Pflege von wohnungs‐ und obdachlosen Menschen – Konzeptionelle Grundlagen

Ein Zuhause zu haben ist ein menschliches Grundbedürfnis, es ist ein Ort der Geborgenheit, des Schutzes sowie der individuellen Entfaltung des menschlichen Daseins und damit eine wesentliche Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden. Menschen, die kein Zuhause haben, die längerfristig von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen sind, haben einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand als anderer Bevölkerungsgruppen (Trabert 2018).

Aufgrund der komplexen multiplen physischen und psychischen Gesundheitsbelastungen und sozialen Schwierigkeiten dieser Zielgruppe ist die gesundheitliche Versorgung von obdach- bzw. wohnungslosen Menschen besonders herausfordernd: Die Nutzer:innen begegnen aufgrund ihrer oftmals schlechten Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem den „Profis“ zunächst misstrauisch. Die Interaktion ist auch deshalb herausfordernd, weil diese häufig von Gefühlen von Scham, Unzulänglichkeit und Angst geprägt ist sowie Sprach- und Verständigungsbarrieren überwunden werden müssen (Omerov et al. 2020). Demgegenüber steht der Befund, dass die gesundheitliche Regelversorgung obdach- und wohnungsloser Menschen nur in seltenen Fällen an deren spezifische Lebenslagen angepasst ist, und nicht immer den eigentlichen Problemlagen der Betroffenen entspricht (Schreiter et al. 2020; Trabert 2018).

Die o.g. Problematik betrifft im Besonderen auch die pflegerische Versorgung von wohnungs- und obdachlosen Menschen: Sie findet nur äußerst selten Eingang in entsprechende Fachliteratur oder gar Lehrbüchern (Stehling 2008). Damit muss auch von einer Leerstelle in der Aus- und Weiterbildung von Pflegenden ausgegangen werden.

Ausgehend von dem Anliegen, die fachlichen Anforderungen der Pflegenden im neunerhaus Gesundheitszentrum, einem niederschwelligen Angebot für obdach- und wohnungslose Menschen in Wien, konzeptionell zu rahmen, wurde ein sog. „Fachkonzept für die Pflege“ in Zusammenarbeit mit dem Team des neunerhaus Gesundheitszentrum erarbeitet (s. Abbildung 1). In diesem Beitrag werden die zentralen Grundlagen des ausgewählten Konzepts vorgestellt und sein grundsätzliches Potenzial, als handlungsleitender Rahmen für die Pflege obdach- und wohnungsloser Menschen ausgelotet.

Das neunerhaus Gesundheitszentrum

Das neunerhaus Gesundheitszentrum in Wien ermöglicht Menschen, die keine Krankenversicherung haben, obdach- bzw. wohnungslos sind, oder die in prekären Wohnsituationen leben und eine gesundheitliche Beeinträchtigung haben, einen niederschwelligen Zugang zu medizinischer, pflegerischer oder anderer therapeutischer Versorgung. Dafür steht ein Team aus Allgemeinmediziner:innen, Sozialarbeiter:innen, Ordinationsassistentinnen bzw. -assistenten, Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, Peermitarbeiter:innen, einem Psychiater sowie einer DGKP mit psychiatrischer Zusatzqualifikation, Zahnärztinnen und Zahnärzten sowie Zahnärztlichen Assistentinnen bzw. Assistenten zur Verfügung (neunerhaus). Darüber hinaus findet eine Zusammenarbeit mit einer Vielzahl an Kooperationspartnerinnen und -partnern statt. Die „Philosophie“ des neunerhaus Gesundheitszentrums basiert auf einem humanistischen Menschenbild und zeichnet sich durch Offenheit, Wertschätzung, kritisches Denken, Vorurteilsfreiheit, Innovations- und Kooperationsbereitschaft sowie Verantwortungsbewusstsein aus (neunerhaus). Um diesen Anspruch einlösen zu können, wurden im Laufe des Bestehens die Arbeitsprozesse im Kontext der interprofessionellen Zusammenarbeit so geregelt, dass sie einerseits die Versorgungsqualität im Sinne der Sicherheit der Nutzer:innen gewährleisten und andererseits sinnvolle Arbeitsabläufe der unterschiedlichen Berufsgruppen sowie Reflexionsräume sicherstellen.

Zugang zur pflegerischen Versorgung finden die Nutzer:innen des neunerhaus Gesundheitszentrums oftmals über den Weg einer „chronischen Wunde“. Inkontinenz, Immobilität und ein Unterstützungsbedarf bei Aktivitäten wie sich zu waschen, zu kleiden und zu pflegen, sind ebenfalls typische pflegerelevante Problemlagen. Pflegende stehen auch „bei Notfällen“ als Teil des interprofessionellen Teams bereit. Der Beitrag der Pflegenden zur gesundheitlichen Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen ist anspruchsvoll und vielseitig und unterscheidet sich in vieler Hinsicht von pflegerischen Anforderungen in anderen Settings.

Entwicklung eines Fachkonzepts als Prozess

Im Rahmen des Auftrags an die GÖG, einen konzeptionellen Rahmen für die Pflege im neunerhaus Gesundheitszentrum im Rahmen eines partizipativen Prozesses zu erstellen, wurden folgende Anliegen formuliert: Das Fachkonzept für die Pflege soll neben fachlichen-funktionalen Anforderungen auch die notwendigen Haltungen von Pflegepersonen im Kontext von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit sowie Vorgangsweisen beschreiben, durch die sich die Haltungen der Pflege realisieren. Ebenso sollen beeinflussende Aspekte auf die Arbeit der Pflegenden deutlich werden, um daraus Rückschlüsse auf die notwendigen Rahmenbedingungen für die Pflege in diesem Kontext ziehen zu können.

Um diesen Anliegen nachzukommen wurde, ergänzt von Literaturrecherche und -analyse, ein Workshop mit den Pflegenden des neunerhaus Gesundheitszentrums durchgeführt: Zunächst wurden die strukturellen Gegebenheiten der Zielgruppe der Pflege, die pflegespezifischen Schwerpunkte sowie die Arbeitsprozesse erhoben. Dabei wurden bereits An- und Herausforderungen für die Pflegenden, aber auch ihr Pflegeverständnis und ihre Haltungen deutlich. Anhand dokumentierter Fallgeschichten war eine Konkretisierung der Spezifika der Pflege im neunerhaus Gesundheitszentrum möglich.

Auf der Basis der so gewonnen Einsichten zu fachlichen Anforderungen, zum Pflegeverständnis und der speziellen Rolle, die den Pflegepersonen in diesem Setting zukommt, erschien es naheliegend, ihre Arbeit mit dem „Person-Centred Practice Framework“ konzeptionell einzufassen. Ebenfalls berücksichtigt wurden dadurch Schnittmengen sowie Abgrenzungen zu anderen Berufen der Wohnungslosenhilfe. Im Folgenden sollen zentrale Aspekte dieses Modells skizziert und aufgezeigt werden, inwiefern es als Fachkonzept geeignet ist, um die pflegerische Arbeit im Setting der pflegerischen Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen theoretisch zu Rahmen.

Das Modell „Person-Centred Practice Framework“

Das Modell „Person-Centred Practice Framework“ (PCP-Modell) ist ein Konzept mit mittlerer Reichweite, das auf einem normativen Wertesystem basiert. (Grossmann et al. 2018) Das zugrunde liegende Verständnis des Personseins („Personhood“) nimmt im Wesentlichen auf folgende vier Aspekte des menschlichen Seins Bezug: „being in relation“, „being in a social world“, „being in place“ und „being with self“ (McCormack/McCance 2016). Die Grundwerte, die das Konzept tragen, sind insbesondere Verständnis, Respekt und die Achtung des Rechts auf Selbstbestimmung des Menschen. Das PCP-Modell lehnt sich an das Struktur‐, Prozess- und Ergebnismodell von Donabedian (1980) an und umfasst folgende Dimensionen (McCormack/McCance 2006): Voraussetzungen, die sich auf Eigenschaften der Pflegepersonen konzentrieren, Umgebung der Pflege, personzentrierte Pflegeprozesse sowie personzentrierte Resultate. Im Modell berücksichtigt werden ebenso übergeordnete Faktoren auf der Makroebene, welche die Umsetzung personzentrierter Versorgung ebenfalls mitbeeinflussen. Dazu zählen die Ausrichtung der Gesundheitspolitik und der Personalentwicklung auf internationaler und nationaler Organisationsebene, Beschäftigungs‐ und Arbeitsverhältnisse sowie Lern- und Unterstützungsmodelle (Grossmann et al. 2018). Allerdings wird auf diese Dimension des Modells hier nicht näher eingegangen.

Entwickelt wurde das PCP-Modell unter der Federführung der beiden Pflegewissenschaftler:innen Brendan McCormack und Tanya McCance, die sich zunächst unabhängig voneinander mit personzentrierter Pflegepraxis beziehungsweise mit Caring in der Pflege auseinandersetzten (Grossmann et al. 2018). Später führten sie die Resultate ihrer Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zusammen und entwickelten gemeinsam das Person-Centred Nursing Framework (McCormack/McCance 2006). Im Laufe ihrer gemeinsamen Forschungstätigkeit wurde deutlich, dass dieses Modell über die pflegerische Versorgung hinaus auch allgemein als Grundlage für eine personzentrierte Gesundheitsversorgung dienen kann (McCormack/McCance 2016). Das hatte zur Folge, dass nun auch der Zusammenhang mit strukturellen Bedingungen auf Meso- und Makroebene stärker Berücksichtigung findet und das Modell in „Person‐Centred Practice Framework“ umbenannt wurde (Grossmann et al. 2018).

Das PCP-Modell kann als normativer, fachlicher Orientierungsrahmen von Fachpersonen, Teams oder ganzen Organisationen nutzbar gemacht werden (Grossmann et al. 2018). Dass Personzentriertheit als Kernkompetenz des Gesundheitspersonals und als Schlüsselkomponente der Qualität der Gesundheits- und Primärversorgung anzusehen ist, wird auf internationaler Ebene auch von der WHO hervorgehoben (WHO 2007). Personenzentriert zu pflegen bedarf bestimmter Voraussetzungen, die alle Pflegenden in gewissem Maß mitbringen und ständig weiterentwickeln müssen. Im folgenden Abschnitt werden diese Voraussetzungen mit Blick auf obdach- und wohnungsloste Menschen näher ausgeführt.

Voraussetzungen für eine personzentrierte Pflege

Personzentrierte Pflege setzt fachliche Kompetenz voraus. Diese umfasst das reflektierte berufliche Fach- und Erfahrungswissen, die Fertigkeiten sowie die professionelle Haltung, die Pflegende dazu befähigen, den Versorgungsansprüchen gerecht zu werden (Grossmann et al. 2018). Die professionelle Haltung schließt immer auch eine ethische Perspektive ein. Eine zentrale Bedeutung kommt im PCP-Modell auch das Engagement für die Aufgabe zu. Damit ist gemeint, dass sich Pflegende für eine evidenzbasierte, umfassende pflegerische Versorgung einsetzen und eine Vorstellung davon haben, wie diese Erkenntnisse gewonnen werden (Rycroft-Malone et al. in Grossmann et.al, 2018).

Um im Kontext von Obdach- und Wohnungslosigkeit eine adäquate pflegerische Hilfe und Unterstützung anbieten zu können, die auch angenommen wird, ist eine konsequente Orientierung an der Lebenswelt sowie an den aktuellen Handlungsmöglichkeiten der Nutzer:innen notwendig. Das bedeutet, dass Pflegepersonen nicht immer nach fachlichen Standards oder linearen Strategien arbeiten können. Vielmehr bedarf es der Fähigkeit, mit einem hohen Maß an Nicht-Planbarkeit umzugehen und einen Habitus der Aufmerksamkeit zu entwickeln, um gemeinsam mit der jeweiligen Nutzerin bzw. dem jeweiligen Nutzer die Handlungsoptionen in der aktuellen Situation auszuloten. Ein weiterer wesentlicher Aspekt einer personzentrierten Versorgung ist Selbstkenntnis und Klarheit über ihre eigenen Werte und Überzeugungen zu haben. Personzentrierte pflegerische Versorgung setzt voraus, dass Pflegenden bewusst ist, inwiefern sich die eigenen Ansichten auf ihre und die Entscheidungen der Nutzer:innen im Rahmen der gesundheitlichen Versorgung auswirken. (Grossmann et al. 2018)  Mehr noch als in anderen Settings sind Pflegende im Rahmen der Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen mit Situationen an der Grenze von Tabuverletzung, an der Grenze des Zumutbaren, von Scham und Ekel und eigener Betroffenheit konfrontiert. Auf der einen Seite gilt es, den Nutzerinnen und Nutzern mit Offenheit und Wertschätzung auf Augenhöhe zu begegnen, auf der anderen Seite benötigen Pflegende strukturierte Reflexionsmöglichkeiten auch im Sinne der Selbstsorge, um mit ihren eigenen Emotionen, denen ja immer auch Werte und Überzeugungen zugrunde liegen, adäquat umgehen zu können. Zwischenmenschliche Fähigkeiten zu haben bedeutet im Rahmen des PCP-Modells in erster Linie die Fähigkeit der Pflegenden, auf verschiedenen Ebenen mit anderen kommunizieren und in verbale und nonverbale Interaktion treten zu können, um die Situation anderer zu verstehen. Dies setzt ein ehrliches Interesse an der Person selbst und ihren besonderen Lebensumständen voraus (Stehling 2008). Im Ramen der Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen geht es auch im Wesentlichen darum, eine Anbindung an einen „verlässlichen Ort“ zu ermöglichen, wo Nutzer:innen darauf zählen können, Hilfe zu bekommen, und wo ihnen ein integritätsstiftender (bzw. -erhaltender) Umgang zuteilwird. Wie wichtig diese Haltung und diese Kompetenz gerade im Kontext der gesundheitlichen Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen von hoher Bedeutung ist, haben beispielsweise McCabe et al. (2001) in ihrer Studie herausgestellt.

Umgebung der Pflege

Im PCP-Modell wird berücksichtigt, dass das Praxisumfeld bzw. die Arbeitsumgebung einen großen Einfluss auf die Umsetzbarkeit der personzentrierten Pflege hat und das größte Potenzial besitzt, personzentrierte Prozesse zu fördern, zu verbessern oder sie zu behindern (McCormack 2004). Um den vielfältigen Versorgungsbedarfen wohnungs- bzw. obdachloser Menschen in personzentrierter Weise gerecht zu werden, bedarf es einem angemessenen Skill-Mix und dass das multiprofessionell zusammengesetzte Team die Expertise aller Beteiligten wertschätzt und um gemeinsame Entscheidungsfindungsprozesse bemüht ist (Grossmann et al. 2018). Es geht aber nicht nur um eine gemeinsame Entscheidungsfindung im Team, sondern auch um die Einbindung der Nutzer:innen. Dies ist ein zentraler Aspekt, der wesentlich zur Zufriedenheit im Kontext der pflegerischen Versorgung obdach- und wohnungsloser Menschen beiträgt (McCabe et al. 2001, zitiert nach Stehling 2008, S. 379). Eine gute Arbeitsumgebung als wesentliche Voraussetzung für eine personzentrierte Versorgung fordert nicht nur einen angemessenen Skill-Mix sondern auch effektive Teambeziehungen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sich die handelnden Akteurinnen und Akteure die Verantwortung teilen, indem sie die Perspektive der jeweils anderen Berufsgruppe aktiv miteinbeziehen (Grossmann et al. 2018).

Personzentrierten Versorgung stellt hohe Anforderungen an das Team, insbesondere im Kontext von Obdach- und Wohnungslosigkeit. Deshalb ist eine unterstützende Organisation wesentlich, um diese vielfältigen Anforderungen meistern und die geforderte Fachlichkeit und Haltung realisieren zu können. Eine unterstützende Organisation kann mitunter dadurch charakterisiert werden, dass sie die Initiative, Kreativität, Freiheit und Sicherheit von Personen fördert (Grossmann et al. 2018). Unter diesen Voraussetzungen, ist es möglich dass das Team ein Potential für Innovation und Risikobereitschaft entwickelt, was ebenfalls einen wichtige Aspekt einer personzentrierten Versorgung darstellt (ebda.). Dieser Aspekt impliziert, dass Fachpersonen Verantwortung für ihr professionelles Handeln übernehmen, indem sie in ihre Entscheidungsfindung unterschiedliche Quellen miteinbeziehen und diese gegeneinander abwägen können (ebd.). Im Kontext der Obdach- und Wohnungslosikheit sind Pflegende oftmals mit komplexen Situationen und eines auf den ersten Blick oft schwer einschätzbaren Allgemeinzustands der Nutzer:innen konfrontiert. In solchen Situationen sind Pflegende gefordert, sehr rasch mögliche Konsequenzen abzuschätzen und auf Basis einer Begründung, die insbesondere die lebensweltliche Situation der Betroffenen miteinbezieht, zu entscheiden. Auch die physische Umgebung ist ein wichtiger Einflussfaktor für das Gelingen personzentrierter Versorgung. Dabei spielen unter anderem Ästhetik und Funktionalität, die einander nicht ausschließen sollten, eine Rolle (Grossmann et al. 2018). Die Herausforderung im Kontext der ambulanten Versorgung obdach‐ und wohnungsloser Menschen bezüglich dieser Anforderung kann vielleicht darin gesehen werden, dass keine zusätzlichen Barrieren aufgebaut werden.

Patientenzentrierte Caring-Prozesse und Resultate

Mit Werten und Überzeugungen der Patientinnen und Patienten arbeiten, stellt ein zentrales Prinzip personzentrierter Caring-Prozesse dar. Dabei geht es darum, sich am Sinnerleben der Menschen, die einen Pflege- und Versorgungsbedarf haben, zu orientieren. (Grossmann et al. 2018) Im Kontext der Pflege von wohnungs- bzw. obdachlosen Menschen gilt zu bedenken, dass Gesundheit häufig nicht im Fokus der Aufmerksamkeit dieser Personengruppe steht. Wichtig ist, dass Pflegende neben einer pflegefachlichen Kompetenz auch über einen kenntnisreichen Blick auf die lebensweltliche Situation von wohnungs- und obdachlosen Menschen verfügen, um diese bei Entscheidungen berücksichtigen zu können. Adäquate personzentrierte Prozesse verlangen ein engagiert im Kontakt sein mit pflegebedürftigen Personen, um eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen (Grossmann et al. 2018). Die Herausforderung dabei ist, die Person, die sich oftmals hinter all den augenscheinlichen Problem- und Bedarfslagen verbirgt, zu erkennen, sie wahrzunehmen, sie zu respektieren und ihr wohlwollend zu begegnen. Mitfühlende Präsenz bzw. eine verstehende Zuwendung und ein verlässliches Gegenüber sind ebenfalls wichtige Aspekte einer personzentrierten Gesundheitsversorgung. Gerade für obdach- und wohnungslose Menschen kann diese professionelle Haltung eine Unterstützung dabei sein, einen verstehenden Zugang zu sich selbst zu finden sowie einen interessierten Blick auf die Welt auszubilden, und bestenfalls das Selbstvertrauen, in dieser Welt eigene Pläne für die Zukunft zu entwickeln, umzusetzen (Steckelberg 2021). Dazu trägt auch ein weiterer Aspekt personzentrierter Carin-Prozesse bei, nämlich professionell umfassend zu pflegen. Dies impliziert die Berücksichtigung und den Einbezug sowohl der physischen als auch der psychischen, soziokulturellen und spirituellen Dimension des Menschen (Grossmann et al. 2018). In der Pflege von wohnungs- bzw. obdachlosen Menschen rückt der Fokus dieser Vieldimensionalität des Menschen in ein besonderes Licht, da Nutzer:innen oftmals Verluste in allen Dimensionen erleiden oder erlitten haben.

Wie auch die Erfahrungen der Pflegenden in neunerhaus Gesundheitszentrum zeigen, erfolgt die Kontaktaufnahme bzw. der erste Vertrauensaufbau häufig über köperbezogene Pflegehandlungen, sei es über die Unterstützung bei der Körperpflege oder über das Verbinden einer Wunde. Dabei geht es darum, WIE diese Pflegesituationen gestaltet werden. Eine besonders sensible Herangehensweise, die durchaus sehr viel Zeit in Anspruch nehmen kann, ermöglicht beiden Seiten, die Aspekte von Nähe und Distanz zu berücksichtigen, wodurch Selbstwert und Würde aller Beteiligten gewahrt bleiben kann. Gerade weil obdach- und wohnungslose Menschen oftmals gleichzeitig von physischen und psychischen Gesundheitsbelastungen und sozialen Schwierigkeiten betroffen sind, ist es wichtig, im interdisziplinären Team gemeinsame Entscheidungen zu treffen und die Perspektive aller ins Auge zu fassen (Grossmann et al. 2018). So kann es auch gelingen, dass obdach- und wohnungslose Menschen wieder in die Regelversorgung zurückfinden und sich auch ihre soziale Situation verbessert (Trabert 2018).

Im Rahmen des PCP Modells wird auch bei den personzentrierten Resultaten der Fokus auf alle beteiligten Personen gelegt. Ein Aspekt dabei betrifft positive Pflegeerfahrungen, nicht nur jener Menschen, die professionelle Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen, sondern auf Seiten der Fachpersonen (Grossmann et al. 2018). Einbezogen sein in die Pflege ist ein weiteres zentrales Anforderungsmerkmal personzentrierter Resultate. Wie die Erfahrungen der Pflegenden des neunerhaus Gesundheitszentrums zeigen, bewirkt das Einbeziehen auch dass die obdach- und wohnungslosen Menschen die pflegerischen Interventionen besser verstehen und Behandlungsempfehlungen befolgen (Compliance). Mitunter setzen sich diese sogar aktiv ein, um gemeinsam gesetzte Ziele zu erreichen (Adhärenz). Einbezogen sein bedeutet aber auch, wahr- und wichtig genommen zu werden, und dies ist wiederum ein wesentlicher Aspekt, der zur Wahrung der Würde und Integrität der Menschen beiträgt (Pfabigan 2011). Wie in vielen anderen Caring-Theorien ist auch im Rahmen des PCP-Modells Wohlbefinden ein zentrales Resultat der Pflege (Grossmann et al. 2018). Wohlbefinden herzustellen, Sicherheit und ein Gefühl des Aufgehobenseins herzustellen – und sei es auch nur auf eine kurze Zeitspanne begrenzt – liegen auch im Kontext der Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen im Einflussbereich der Pflegenden. Erreicht wird Wohlbefinden hier insbesondere durch Eingehen auf individuelle Bedürfnislagen, eine verstehende und fürsorgliche Zuwendung sowie einen wertschätzenden, vorurteilsfreien Umgang. Nicht zuletzt gehört eine gesundheitsfördernde Kultur zu den personzentrierten Resultaten im Rahmen des PCP-Modells (Grossmann et al. 2018). „Gesundheitsfördernd“ meint hier weniger einzelne gesundheitsfördernde Handlungen als vielmehr eine Kultur, die die Menschen in ihrer Persönlichkeit berücksichtigt. Zudem werden in einer gesundheitsfördernden Kultur partnerschaftliche Beziehungen gelebt und Entscheidungen gemeinsam getroffen. Der Führungsstil in dieser Kultur unterstützt Innovation und Veränderung und trägt aktiv dazu bei, dass Mitarbeitende ihre Arbeit als sinnstiftend ansehen und trotz der gegebenen Anforderungen gesund bleiben (ebda.).

Zusammenfassende Überlegungen zum Potenzial des PCP-Modells in diesem Arbeitsfeld

Die Anschlussfähigkeit der theoretischen Rahmung der pflegerischen Arbeit im neunerhaus Gesundheitszentrum durch das PCP-Modell wurde schließlich im Rahmen eines Workshops mit Mitgliedern des interprofessionellen Teams zur Diskussion gestellt.

Es ging darum, Pflege abseits von „Aufgaben“ und „Tätigkeiten“ als zentralen Baustein verortet zu wissen, und zudem über das Handeln der Pflege in den Kern des professionellen Selbstverständnisses vorzudringen. Das Fachkonzept wurde hierfür als sehr hilfreich erachtet, erlaubt es doch, den Anforderungen und Kompetenzen der Pflege entsprechend Ausdruck zu verleihen. So wurde mit dem Fachkonzept ein wichtiger Schritt zur Entwicklung des Berufsprofils einer professionellen Pflege in der Wohnungslosenhilfe bzw. der Pflege von vulnerablen Gruppen geleistet. Davon ausgehend können über das neunerhaus Gesundheitszentrum hinaus, in anderen Settings wo Nutzer:innen mit ähnlichen Problemlagen versorgt werden, die Leistung der Pflege und die damit verbundenen Anforderungen beschrieben werden.

Dank

Wir danken Frau Ajoki Kajo, DGKP, und Dr. Stephan Gremmel, stellvertretend für das Team des neunerhaus Gesundheitszentrums Wien, für wertvolle Anregungen zu diesem Beitrag sowie für die gute Zusammenarbeit bei der Erstellung des Fachkonzepts.

