Wo geht`s denn hier nach Königsberg?

Paradebeispiel für das Hineinfühlen ins Gegenüber

Das Buch „Wo geht´s denn hier nach Königsberg?“ kann man als Paradebeispiel für das Hineinfühlen in das Gegenüber beschreiben. Denn mit diesem Buch wird nachvollziehbar, was auf der emotionalen Ebene in Menschen vorgeht, die dementiell verändert sind. Wer es in die Hand nimmt, der kann sich ihm nicht entziehen. Der Fokus Baers liegt auf den Menschen, die zum Ende des zweiten Weltkriegs und vorher geboren sind.

Sie sind, wie es Baer eindrücklich berichtet, oft durch Fluchterfahrungen, Kriegserlebnisse und Grenzverletzungen ihnen gegenüber traumatisiert. Vielen ist es über Jahre und Jahrzehnte gelungen, diese Erfahrungen zu verdrängen. Mit der schwindenden kognitiven Leistungsfähigkeit drängen die Erfahrungen an die persönliche Oberfläche und sind natürlich wenig bis gar nicht mehr zu handhaben. Dies führt hier und dort zu herausforderndem Verhalten, auf jeden Fall zur einen oder anderen psychiatrischen Symptomatik.

Baer gelingt es, viele persönliche Geschichten von Menschen zu erzählen, die in frühen Jahren traumatisiert worden sind und deren dunkler Flecken mit einer aufkommenden dementiellen Veränderung immer mehr in den Vordergrund drängt. Baer will beschreiben, „wie sich kriegstraumatische Erfahrungen im heutigen Fühlen, Verhalten und Leiden zeigen“ (S. 10). In der Begleitung und Pflege betroffener Menschen daheim oder in der stationären Versorgung ist sicher viele Jahre kaum Beachtung geschenkt worden. Mit dem Baer-Buch wird offensichtlich, wie die Biographie von Menschen bestimmte Lebensskripte geschrieben und geprägt hat.

Spätestens nach der Lektüre des Buchs muss sich die Begleitung und Versorgung weniger funktional als vielmehr am Individuum orientiert stattfinden muss. Betroffene Menschen sind von Erlebnissen und Erfahrungen berührt. Leserinnen und Leser sind es nach der Lektüre. Wenn Baer betont, dass das ausbleibende Erinnern an die dunklen Erfahrungen eines Lebens eine Gnade sei, so kommt Demut auf. Es sei ein „Selbstschutzprogramm des menschlichen Organismus“ (S. 30).

Ein Schutzprogramm für die Betroffenen könne auch sein, dass Angehörige oder professionell Pflegende bei der Begleitung aufmerksam und wachsam sind. Ihnen wird in Baers Buch im Grunde nahegelegt, dass sie auf viele Zwischentöne bei den Erzählungen der ihnen anvertrauten Menschen achten. Gleichzeitig gilt es, eine Sensibilität zu entwickeln, was in einer bestimmten Zeit signifikant gewesen sein muss.

So schreibt Baer eindrücklich: „Nicht vergessen darf man, wie die Menschen, die Krieg und Nachkriegszeit erlebten, erzogen worden waren. In der nationalsozialistischen Erziehung war Mitgefühl ein Fremdwort, um Härte und Tapferkeit ging es ebenso wie um Reinheit und Sauberkeit … „hart wie Kruppstahl“, das war die Losung. Der Schmerz wurde weggeschoben, als Selbstschutz gegen ein Leid, das zu groß war, um bewältigt werden zu können …“ (S. 72).

Baer macht deutlich, dass die Verbindung von Alter und Trauma Hilflosigkeit triggert. Wenn kriegstraumatisches Erleben durch Trigger geweckt werde, werde das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins verstärkt. Die Menschen reagierten mit Panik und Aggressivität, erstarrten oder versuchten, wegzulaufen.

Traumatische Erfahrungen hinterlassen Spuren bei Menschen. Dieses Buch macht auch einen tiefen Eindruck. Und zeigt, dass Menschen immer aus der Zeit heraus zu verstehen sind, in der sie leben bzw. gelebt haben.

Udo Baer: Wo geht`s denn hier nach Königsberg? Wie im Alter nachwirken und was dagegen hilft, Semnos-Verlag, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-934-933-34-7, 119 Seiten, 11.95 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 70 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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