Pflegepersonen im Fokus – Gestaltungsmöglichkeiten für einen tabufreieren Umgang mit Gefühlen in der Pflege

„Interaktionsintensiv und mit emotionalen Herausforderungen verbunden“

Pflegenden in vielen Versorgungssettings ist es fremd, sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen. Die Fremdsorge hat für die meisten professionell Tätigen Vorrang vor der Selbstsorge. Mit dem Tagungsband „Pflegepersonen im Fokus“, den die Pflegepädagogin Colombine Eisele herausgebracht hat, ist nun ein Zeichen gesetzt, das überfällig war.

Die Soziologin Gudrun Piechotta-Henze stellt fest, dass pflegerische Tätigkeiten interaktionsintensiv und fast immer mit emotionalen Herausforderungen verbunden seien (S. 9). Der Alltag in Krankenhäusern und Pflegeheimen zeige, „wie sowohl Auszubildende als auch ausgebildetes Pflegepersonal im Arbeitsalltag selbst leiden, wenn keine Emotionsarbeit geleistet wird, und dass auch die zu pflegenden Menschen, die sich in einer vulnerablen Lebens-und Versorgungssituation befinden, leiden, wenn sie ohne Empathie versorgt werden und sogar Handlungen ertragen müssen, denen Gewalt inhärent ist“ (S. 18).

Das Buch muss als Weckruf verstanden werden. Schließlich wird in den Beiträgen offenbar, wie unverzichtbar Gefühlsarbeit für Pflegende ist. Die Pflegewissenschaftlerin Ursula Immenschuh stellt mit ihrem „Nachdenken über Würde und Scham in der Pflege“ ihre Gedanken zu Tabubrüchen in den Fokus. Immenschuh touchiert viele Fragen, über die im pflegerischen Alltag gerne hinweggegangen wird. In Anlehnung an Heimerl erinnert sie, dass Kliniken Brutstätten und Austragungsorte für peinliche Situationen seien. Dies begründet sie damit, dass zum pflegerischen Handeln alltägliche Grenzüberschreitungen gehören. So zeigt sich, dass Gefühlsarbeit für Pflegende sicher auch zu Sensibilisierungen führen sollte.

Breiten Raum nimmt bei Immenschuh die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Scham ein. Sie formuliert einen Anspruch, der sicher eher ein Wunsch ist: „Von professionellen Pflegekräften können wir erwarten, dass sie einen bewussten Umgang mit der Scham gelernt haben. Dazu gehört, die eigene Schambiographie zu kennen. Es bedeutet weiter, Scham in der Pflege reflektiert zu haben im geschützten Rahmen mit anderen, möglichst begleitet in Supervision oder ähnlichen Formen professioneller Reflexion“ (S. 30).

Colombine Eisele bezeichnet in einem eigenen Beitrag „Gefühlsarbeit in der Ausbildung“ eine „Vorbereitung auf den pflegerischen Alltag“. Dass Kommunikation der Vielfalt von Gefühlen von Pflegepersonen Ausdruck verleiht, ist eine Überzeugung der Kommunikationsberaterin Irmgard Barta. Die Philosophin und Krankenschwester Doris Pfabigan beschreibt „Rahmenbedingungen für eine gelungene Gefühlsarbeit von Pflegepersonen“.

Pfabigan ist es, die besondere Horizonte für Pflegende anbietet. Beispielsweise unterstreicht sie, dass Gefühle nicht nur dauerhafte Bindungen schafften, „sondern haben auch unmittelbaren Mitteilungs-und Antwortcharakter“ (S. 89). Sie hält es für eine falsche Annahme, dass Gefühle bloß etwas Subjektives seien. Gefühle gingen von der fühlenden Person aus. Sie würden durch Ausdruck, Ausstrahlung, Gesten und Handlungen entäußert, verströmten jedoch nicht ins Nichts.

Das Buch „Pflegepersonen im Fokus“ zeigt auf, dass pflegerisches Handeln halt nicht nur eine Dienstleistung ist. Es wird mehr als offensichtlich, dass pflegerische Arbeit ein zutiefst zwischenmenschliches Interagieren und Agieren ist.

Colombine Eisele (Hrsg.): Pflegepersonen im Fokus – Gestaltungsmöglichkeiten für einen tabufreieren Umgang mit Gefühlen in der Pflege, Facultas Verlag, Wien 2019, ISBN 978-3-7089-1877-8, 103 Seiten, 14.90 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 216 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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