Literatur:

Donabedian, Avedis (1980): The Definition of Quality and Approaches to Its Assessment. Explorations in Quality Assessment and Monitoring. Bd. 1. Health Administration Press, Ann Arbor

Grossmann, Florian F.; Schäfer, Ursi Barandun; Lieshout, Famke van; Frei, Irena Anna (2018): Personenzentriert pflegen am Universitätsspital Basel. In: PADUA 13/1:7-12

McCabe, S.; Macnee, C. L.; Anderson, M. K. (2001): Homeless patients‘ experience of satisfaction with care. In: Arch Psychiatr Nurs 15/2:78-85

McCormack, B. (2004): Person-centredness in gerontological nursing: an overview of the literature. In: Journal of clinical nursing 13/3a:31-38

McCormack, Brendan; McCance, Tanya (Hg.) (2016): Person-centred practice in nursing and health care: theory and practice. John Wiley & Sons, Oxford

McCormack, Brendan; McCance, Tanya V. (2006): Development of a framework for person-centred nursing. In: Journal of Advanced Nursing 56/5:472-479

neunerhaus Armut macht krank. Krankheit macht arm [Online]. https://www.neunerhaus.at/konzepte/neunerhaus-gesundheitszentrum/ [Zugriff am 25.11.2021]

neunerhaus Konzepte, Organisation, Leitbild [Online]. https://www.neunerhaus.at/konzepte/organisation/leitbild/ [Zugriff am 25.11.2021]

Omerov, P.; Craftman Å, G.; Mattsson, E.; Klarare, A. (2020): Homeless persons‘ experiences of health- and social care: A systematic integrative review. In: Health & social care in the community 28/1:1-11

Pfabigan, Doris (2011): Würde und Autonomie in der geriatrischen Langzeitpflege: Eine philosophische, disziplinen- und methodenübergreifende Studie zu Fragen eines selbstbestimmten und würdevollen Alterns. hpsmedia, Wien

Schreiter, S.; Gutwinski, S.; Rössler, W. (2020): Wohnungslosigkeit und seelische Erkrankungen. In: Der Nervenarzt 91/11:1025-1031

Steckelberg, Claudia (2021): Prozesse sozialer Ausschließung von wohnungslosen Mädchen und Frauen: eine anerkennungstheoretische Perspektive. In: Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit. Hg. v. Anhorn, Roland; Stehr, Johannes. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden. S. 953-S. 968

Stehling, Heiko (2008): Pflege und Wohnungslosigkeit – Pflegerisches Handeln im Krankenhaus und in der aufsuchenden Hilfe. In: Soziale Ungleichheit und Pflege Beiträge sozialwissenschaftlich orientierter Pflegeforschung. Hg. v. Bauer, Ullrich; Büscher, Andreas. VS Verlag für Sozialwissenshaften, WiesbadenS. 375-395

Trabert, Gerhard (2018): Obdachlosigkeit und Gesundheitsversorgung. In: Public Health Forum 26/4:352-356

WHO (2007): People-centred Health Care. A policy framework. Hg. v. World Health Organization. Western Pacific Region, Genf

Autor:innen

  • Studium der Philosophie, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Langjährige Tätigkeit in der stationären und ambulanten Langzeitpflege, seit 2002 Mitarbeit in unterschiedlichen Forschungs- und Umsetzungsprojekten zu Migration, Gesundheitsthemen, Palliative Care, Ethik in der Akut- und Langzeitpflege, Curriculum- und Praxisentwicklung sowie als Lektorin an unterschiedlichen Bildungseinrichtungen tätig. doris.pfabigan@gmx.at

  • Akad. Pflegepädagogin, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Absolventin des Masterstudienlehrgangs für Palliative Care an der PMU Salzburg. Langjährige Tätigkeit als DGKP, sowohl im Akut- als auch im ambulanten Langzeitpflegebereich sowie im Case- und Caremanagement. Seit 2008 als Lehrende tätig. Darüber hinaus an der Gesundheit Österreich GmbH als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit den Arbeitsschwerpunkten Berufs- und Curriculumentwicklung und Entwicklung von Qualifikationsprofilen tätig.

  • Priv. Doz.in Dr.in Sabine Pleschberger, MPH; DGKS; Gesundheits- und Pflegewissenschafterin; Leiterin der Abteilung Gesundheitsberufe an der Gesundheit Österreich GmbH, Wien, Forschung, Lehre und Publikation zu den Themen Hospizarbeit und Palliative Care, Pflege und Versorgung im Alter, Forschung mit vulnerablen Gruppen, Bedarfsorientierte Entwicklung von Gesundheitsberufen;