Pflege und Stolz – Eine Möglichkeit der gesellschaftlichen Positionierung

Stolz - Gewinn - Sieg
(C) Krakenimages.com

Was könnte Pflegende dazu verleiten, stolz auf sich oder etwas zu sein? Beruht Stolz auf einer Leistung oder einem Können? Zu einem „dienenden“ Beruf, wie Pflege verstanden werden könnte, scheint Stolz nicht zu passen. Eher sind Bescheidenheit, Aufopferungsbereitschaft, Hinwendung, Empathie und ähnliche Begriffe Attribute, die Pflegenden wie auch anderen in sozialen Berufen Tätigen zugeordnet werden. Es erzeugt ein unangenehmes Gefühl, wenn jemand offen sagt, dass er stolz auf sich sei.

Mit dem Wort Stolz sind eher negative Assoziationen verbunden. Pflegende, denen jetzt in der Corona-Krise applaudiert wird oder die schon viele Jahrzehnte trotz Pflegenotstand eine gute Arbeit geleistet haben, kommt nicht in den Sinn, mit stolzgeschwellter Brust in die Öffentlichkeit zu treten und ihre Erfolge und Leistungen zu präsentieren. Stolz, eingebunden in eine Lebenskunst von Pflegenden, könnte jedoch eine Möglichkeit sein, der Pflege bei den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen (demografische Entwicklung, die wohl bleibenden Gefahren von Epidemien und Pandemien, Zunahme psychischer Erkrankungen usw.) den angemessenen Platz und eine entsprechende Bewertung ihres Tuns in der Gesellschaft zuzuweisen.

Die Herkunft des Wortes „stolz“ ist unklar. Es könnte von Stelze kommen und dann im Sinne von hochtrabend gemeint sein. Auch die Entlehnung vom lateinischen stultus (dumm) ist denkbar, was jedoch einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraussetzen würde (nach Kluge, 1999, S. 798). Die Begriffsunklarheit könnte darauf verweisen, dass ein Mensch, der begründet oder unbegründet auf sich oder etwas stolz ist, bei Anderen unangenehme Empfindungen hervorruft.  Stolz kann Neid und Konkurrenzgedanken hervorrufen oder peinlich wirken, weil tatsächlich eine maßlose Selbstüberschätzung oder Falscheinschätzung vorliegt. Ein solches Verhalten wird meist mit Hochmut bezeichnet. Dabei handelt es sich um „die Form übertriebenen Selbstwertgefühls, eine Haltung, die dazu führt, die Minderwertigkeit anderer und damit die eigene Höherwertigkeit zu unterstreichen, …“ (Regenbogen & Meyer, 2013, S. 293). Stolz fordert dagegen Anerkennung heraus.

Stolz und Eigenliebe

Leo N. Tolstoi bringt die negative Bedeutungszuschreibung auf folgenden Satz: „Eigenliebe ist beginnender Stolz. Stolz ist entfesselte Eigenliebe.“ Möglicherweise ist diese Einstellung der Tatsache geschuldet, dass Tolstoi Rousseau als Vorbild hatte und nach dessen Vorbild reformpädagogische Schulen einrichtete. Dabei ging es ihm nicht um eine Auslese der Elite, sondern um die Förderung der Kinder nach ihren Möglichkeiten. Die Gefahr, dass die von Anderen gelobte Leistung zu sehr als narzisstische Zufuhr genutzt und dies gerade bei Kindern zu einem falschen Stolz führen kann, dürfte Tolstoi richtig gesehen haben. Es bleibt jedoch die Frage, was „richtiger“ Stolz sein könnte.

Der Blick von außen

Stolz hat etwas damit zu tun, dass man von außen auf sich schaut. Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl sind eher Empfindungen, die innerlich gespürt werden. Hieraus könnte man schließen, dass Stolz eine Vorstufe des Selbstwertgefühls ist. Mit Stolz nimmt der Mensch eine Perspektive ein, die von außen auf sich schaut. Die Antwort der Anderen auf eine Tat wird quasi gedacht und der Mensch, der stolz auf sich ist, fungiert als erster Claquer seiner Leistung. Die anderen werden damit zu einer positiven Reaktion gedrungen, ohne dass sie die Möglichkeit haben, die Leistung vorher zu überprüfen. Das Lob soll von den anderen ohne Initiation durch den zu Lobenden erfolgen. Zurückhaltende oder ihre Leistungen und Talente realistischer sehende Menschen geraten durch den Stolz eines anderen Menschen in einen Konflikt: Der Erfolg einer Anstrengung ergibt sich nicht nur aus dem Inhalt, sondern größtenteils aus der Performance. Und das wird als ungerecht erlebt.

Selbsteinschätzung

Die Frage ist somit weniger, ob Stolz eine schlechte Eigenschaft ist, sondern ob der Stolz berechtigt ist und ob er zu überzogen dargestellt wird. Die Fähigkeit, sich selbst richtig einzuschätzen, ist eine Voraussetzung dafür, dass andere es nicht als peinlich empfinden, wenn jemand auf etwas stolz ist. Die erbrachte Leistung wird in Relation zum Alter, den Umständen und der Sache als solcher gesetzt und dies muss stimmig sein. Von Genies und großen Künstlern ist bekannt, dass sie sich gegen die Zustimmung der Anderen durchgesetzt haben. Ihre Einschätzung widerspricht zum Teil den allgemeinen Beurteilungsmaßstäben. Bei einem exzellenten Musiker beispielsweise bewundern die Zuhörer weniger das Produkt, also die gespielten Noten, die Komposition, sondern die technische, musikalische und musikantische Fähigkeit, das Werk in klingende Musik zu bringen. Gelungen ist die Aufführung eines Musikers dann, wenn das Werk besonders gut zur Geltung gebracht wurde. Der Musiker ist nicht stolz auf das Musikstück, sondern darauf, wie er dieses Stück zum Klingen gebracht hat. Stolz ist in diesem Sinne eine besondere Form der Demut, die anerkennt, dass die erbrachte Leistung kein genialer Schöpferstreich ist, sondern lediglich die gelungene Darstellung von etwas Gegebenem. Stolz, der als peinlich erlebt wird, resultiert aus der Überbewertung der eigenen Leistung. Die Erzählung vom eigenen genialen Tun verdeckt etwas Anderes. Wer seine Leistung nicht ichbezogen betrachten und erzählen kann, schätzt sein Können als ein Mittun ein. Stolz ist ein solcher Mensch, weil er etwas zum Vorschein gebracht hat. Seine Anstrengungen und seine Fähigkeiten stehen im Dienst der Sache.

Stolz oder Dankbarkeit

Der Pflege gegenüber wird oberflächlich betrachtet Anerkennung erbracht, doch gleichzeitig der Erfolg des Tuns anders bewertet als bei einem Mediziner, Ingenieur, Verkäufer, Handwerker usw. Der Schreiner zum Beispiel kann stolz auf den von ihm gebauten Schrank sein. Das Produkt wird bewundert, die handwerklichen Fähigkeiten werden anerkannt und die Erfahrungen im Umgang mit dem Material neidlos zugestanden. Den Pflegenden dagegen wird für die liebe- und aufopferungsvolle Zuwendung gedankt. Oft wird noch hinzugefügt, dass man die Pflegekraft bewundere, weil man so etwas selbst nicht könne. Damit steht der Dank im Vordergrund der Kommunikation zwischen Pflegekraft und Patient. Die Pflegekraft freut sich über das positive Feedback, ist jedoch gleichzeitig blockiert, für ihr Können und ihre fachliche Leistung Anerkennung zu erwarten, denn das würde als Undankbarkeit empfunden. Würde die Pflegekraft ihren Stolz zeigen, könnte der Patient seine Scham schlechter verbergen, dass er sowohl auf die Pflegekraft angewiesen war als auch von sich Verletzlichkeiten und Intimitäten gezeigt hat. Das Bedanken und auch Trinkgelder sind mehr oder weniger unbewusste Schweigegelder. Für Pflegekräfte ist es daher recht schwer, ihren Stolz in der direkten Kommunikation mit dem Patienten nicht zu zeigen und dagegen im gesellschaftlichen Diskurs Wert darauf zu legen. Stolz ist für Pflegekräfte daher in zweifacher Hinsicht eine schwierige Angelegenheit. Erstens ist die Eigenschaft Stolz sowieso eher negativ belegt und zweitens ist Stolz im direkten Umgang mit Patienten oft ein Zeichen für unsensibles und wenig empathisches Verhalten.

Stolz sein und Stolz zeigen

Es gibt für Pflegekräfte – mehr als in anderen Berufen – einen Unterschied zwischen dem Stolzsein auf das, was man geschafft hat und dem stolzen Auftreten in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Die Schwierigkeit ergibt sich aus zwei Gründen. Wenn eine Pflegekraft bei ihrer beruflichen Tätigkeit lernt und es sich in ihrer beruflichen Karriere angewöhnt, bescheiden, verständnisvoll und zurückhaltend aufzutreten, wird ein solches Verhalten zur zweiten Natur. Stolz gehört zu einer eher untypischen Eigenschaft, es wirkt nicht nur für Arbeitskollegen befremdlich, sondern auch für das Umfeld und im gesellschaftlichen Leben generell. Zweitens lässt sich Stolz besser mit einem höheren sozialen Status verbinden. Wer für die Gesellschaft etwas leistet, der verdient in der Regel auch mehr Geld und genießt ein höheres soziales Ansehen. Ob jemand tatsächlich etwas für die Gesellschaft leistet, wird wiederum von denen bestimmt, die einen höheren Status und die politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Macht besitzen. Veränderungen in einem solchen Wertesystem können zwar gefordert werden, sind jedoch oft lange Prozesse gesellschaftlicher Veränderungen. Wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau schon seit Jahrzehnten deutlich eingefordert wird und viele Frauen dafür gekämpft haben, kann auch im 21. Jahrhundert das Ziel keineswegs als erreicht betrachtet werden. Die Pflegekräfte gehören mit ihrem Gehalt nicht zu den Besserverdienenden, die sich und anderen durch teure Statussymbole ihren Stolz zeigen könnten. Sie können finanziell in den „besseren Kreisen“ nicht mithalten. Trotzdem können Pflegekräfte auf ihre Arbeit stolz sein. Aufpassen müssen sie jedoch, dass sie ihren Stolz als Forderung nach Anerkennung für ihre Arbeit beibehalten und nicht „stolz“ darauf sind, dass sie auch mal etwas sagen dürfen und eine Gehaltserhöhung bekommen. Dies wäre eine Verwechslung von Stolz und „ehrenvollem“ Beachtet-Werden.

