Pflege von Menschen mit Essstörungen

„Genesung möglich“

Die Arbeit mit Menschen, die an Essstörungen leiden, hat etwas sehr Mühsames. Es sind nicht bloß die körperlichen Spuren, die diese Pathologie hinterlassen hat. Es sind vor allem die seelischen Wunden, die es zu heilen gilt. Den Autorinnen und Autorinnen um die Herausgeberinnen Jean Morissey und Kielty Oberlin herum scheint eines sehr bewusst zu sein. Bei Essstörungen geht es vor allem um den Genesungsweg, den es zu gehen gilt.

Wenn die Herausgeberinnen am Ende des Buchs Kernaussagen zusammenfassen, so stellen sie nachvollziehbar die Quintessenzen der Lektüre zusammen. Sie stehen dort in einer Weise, dass es sich lohnt, sie beispielsweise an einem Whiteboard in einem Stationszimmer aufzuhängen, damit unterstützenden Menschen sprichwörtlich vor Augen ist, was die Arbeit mit essgestörten Menschen ausmachen muss. Noch mehr: Sie können zur Hand genommen werden, um mit den betroffenen Menschen immer wieder in einen konstruktiven Dialog zu kommen.

So weit, so gut – das Buch „Pflege von Menschen mit Essstörungen“ schließt erst einmal eine Lücke. Denn zur Begleitung von essgestörten Menschen gibt es mit dem spezifischen pflegerischen Blick kaum Literatur. So ist es ein Gewinn, dass Expertinnen und Experten in dem übersetzten Buch versammelt sind, denen es um den Blick nach vorne und konstruktive pflegerische Arbeit geht. Sie legen den Fokus auf die Beziehungsarbeit und die inhaltliche Auseinandersetzung, weniger auf das, worauf unbedingt geachtet und was denn erledigt werden muss.

Morissey, Oberlin und de Vos betonen unter anderem, dass bei Essstörungen Genesung möglich sei. Es brauche jedoch Zeit. Die Dauer des Genesungsprozesses, der nicht lineare Verlauf und die hohe Rückfallquote veranlassten viele zu Spekulationen darüber, wie wahrscheinlich Genesung sei. Erfolg allein an der Remission der Symptome zu bemessen, werde der Komplexität der Erkrankung nicht gerecht und könne dazu führen, dass die zugrundeliegenden individuellen Komponenten außer Acht gelassen würden.

Diese Komplexität wird deutlich, wenn ein Blick auf die einzelnen Kapitel dieses praxisorientierten Buchs geworfen wird. Es ist nicht bloß die Frage nach der Genesung, die unter die Lupe genommen wird. Eine subjektive Sicht auf Entscheidendes wird deutlich, wenn die Betroffenen zu Wort kommen. „Keiner versteht mich. Ich verstehe mich selbst nicht“ steht über diesen Seiten. Essstörungen und Komorbidität wird unter die Lupe genommen. Die klinische Begutachtung von Menschen mit Essstörungen ist ein bestimmendes Thema. Genauso wenig wird die Körperbildarbeit nicht vernachlässigt. Als es um die Angehörigen von Menschen mit Essstörungen geht, konzentriert sich die Beschäftigung um Strategien zur Unterstützung des Genesungsprozesses.

Parsons und Oberlin unterstreichen bei der Thematisierung des Aufbaus einer genesungsorientierten Beziehung zu Menschen mit Essstörungen, dass der Weg das Ziel sei. Für Pflegende, die grundsätzlich unmittelbare und konkrete Lösungen im beruflichen Alltag bevorzugen, ist diese Haltung sicher mit einem Lernprozess verbunden. Es sollte keine Konzentration auf den Endpunkt stattfinden. Wörtlich: „Stattdessen sollten wir die Person mit Essstörung zur Zusammenarbeit ermutigen, den Schwerpunkt auf das Hier und Jetzt legen und dabei gleichzeitig immer bestrebt sein, die Kommunikation mit der Person zu verbessern. Dies hilft ihr, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, kognitive Verzerrungen infrage zu stellen und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln“ (S. 100).

Das Buch „Pflege von Menschen mit Essstörungen“ leistet vor allem eines. Es gibt Pflegenden die Gelegenheit, ein eigenes Verständnis der Arbeit mit essgestörten Menschen zu entwickeln. Dies war überfällig.

 

9783456860831 1Jean Morissey & Kielty Oberlin (Hrsg.): Pflege von Menschen mit Essstörungen – Entwicklung fördern, Recovery ermöglichen, Körperbild verbessern, Hogrefe-Verlag, Bern 2021, ISBN 978-3-456-86083-1, 280 Seiten, 37.50 Euro.

Autor:in

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    Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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