein solches ökologisches Wesen ist und dass die Qualität der Umwelt und damit auch die Qualität seiner Interaktionen mit dieser Umwelt einen erheblichen Einfluss auf seinen Gesundheitszustand haben“ (S. 24). Wenn man ein solches erweitertes Menschenbild vertrete, müsse auch erkennen, „dass es neben biologisch-physiotherapeutischen, psychotherapeutischen oder soziotherapeutischen auch ökotherapeutische Angebote geben muss“ (S. 24).

Mit dem „Praxishandbuch Gartentherapie“ bereiten sie dem Ganzen einen wunderbaren Mutterboden. Interessierte Fachpersonen können sich erst einmal eine eigene Haltung erarbeiten. Die Begeisterung für das Arbeiten im Garten und mit Naturprodukten ist den zeitgenössischen Menschen sicher nicht in die Wiege gelegt. Sie können ausführlich überlegen, inwieweit das Leben in der Natur und mit der Natur für sie Lebensqualität bedeutet. Niepel unterstreicht, dass es eine „enge Verbindung zwischen subjektiv erlebter Lebensqualität und dem Garten zu geben“ (S. 33) scheint.

Die Einstellung zu den Menschen und die inhaltliche Auseinandersetzung im Grundsätzlichen ist die eine Seite der Medaille. Die differenzierte Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Gartentherapie sowie den Materialien und Heilpflanzen ist die andere Seite der Medaille. Wo auch immer psychosoziale Praktikerinnen und Praktiker mit der Therapie beginnen wollen, sie können sich an dem großen Erfahrungsschatz von Gabie Vef-Georg und Andreas Niepel bedienen.

Deutlich wird über die mehr als 300 Seiten, dass es eine Wechselbeziehung zwischen den Menschen und der sie umgebenden Umwelt gibt. Vef-Georg und Niepel bedienen sich aus dem, was sie um sich herum finden, um verletzte Körper und Seelen genesen zu lassen. Sie sind insbesondere daran interessiert, dass sich die psychosozialen Praktikerinnen und Praktiker ans Werk machen, sich die Hände schmutzig machen und erkunden, welchen Nutzen beispielsweise Naturprodukte haben.

Dabei hilft die vielfältige Unterstützung in der Sache, die durch vielfältige Darstellungsweisen deutlich wird. Es werden viele übersichtliche Tabellen und Abbildungen geliefert. Ansprechende Fotos zeigen den Praktikerinnen und Praktikern, dass vieles möglich ist. Und viele Anregungen werden in der Weise gegeben, dass die Gebrauchsanleitungen lediglich umgesetzt werden müssen.

Vef-Georg und Niepel sind Überzeugungstäter(innen). Nicht ohne Grund betonen sie: „Gartentherapie ist mehr als Therapie im Garten. Der Garten als Kulturobjekt, die Pflanzen als lebendiges Gegenüber, die Natur als größeres Ganzes …“ (S. 89). Kurz gesagt: Es macht Spaß, sich mit Vef-Georg und Niepel auf den Weg zu machen.

Andreas Niepel & Gabie Vef-Georg (Hrsg.): Praxishandbuch Gartentherapie – Gartentherapie für Ergo-und Gartentherapeuten, Pflegefachpersonen und Gärtner, Hogrefe-Verlag, Bern 2020, ISBN 978-3-456-85927-9, 359 Seiten, 69.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 261 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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