Die Ambivalenz von Stolz und Demut

Mehr noch als Ärzte handeln Pflegekräfte nach dem alten Satz „medicus curat, natura sanat“ (der Arzt unterstützt, die Natur heilt). Die Erfahrung in helfenden Berufen bestätigt immer wieder die Erkenntnis, dass jedes Bemühen zwecklos ist, wenn der Patient nicht mitmacht. Manchmal werden Kranke trotz Medizin und Pflege gesund. Ein Psychotherapeut, der glaubt seine Künste hätten die Gesundheit herbeigeführt, produziert Patienten, die als gesund entlassen und nach kurzer Zeit erneut vorstellig werden oder andere Krankheitssymptome entwickeln. Therapeut, Arzt und Pflegende assistieren dem Patienten auf seinem Heilungsweg. So kann er eigene Wege der Stabilität entwickeln und Resilienz aufbauen. Erfolge in medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Berufen machen somit demütig. Mitfreude scheint eher angemessen zu sein als Stolz. Doch wie ein Künstler sich oft versteht wie jemand, der sich demütig vom Material, den Noten, dem Instrument führen lässt und auch führen lassen kann, weil er die ausreichenden Fähigkeiten hierfür besitzt, kann auch eine Pflegekraft nur gut sein, wenn sie über ein hervorragendes Fachwissen und exzellente pflegerische Grundfertigkeiten verfügt. Demut und Stolz schließen sich nicht aus, vielmehr führt ein Stolz ohne Demut zum Hochmut. Das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte und die Möglichkeiten der „Natur“ basiert darauf, dass man ein Wissen über Zusammenhänge, Krankheitsverläufe und kleine Details hat, die für den Gesundungsprozess entscheidend seien können. Mit diesem Wissen und diesen Fähigkeiten kann man sich im situativen Nichtstun üben, was von Unterlassung dadurch unterschieden ist, dass auf den günstigen Augenblick fürs Eingreifen gewartet werden kann und nicht eine notwendige Maßnahme unterlassen wird (siehe dazu, Gerber, 2020, S. 259-266).

Stolz und Lebenskunst

Der Stolz, den nun eine Pflegende, ein Pflegender entwickeln kann, ist verbunden mit der Fähigkeit zur Ambivalenz. Sie bezieht sich einmal auf das Gegensatzpaar von Stolz und Demut, wie auch darauf, dass das eigene Gefühl von Stolz in der Beziehung zum Patienten anders gestaltet werden muss als im gesellschaftlichen Diskurs. Im öffentlichen Raum ist es ein Zeichen des Erwachsenseins, wenn vom Privaten und Persönlichen abgesehen werden kann und nur das öffentlich Relevante behandelt wird (nach Pfaller, 2017, S. 24). Dann geht es nicht mehr um den Pflegenden als einzelnen Pflegenden, sondern um die Pflege, auf die sich der Stolz bezieht. Man ist stolz auf das, was Pflege im Umgang mit Kranken und Alten geschafft hat. Und die Pflege wird eben mit Stolz als ein toller Beruf dargestellt. Das Verbleiben in einer infantilen Gerechtigkeitsillusion wäre dem Glück als Pflegender abträglich. Robert Pfaller kritisiert die Unzufriedenheit mit der eigenen Rolle folgendermaßen: „Narzissten wünschen sich immer eine gute Rolle, anstatt dem Hinweis des Stoikers Epiktet zu folgen, wonach es vielmehr darauf ankommt, sie gut zu spielen“ (Pfaller, 2017, 175). Dies bedeutet letztendlich, meine Wünsche an die Erscheinungsweise von Pflege und ihre gesellschaftliche Anerkennung werden zu einer stetigen Kränkung, wenn ich die Illusion einer anderen Rolle der Pflege aufrechterhalte. Statt von Gesellschaft und Politik zu erwarten, dass Pflege endlich „richtig“ gesehen und geschätzt wird, baue ich meinen Stolz über genau diese real existierende Pflege auf, verbessere immer weiter diese Rolle von Pflege und erreiche durch meinen Stolz eine größere Anerkennung.

Literatur

Gerber, B. (2020). Warum die Medizin die Philosophie braucht. Für ein umfassendes Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Bern: Hogrefe.

Kluge (1999). Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (23., erweiterte Auflage). Berlin New York: de Gruyter.

Pfaller, R. (2017). Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Regenbogen, A. & Meyer, U. (2013). Wörterbuch philosophischer Begriffe. Hamburg: Felix Meiner.

Autor:in

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen