Pflege in der Krise – Applaus ist nicht genug

„Politischer Mahnruf“

Der erste Blick auf das Buchcover zeigt, worum es geht: Pflege in der Krise. Seit Jahrzehnten wird der Pflegenotstand im Journalismus sowie in politischen Gremien beklagt. Tatsache ist, dass sich an den Zuständen in Krankenhäusern und Pflegeheimen nur wenig ändert. So systemrelevant wie die Pflegenden in der Corona- Pandemie beschworen wurden, so unbedeutend sind sie in den politischen Diskursen der Gegenwart.

Dies wird deutlich, wenn man sich durch das Buch „Pflege in der Krise“ liest. Der Journalist David Gutensohn, dessen Eltern selbst professionell Pflegende gewesen sind, bringt auf den etwas mehr als 100 Seiten auf den Punkt, was festgestellt werden muss. So bedauert er einmal mehr, dass Fürsorglichkeit als eine angeborene Sache der Frauen verstanden werde, für die es keine Qualifikation brauche, sondern eine Geschlechterfrage sei. Darüber hinaus konkretisiert er: „Sich mit Pflege zu beschäftigen, bedeutet auch, sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu konfrontieren, sich mit dem Zerfall, mit dem Tod, dem Ende auseinanderzusetzen“ (S. 14).

Es ist verständlich, dass sich Menschen nicht mit diesen zentralen Themen des Lebens beschäftigen wollen. Wagt man sich dies trotzdem, so muss Farbe bekannt werden, eigene Werte hinterfragt und Lebenshaltungen erarbeitet werden. So weit geht Gutensohn bei seiner Argumentation nicht. Dies muss er auch nicht, schließlich hat er mit dem Buch einen politischen Mahnruf geschrieben, der gehört werden sollte.

Eine deutliche Kritik seitens Gutensohn erhebt er gegenüber der Ökonomisierung. Professionell Pflegende müssten es eigentlich als Wachrütteln verstehen, wenn Gutensohn schreibt: „Patientinnen und Patienten fühlen sich oft schlecht und wie am Fließband behandelt, während die größten Klinikbetreiber als lukrative Anlageobjekte gelten“ (S. 19). Was Gutensohn als Kritik an neoliberalem Denken und Handeln formuliert, müsste für pflegerische Praktiker_innen eine Gelegenheit sein, über die eigene Aufrichtigkeit im Beruf zu sinnieren.

Schlüssig kommt das Konzept des Gutensohn Buchs daher. Er erläutert, wie die Gesundheit zum Geschäft wurde. Er blickt auf die kranken Krankenhäuser in der Gegenwart. Die Krise bezeichnet er als Dauerzustand, bevor er Vorschläge macht, wie die Pflege an sich und die Pflegenden im Besonderen eine Zukunft haben können. Dabei ist eine zentrale Forderung aus seiner Feder die solidarische Finanzierung des Gesundheits-und Pflegesystems. Ein Gesundheitswesen, in dem Pflegende nicht verheizt, sondern anerkannt würden, sei keine Utopie.

Über weite Strecken können pflegerische Praktiker_innen die Hoffnung entwickeln, dass sich im eigenen Handlungsfeld etwas bewegt. An der einen oder anderen Stelle wäre es vielleicht wünschenswert gewesen, wenn Gutensohn konkretere Appelle an die Pflegenden formuliert hätte. Die Gründlichkeit, die er gerade bei der Dokumentation vieler Zahlen gezeigt hat, hätte an solchen Stellen sicher in den Schliff am Wort investiert werden können.

Nichtsdestotrotz ist das Buch „Pflege in der Krise“ eine wichtige Wortmeldung, die vor allem Fragen an das Gesundheits-und Pflegesystem stellt. Es verlangt nach einem Paradigmenwechsel, den sich die professionell Pflegenden auch zu Herzen nehmen sollten. Unter anderem, wenn Gutensohn schreibt, dass Fachkräfte mit mehr Verantwortung ausgestattet werden müssten. Pflegende seien keine Assistenz von Ärztinnen und Ärzten, „sondern eigene Faktoren im Gesundheitswesen“ (S. 85).

Ja, so ist es …

 

David Gutensohn: Pflege in der Krise – Applaus ist nicht genug, Atrium Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-85535-119-0, 126 Seiten, 9 Euro

 

Autor:in

  • Mag. Nicole Scheiber: Public Relations und Content Creation in der Kreativagentur VERDINO in Wien, Fokus auf Gesundheits- und Forschungsthemen sowie Wissenschaftskommunikation

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen