„Pflege als Beruf ist in Bewegung“

Hilde Schädle-Deininger im Gespräch mit Christoph Müller

(C) Thomas Reimer

Die Krankenschwester Hilde Schädle-Deininger hat selbst Geschichte geschrieben. Sie gilt als Zeitzeugin der Psychiatrie-Enquete in den 1970er-Jahren. Gleichzeitig ist sie Mitbegründerin des Psychiatrie-Verlags, der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) und vieler anderer Initiativen, die bis in die Gegenwart Spuren hinterlassen. Es ist die eigene Berufsgruppe der psychiatrisch Pflegenden gewesen, die ihr über die Jahrzehnte besonders am Herzen gelegen hat. Christoph Müller hat mit Hilde Schädle-Deininger über die Studie „Der Geschichte eine Zukunft geben“ gesprochen, mit der sie auf drei entscheidende Jahrzehnte psychiatrisch-pflegerischer Historie schaut.

Christoph Müller Liebe Frau Schädle-Deininger, was hat Sie veranlasst, als Zeitzeugin auf eine Epoche zu schauen, die Sie entscheidend mitgeprägt haben? Die Studie „Der Geschichte eine Zukunft geben“ zeichnet Jahre nach, in denen Sie als psychiatrische Praktikerin und als politisch denkende Frau in den Verbänden viel mitgestaltet haben.

Hilde Schädle-Deininger Mich bewegt seit Jahren, dass sich die Pflege insgesamt und insbesondere die psychiatrische Pflege kaum oder nur am Rande mit der beruflichen Geschichte und den darin verborgenen Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Grenzen beschäftigt. Gleichzeitig habe ich selbst in den beschriebenen Jahren erlebt, dass etwas bewegt werden konnte, wenn „Gleichgesinnte“ in der Pflege mit anderen Berufsgruppen konstruktiv zusammengearbeitet und sich in Gremien und Verbänden engagiert haben.

Hinzu kam, dass in den pflegerisch-fachlichen Diskussionen und Tagungen diese möglichen Ansatzpunkte praktisch keine Rolle spielten. Deshalb war es mir ein Anliegen in der Studie aufzuzeigen, dass auch unter den Rahmenbedingungen dieser Zeitspanne psychiatrische Pflege ihren Platz hatte, wenn sie sich mit ihrem beruflichen Selbstverständnis auseinandergesetzt und die spezifischen pflegerisch-fachlichen Ansätze selbstbewusst und inhaltlich vertreten hat.

Zu bedenken ist jedoch dabei, dass wenn Entwicklungen rückblickend betrachtet werden, man leicht in Gefahr kommt, Strukturen, Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen zu vergleichen, die nicht gleichzusetzen oder zu vergleichen sind. Sowohl Inhalte als auch Erkenntnisse haben sich weiterentwickelt oder sind erweitert bzw. vertieft worden. Zudem ist der technische Fortschritt in diesem Zusammenhang nicht zu vernachlässigen (z. B. Internet, Medien und damit auch die Verfügbarkeit von Informationen, Vervielfältigung und Zugänglichkeit von Materialien).

Christoph Müller Sie haben den Titel „Der Geschichte eine Zukunft geben“ ausgewählt. Wer Sie kennt, weiß, dass Sie dies nicht ohne Grund getan haben. Was ist Ihre ganz persönliche Botschaft hinter diesem Titel?

Hilde Schädle-Deininger Habe lange nach einem passenden Titel für das Buch gesucht und war unzufrieden, was mir dazu eingefallen ist. Bei einem gemeinsamen Besuch mit Ruth Schröck im Jüdischen Museum Berlin im Mai 2018 warb das Museum um finanzielle Unterstützung und dafür, dem Freundeskreis beizutreten. Der Flyer hatte die Überschrift „Damit Geschichte Zukunft hat“. Für diese Anregung war und bin ich sehr dankbar, weil damit exakt das ausgedrückt wurde, was mein Anliegen dieses Buches ist. Ich habe den Titel umgewandelt in „Der Geschichte eine Zukunft geben“. Von Seiten des Museums wäre auch möglich gewesen „Damit Geschichte eine Zukunft hat“. Ich danke der Geschäftsführerin des Jüdischen Museums Berlin Frau Johanna Brandt für ihre Offenheit bzgl. der Verwendung des veränderten Titels sehr herzlich.

Geschichte und Geschichten gehören zusammen. Das ist möglicherweise auch die Nahtstelle und der Zusammenhang der mich veranlasst hat, das Buch in Angriff zu nehmen und fachliche Anliegen mit persönlichem Erleben und Nachdenken zu verknüpfen. „Der Geschichte eine Zukunft geben“ meint auch, dass wir nur mit der Geschichte lernen können und gerade die Pflege eine lange Tradition hat, die immer wieder betrachtet werden will, auch spezifisch in der psychiatrischen Pflege, damit wir Bewährtes mit Künftigem verbinden können.

Christoph Müller Es sind viele markante Stationen einer Entwicklung der psychiatrischen Pflege, die auf den mehr als 200 Seiten des Buchs „Der Geschichte eine Zukunft geben“ offensichtlich werden. Wo sehen Sie beim Blick zurück die entscheidenden Wendepunkte für die Geschichte der psychiatrischen Pflege?

Hilde Schädle-Deininger Aus meiner Sicht kamen die meisten Anstöße aus den Veränderungen rund um die Psychiatrie-Reform, sei es beispielsweise im Vorfeld der Psychiatrie-Enquête oder aus dem Modellprogramm Psychiatrie. So kann auf der Basis des Modellprogramms Psychiatrie psychiatrische Pflege ihre Inhalte in allen Zusammenhängen der Versorgung psychisch erkrankter Menschen durch ihre traditionellen Wurzeln in der Gemeindekrankenpflege selbstbewusst und ganz selbstverständlich verorten. „Psychiatrische Pflege muss insofern von der somatischen Pflege unterschieden werden, als sie nicht allein bedeutet, bei den Alltagsverrichtungen unmittelbar helfend in den Handlungsablauf einzugreifen oder ärzt­lich verordnete abgrenzbare Einzelleistungen wie Medikamentenvergabe oder Verbandswechsel durchzuführen. Sie muß vielmehr bedeuten, dem psychisch Kranken Hilfe zu geben, daß er die Regeln der Sorge des Menschen für sich selbst und des mitmenschlichen Umgangs als Elemente des eigenen Handlungsrepertoires wahrnimmt und umsetzt. Recht verstandene psychiatrische Pflege beschränkt sich daher nicht auf den Bereich der stationären Versorgung, sondern muß auch ein entscheidender Bestandteil der ambulanten Versorgung sein.“ (Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit 1988, S. 156)

Diese Anknüpfungspunkte mit in die heutige Diskussion punktuell und argumentativ aufzunehmen, könnte die psychiatrische Pflegelandschaft bereichern. Gleichzeitig gilt es nicht stehen zu bleiben, sondern Entwicklungen und Veränderungen aufzunehmen und fachlich-inhaltlich in der Zusammenarbeit mit Betroffenen und Angehörigen zu verorten.

Christoph Müller Ihre Studie zeigt, dass die Fachliteratur für psychiatrische Pflege in den Jahren 1960 bis 1990 überschaubar gewesen ist. Bis in die Gegenwart hat sich dies nicht grundlegend geändert, auch wenn sich psychiatrisch Pflegende zunehmend akademisieren. Dabei hat Fachliteratur einen großen Einfluss auf die Entwicklung der pflegerischen Profession. Warum lesen psychiatrisch Pflegende nicht so gerne? Warum schreiben psychiatrisch Pflegende eher selten?

Hilde Schädle-Deininger Wenn man die „Fachliteraturentwicklung“ in der gesamten Pflege ansieht, dann ist aus meiner Sicht eine gravierende Zunahme zu verzeichnen, wenn man in die einzelnen Verlagsprogramme sieht, die pflegerische Titel veröffentlichen. Auch in der psychiatrischen Pflege hat sich die Fachliteratur vermehrt. Trotzdem fällt bei näherer Betrachtung auf, dass es beispielsweise nicht selbstverständlich ist, dass Pflegende im Arbeitsalltag Fachliteratur greifbar zur Verfügung haben. Ich bin davon überzeugt, dass die Wichtigkeit von Fachliteratur und sich damit zu befassen in der Bildung von Pflege mehr gewichtet und angeregt werden muss. Dort wäre auch die Möglichkeit, Kolleginnen und Kollegen zum Schreiben zu ermutigen oder mit Hilfe schriftliche Arbeiten, die sie im Bildungsbereich verfasst haben, zu veröffentlichen, ganz gleich ob im Studium oder in der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Es gilt festzuhalten, dass vor allem ab Anfang der 1980er Jahre die Pflegeliteratur von der Berufsgruppe selbst geschrieben wurde. Dadurch traten berufsspezifische Themen und pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in den Vordergrund und medizinisches Wissen wurde eher in einen Gesamtzusammenhang zum pflegerischen Handeln gebracht.

Das führt zur Erkenntnis, dass die Berufsgruppe Pflege sich ihr Wissen selbst erarbeiten muss, um sich im psychosozialen Kontext, in den unterschiedlichen Settings, ins multiprofessionelle Team sowie in die Gesamtbehandlung mit ihrem fachspezifischen Wissen einzubringen. Dabei sind immer wieder Schnittstellen mit anderen Berufen in der Koordination und Kooperation zu kommunizieren und zu klären.

Christoph Müller Beim Lesen Ihrer Studie wird offensichtlich, wie wichtig Ihnen die Identität der psychiatrisch Pflegenden gewesen ist bzw. ist. Sie orientieren sich bei Ihrem Nachdenken an Schlüsselbegriffen, wie Sie es nennen. Verantwortung und Ethik sind unter anderem solche Schlüsselbegriffe. Was heißt dies für Sie konkret? Wie muss sich dies im pflegerisch-psychiatrischen Alltag zeigen?

