Pflege – Räume, Macht, Alltag

„Pflege in der Zeit kontextualisieren“

Geschichtsschreibung macht vor allem Spaß, wenn sie konkret ist. In dem Buch „Pflege – Räume, Macht, Alltag“ wird die historische Spurensuche sehr unmittelbar versucht. Den Beiträgen, die auch als Vorträge bei einer Tagung zur Pflege-Geschichte gehalten worden sind, gelingt es, Geschichte erlebbar zu machen. Dabei zeigt das Buch eine inhaltliche Breite, die sich die Leserin und der Leser bei dem Blick in Geschichtsbücher wünscht.

Es sind natürlich einzelne Beiträge, die aufhorchen lassen. So beschäftigt sich die Soziologin und Krankenschwester Doris Arnold mit dem Macht-Begriff bei Foucault. So blickt Arnold auf Orte, an denen sich gerade Pflegende disziplinieren lassen sollten. Sie unterstreicht, dass die Disziplinierung funktioniere, „indem sie das Verhalten der Individuen an Normen misst und explizit oder implizit benotet“ (S. 158). Am Beispiel des Diakonissen-Mutterhauses zeigt sie auf, dass Verhalten von Pflegenden innerhalb und außerhalb des Dienstes beurteilt wurde. Wörtlich schreibt Arnold: „Das Ziel der Ausbildung in Kaiserswerth bestand nicht nur im Erwerb von fachlichem Wissen, sondern vor allem in der Entwicklung von personalen Eigenschaften wie Gehorsam und Selbstlosigkeit, die für die Ausübung der Krankenpflege als Liebestätigkeit als notwendig erachtet wurden“ (S. 158).

Bei einer Rückschau dieser Art stellt sich die Frage, inwieweit in der Gegenwart vergleichbare Mechanismen noch präsent sind. Oft gibt es ja die Neigung zu einer Haltung, die betont, dass Vergangenes hinter sich gelassen wurde. Schaut man in diesem Zusammenhang auf Hierarchien in der Pflege, so bekommt der Beitrag der Pflegewissenschaftlerin und Historikerin Susanne Kreuzer eine besondere Bedeutung. Sie ist in die Henriettenstiftung in Hannover gegangen und hat Interviews geführt, die viele Einsichten gebracht haben. Sie schlussfolgert auf dem Untergrund eigener Studien, dass in christlichen Häusern in den Jahren der frühen Bundesrepublik das Verständnis Pflegender als arztabhängige Gruppe eher selten war. Vielmehr betont Kreuzer ein Selbstbewusstsein, an dem sich Pflegende bis heute orientieren müssten. In den Gemeinden seien die Schwestern oft die ersten Ansprechpartnerinnen bei Krankheiten und anderen Notlagen gewesen. Die relativ große Eigenständigkeit der Frauen in der Gemeindepflege lasse sich auch in kleineren Krankenhäusern aufzeigen, „die pflegegeschichtlich hochinteressant sind“ (S. 205).

Der Schwerpunkt der Beiträge liegt im 19. und 20. Jahrhundert. Es sind vor allem historische Einblicke, die die deutsche Pflege abbilden. Dabei zeigt der Blick in unterschiedliche Fachrichtungen eine große Vielfalt der Inhalte. Ein seltener Blick zur Geschichte in der DDR findet sich. Immer wieder zeigen sich Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen einer konfessionell gebundenen und einer weltlichen Krankenpflege.

Deutlich wird in den vielen Aufsätzen, dass Krankenpflege immer in der jeweiligen Zeit kontextualisiert werden muss. So dienten Pflegende ja auch in den Kriegswirren des Nationalsozialismus. Dabei kämpfen bis heute beispielsweise sicher noch viele christliche Gemeinschaften mit der eigenen Verantwortung für die Vergangenheit. Ulrike Winkler illustriert mit den Kreuznacher Brüdern: „Auch für die Kreuznacher Brüderschaft ließen sich keine Hinweise für eine grundlegende Aufarbeitung des Geschehenen, ihrer Mitverantwortung, aber auch ihrer persönlichen Not und ihrer Glaubenszweifel finden“ (S. 277).

Jede Tagung, jeder Aufsatzband, jede ausführliche Studie ist letztendlich ein unverzichtbarer Beitrag, um die Bedeutung der Geschichte für Gegenwart und Zukunft deutlich zu machen. Und das ist gut so.

 

Sabine Braunschweig (Hrsg.): Pflege – Räume, Macht, Alltag, Chronos Verlag, Zürich 2006, ISBN 978-3-0340-0782-5, 302 Seiten, 24.80 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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