Pflege neu denken

(C) Syda Productions

Das Urteil des Deutschen Instituts für Menschenrechte bezüglich einer fairen Bezahlung der 24h- Betreuungskräfte wirft auch in Österreich ein neues Licht auf die Baustelle „Pflege“. Die Situation der Entlohnung und Arbeitsbedingungen der 24h-Betreuerinnen ist in Österreich 2007 in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Damals wurde publik, dass die Schwiegermutter des damaligen Bundeskanzlers Schüssel von einer osteuropäischen Betreuungskraft betreut wurde. Man darf annehmen, dass ein Bundeskanzler über finanzielle Mittel verfügt, die ihm auch andere Möglichkeiten geboten hätten. Für viele ist trotz der öffentlichen Förderungen selbst diese Pflegeform nicht leistbar. Zudem muss man über ausreichend großen Wohnraum verfügen, was angesichts der steigenden Mieten für Menschen mit geringen Pensionen ein zusätzliches Hindernis ist.

Fakt ist, dass dieses Urteil aus Deutschland ein wichtiges Thema aufgreift, vor dem kein europäisches Land verschont ist: die kontinuierliche Überalterung der westlichen Gesellschaften bei gleichzeitigem Ausbleiben jüngerer Arbeitskräfte, vor allem auch solcher, die Pflege- und Sorgearbeit unter den allseits bekannten Bedingungen leisten.

Die österreichische Bundesregierung hat unter Bundesminister Anschober eine Pflegereform versprochen, die bis heute nicht umgesetzt wurde. Dazwischen kam eine Pandemie, die Pflegekräfte wurden mit einer 500€-Prämie abgespeist. Keine Rede davon, dass man das Gehalt in allen Settings (Krankenhaus, Pflegeheim, mobile Dienste, Sanitäter, Assistenzberufe etc.) im Gesundheits- und Sozialbereich um 20-30% erhöhen muss, um die Verantwortung und die Leistung entsprechend abzugelten. Dass dies möglich ist, zeigt das Beispiel Finnland, wo 2007 Tausende von Pflegekräften mit Massenkündigung drohten und damit eine Gehaltserhöhung von 20% erwirkten. [1]

Das Pflegesystem in Österreich ist von Grund auf neu zu denken. Die Lösung mit den osteuropäischen Betreuerinnen ist eine Notlösung, die das gesamte Pflegewesen qualitätsmäßig und finanziell nach unten nivelliert hat. Trotzdem ist das Pflegewesen auf diese Form der modernen Ausbeutung auf sie angewiesen.

Pflegebedürftige Menschen sind keine relevante Wählerklientel. Ihre Bedürfnisse werden politisch kaum wahrgenommen. Pflegekräfte ihrerseits werden in ihren Curricula weder über Empowerment,  politische Bildung oder Anwartschaft für Pflegebedürftige geschult, geschweige denn, dass sie Zeit hätten, sich für ihre eigenen Bedürfnisse und die der Pflegebedürftigen gesellschaftlich und politisch einzubringen. Dasselbe gilt für die wichtige Arbeit der pflegenden Angehörigen bzw. auch jener der 24h- Betreuerinnen, denen es allzu oft an sprachlichen und rechtlichen Kenntnissen mangelt.

Das Resultat ist bekannt:  Professionelle Pflege wird ausgehungert, weil zu teuer, freiberufliche Pflege mit fachspezifischen Leistungskatalogen und Direktverrechnung mit der Sozialversicherung ist bis dato inexistent. Pflege funktioniert derzeit, weil 70% der Pflegebedürftigen von Angehörigen gepflegt werden, zahlreiche Beschäftigte in den Pflege- und Betreuungsberufen Migrationshintergrund aufweisen – und weil das Lohnniveau in Osteuropa immer noch so niedrig ist, dass sich für die 24h Betreuerinnen die Arbeit im Ausland lohnt.

Moralisch ist der Status quo höchst fragwürdig: Man wollte in der Pandemie um einen hohen Preis vor allem die vulnerablen Gruppen (ältere Menschen, Pflegebedürftige) schützen, jetzt hat man keine finanziellen Mittel mehr, um den Lebensabend von Pflegebedürftigen professionell, anständig honoriert, mit ausgezeichneten Arbeitsbedingungen und qualitativ hochwertig zu finanzieren. Ist das die Conclusio post Corona?

[1] https://www.spiegel.de/wirtschaft/tarifkonflikt-keine-massenkuendigung-in-finnischen-krankenhaeusern-a-518258.html

Über Alexandra Prinz 8 Artikel
Studium der Philosophie/Kultur- und Sozialanthropologie, Ausbildung für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege, Master-Studium Advanced Nursing Practice, Arbeitserfahrung im In- und Ausland (Direktorin/Schweiz); dzt. in Wien in der Qualitätssicherung in der extramuralen Pflege tätig; persönlicher Schwerpunkt: Gesundheitspolitik und Professionalisierung der extramuralen Pflege/transkulturelle Pflege

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen