Praxis Krisenintervention

„Verhältnis der biographisch erworbenen Resilienz zur eigenen Vulnerabilität“

Eines gelingt den Herausgeber_innen und Autor_innen des Buchs „Krisenintervention“ auf jeden Fall. Sie holen den Begriff der Krise in den Alltag und bereiten der Bewältigung von Krisen damit den Weg. Schließlich geben sie den Krisen, die im psychosozialen Leben wie im menschlichen Leben geschehen, einen Sinn und ein Verständnis. Ob dies neu, anders oder innovativ sein muss, mag dahingestellt sein. Denn die Herausgeber_innen und Autor_innen weiten den Blick der interessierten Leser_innen. Dies liegt beileibe nicht nur daran, dass der Sozialpsychologe Heiner Keupp eine Normalität der Krise zu beschreiben versucht hat. Diese Idee glaubt man auch zu finden, wenn sich der Psychotherapeut Wolf-Ortiz Gedanken über die Krisenbewältigung macht. Er glaubt (sicher zu Recht), dass die Bewältigung von Krisen-Erfahrungen immer auch vom „Verhältnis der biographisch erworbenen Resilienz zur eigenen Vulnerabilität“ (S. 59) abhängt.

Was ist denn das Entscheidende, was Menschen in Krisen hilft? Die Erziehungswissenschaftlerin Silke Birgitta Gahleitner unterstreicht die Bedeutung des Beziehungs-und Vertrauensaufbaus in den menschlichen Interaktionen. Jetzt werden viele Leser_innen bemerken, dass dies selbstverständlich sei. Weit gefehlt, sonst wären viele Vorstellungen Gahleitners überflüssig: „Auch krisentheoretisch ist nach der gelungenen Beziehungsaufnahme eine Entlastung der akuten emotionalen Überforderung durch aufmerksames und beruhigendes Dasein und Zuhören Programm“ (S. 70). So klingen Sätze, die sich gegen die Geschäftigkeit und Lösungsorientierung psychosozialer Praxis aufstellt.

In dem Buch zur Krisenintervention geht es eigentlich um „klassische“ Krisenerfahrungen im psychosozialen Handlungsfeld. Für viele Formen der Krisenintervention beschreiben die Autor_innen Handlungsoptionen: bei Wohnungslosigkeit und nach Migrationserfahrungen, bei Kindern und Jugendlichen sowie im Alter, bei psychotischen Krisen und nach akuten Traumatisierungen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient beispielsweise der Beitrag des Sozialwissenschaftlers Reinhard Peukert. In seinem Fokus sind die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Das Leben mit einem seelisch erkrankten Familienmitglied sieht Peukert als einen Prozess. In diesem Prozess kommt es nach Peukert zu Ungleichzeitigkeiten einzelner Hilfen für die Betroffenen. Dabei findet er auch mahnende Worte: „Wir wünschen uns eine Hilfe für unser Familienmitglied in den Zeiten und in den Situationen, in denen wir mit unseren bescheidenen Mitteln nicht weiterkommen und zusehen müssen, wie es ihm zunehmend schlechter geht, und wir wünschen uns diese Hilfen dort, wo er ist: Denn in diesen Zeiten ist die Situation gerade von seiner mangelnden Bereitschaft geprägt, die in allen möglichen Praxen und sonstigen Orten angebotenen Hilfen aufzusuchen – trotz aller Überredungskünste unsererseits“ (S. 276).

Ernst macht das Buch „Praxis Krisenintervention“ mit konkreten Blicken auf die Kriseninterventionen. Dazu nutzen sie auch die trialogische Sichtweise, die sich besonders in der psychiatrischen Versorgung zunehmend durchsetzt. Mit Peukert zeigt ein Angehöriger eines psychisch erkrankten Menschen eine spezifische Sicht. Menschen, die als Betroffene Psychiatrie-Erfahrung haben, erzählen von der eigenen Not. Und Iris Hölling nutzt die Gelegenheit, die antipsychiatrische Sicht auf die Beschäftigung mit Kriseninterventionen aufzuzeigen. Dabei wird eines deutlich: „Grundsätzlich wissen Psychiatrie-Betroffene sehr genau, was sie sich wünschen, wie sie sich Hilfe vorstellen, was sie brauchen. Sie werden nur viel zu selten gefragt und sehr oft nicht als kompetente Gesprächspartner_innen und als Expert_innen für ihr eigenes Leben wahrgenommen“ (S. 259). Es bleibt halt noch vieles zu tun, um die Krisenintervention als lebendigen und wechselseitigen Prozess zu leben.

 

Wolf Ortiz-Müller, Stefan Gutwinski & Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Praxis Krisenintervention – Handbuch für helfende Berufe (3., überarbeitete Auflage), Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-035577-4, 34 Euro.

Über Christoph Mueller 335 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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