Hilde Schädle-Deininger Berufliches Engagement und berufliche Identität lassen sich schlecht trennen, da beide die Art und Weise abbilden, wie sich der/die einzelne Pflegende auf seine/ihre Arbeit bezieht. Berufliche Identität kann nur das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses sein, der mit dem Festigen der beruflichen Rolle eng verknüpft ist. Berufliches Können umfasst sowohl Fähigkeiten als auch Fertigkeiten, die erworben und erlernt werden können.

Die Schlüsselbegriffe werden als grundsätzliche Leitgedanken, als Qualitätsmerkmal und als fließender Prozess verstanden, um die Wirksamkeit des beruflichen Handelns zu überprüfen. Grundlage für jegliches berufliches Handelns beruht auf ethischen Grundsätzen, die es immer wieder zu reflektieren gilt, vor allem in Bezug auf die Motive, die der Tätigkeit zugrunde liegen und sich auf das Gegenüber beziehen. Verantwortung bedeutet die Verpflichtung gegenüber dem Anderen oder gegenüber Personengruppen, Rechenschafts- und Begründungspflicht, Einhaltung beruflicher Grundsätze, auch hinsichtlich ethischer und moralischer Verpflichtung.

Die Aufgaben professioneller Pflege erstrecken sich vor allem darauf, die Grundbedürfnisse von erkrankten Menschen wahrzunehmen sowie Bedingungen zu schaffen, um diese zu befriedigen. Psychiatrische Pflege setzt am Alltag des Einzelnen und seinem Umfeld an, an seiner Lebens- und Krankengeschichte, seinen Fähigkeiten und Grenzen. Dabei nutzt die Pflegeperson körpernahe und hausarbeitsnahe Zugangswege, gemeinsames Tun, das Gespräch und medizinisch-pflegerische Maßnahmen um in Kontakt zu treten und Beziehung zu gestalten.

Christoph Müller Sie nehmen in der Studie unzählige Pflegetagungen unter die Lupe. Dabei stellen Sie fest, „dass zum Teil der praktische Alltag psychiatrischer Pflege im Vordergrund stand und theoretische Überlegungen dann weniger Platz einnahmen“ (S. 165). Ist dies in der Gegenwart noch immer so?

Hilde Schädle-Deininger Ich glaube meistenteils steht der Alltag im Vordergrund und dieser wird in der Regel kaum mit theoretischen Inhalten in Verbindung gebracht.. Häufig erlebe ich in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, dass bevor sich mit einem theoretischen Ansatz befasst und zukunftsorientiert gedacht wird, erst einmal Abwehr entsteht „das ist in meinem Alltag nicht anzuwenden“. Die Pflegepraxis hierzulande legt häufig eine gewisse „Theoriefeindlichkeit“ an Tag, was nur ganz allmählich durch Akademisierung und durch ein selbstbewusstes Berufsverständnis verändert werden kann.

Pflege als Beruf ist in Bewegung, es wird immer deutlicher, dass pflegerisches Handeln begründbar sein und einer humanen , fachlichen und ethischen Überprüfung standhalten muss. Das bedeutet, dass die Praxis nicht ohne Theorie und die Theorie nicht ohne Praxis im Alltagshandeln auskommt und diese Basis noch mehr ins Bewusstsein der Pflege dringen muss. Es gibt gute Ansätze, die in ein Gesamtkonzept, auch in der Pflegebildung noch konsequenter eingehen müssen. Professionelles Handeln erfordert vor diesem Hintergrund die Bereitschaft, sich in Entwicklungsprozesse zu begeben und von allen Beteiligten zu lernen.

Im praktischen Alltag kann qualitativ gute (psychiatrische) Pflege nur theoriegeleitet, fundiert und mit entsprechender Handlungskompetenz in einem bestimmten Arbeitsbereich systematisch ausgeführt werden. Berufliche Bildung, qualitativ gute Arbeit und professionelles Handeln bedingen sich gegenseitig. Dabei geht es auch darum, sich der bildungspolitischen Dimensionen bewusst zu sein, sich entsprechend für den Beruf einzusetzen, die professionelle Arbeit aktiv zu gestalten sowie sich berufs- und psychiatriepolitisch zu engagieren und so zur Weiterentwicklung, auch im theoretischen Kontext des Berufs beizutragen.

Christoph Müller Mit der Studie haben Sie auf die Jahre 1960 bis 1990 geschaut. In den 30 Jahren danach ist auch eine Menge geschehen. Ist eine Fortsetzung der Studie zu erwarten?

Hilde Schädle-Deininger Daran habe ich bisher noch nicht gedacht, könnte mir jedoch bei näherem Überlegen vorstellen, eine Fortsetzung mit jüngeren Kolleg*innen gemeinsam zu gestalten und zu schreiben.

Christoph Müller Ganz lieben Dank für das lebhafte Gespräch.

 

Das Buch, um das es geht

Hilde Schädle-Deininger: Der Geschichte eine Zukunft – Psychiatrische Pflege 1960 bis 1990, Psychiatrie-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-96605-134-7, 249 Seiten, 29 Euro.

Über Christoph Mueller 341 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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