Palliativmediziner Matthias Thöns erhält den Deutschen Schmerzpreis – Einsatz gegen die Ökonomisierung wird gewürdigt.

Für sein Engagement in der Schmerz- und Palliativmedizin haben die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) und die Deutsche Schmerzliga e.V. (DSL) Dr. Matthias Thöns am 13.03.2021 mit dem Deutschen Schmerzpreis 2020 ausgezeichnet.

Der Preis wird seit 1986 jedes Jahr an Persönlichkeiten vergeben, die durch ihre wissenschaftliche Arbeit oder ihr öffentliches Wirken entscheidend zum Verständnis chronischer Schmerzen und der davon betroffenen Patienten beigetragen haben. Der wissenschaftliche Träger des Preises ist die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin, der Preis wird gemeinsam mit der Deutschen Schmerzliga verliehen. Thöns wurde einem breiten Publikum durch sein Buch „Patient ohne Verfügung. Das Geschäft am Lebensende“ sowie durch seine erfolgreiche Verfassungsbeschwerde gegen §217 des Strafgesetzbuches (StGB) zur „geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ bekannt. Dr. Matthias Thöns arbeitet als Palliativmediziner in Witten.

In seinem Buch „Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende“ berichtet Thöns von zahlreichen Fällen, in denen alte, schwerkranke Menschen intensivmedizinisch behandelt werden, obwohl kein Therapieerfolg mehr zu erwarten ist. Er kritisiert, dass in solchen Situationen häufig ökonomische Anreize im Vordergrund stehen, der Patientenwunsch hingegen missachtet werde. Sein Appell: „Wir müssen in den Ausbau der Palliativmedizin investieren, anstatt das Leiden alter Menschen durch Übertherapie qualvoll zu verlängern.“

Dieser Forderung entsprechend gründete Thöns bereits 2005 das Palliativnetz Bochum und fünf Jahre später das Palliativnetz Witten, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen in ihrer letzten Lebensphase zuhause gut zu umsorgen und dafür Medizin, Pflege und Hospizarbeit zusammenzubringen. „Als Palliativmediziner begleite ich zusammen mit meinem Team jährlich 400 Menschen bis zu ihrem Tod. Meine Aufgabe ist es, ihre Schmerzen und Beschwerden in hoffnungslosen Situationen so weit wie möglich zu lindern und ein Sterben in vertrauter Umgebung zu Hause zu ermöglichen“, so Thöns.

Im Wesentlichen wird somit der Einsatz gegen die Ökonomisierung gewürdigt. Pflegeprofessionel liegen die Ausführungen des Preisträgers vor:

  1. Ökonomisierung

Das Thema ist in Öffentlichkeit und Politik angekommen, ich habe namhafte Mitstreiter, erwähnt seien hier die Professoren Jonitz, Janssens, Ludwig und Borasio, also die Präsidenten von Berliner Ärztekammer, Intensivgesellschaft, Arzneimittelkommission und Europas führender Palliativarzt. Ganze Intensivkongresse widmen sich dem Thema, Sitzungen heißen: „Übertherapie- haben wir den Verstand verloren.“ Spahn hat das Thema aufgegriffen, dieses Jahr wird das Intensivgesetzt (Ipreg) scharfgeschaltet. Nun muss monatlich die Indikation einer Langzeitbeatmung überprüft werden. Man muss nur mal zur Kenntnis nehmen: In Deutschland werden 1500 Menschen über 90 Jahre teils in Kellern oder sogenannten Beatmungs-WGs langzeitbeatmet. Das ist in den meisten Fällen zum Fremdschämen, so sagt es auch der Präsident der Intensivmediziner, Prof. Janssens.

Viele namhafte Ärzte unterschrieben ein Manifest im Stern, in dem es etwa hieß: „Wir rufen Ärzte auf, sich nicht länger erpressen oder korrumpieren zu lassen.“

Widerstand gibt es leider von ganz oben, da sitzen leider nicht nur in Einzelfällen viele Profiteure des Systems. Und das spürt man.

Da bekomme ich letztes Jahr 6 Mahnbriefe zu Berufsvergehen. So darf ich mich z.B. nicht Arzt für Anästhesiologie nennen, sondern es hieße korrekt Facharzt für Anästhesiologie. Das ist je eher noch witzig, denn meine eigene Fachgesellschaft führt mich als Arzt für Anästhesiologie.

Wenn mir dann aber der Präsident meiner Landesärztekammer mitteilt, ich müsse bei Presse-Äußerungen „zwingend den Eindruck vermeiden, dass intensivmedizinische Behandlungen gegen den Patientenwillen durchgeführt würden“ verbunden mit der Androhung „berufsaufsichtsrechtlicher Schritte“, dann hört der Spaß auf. Artikel 5 Grundgesetz (Meinungsfreiheit) gilt auch für einen kritischen Arzt. Glauben Sie mir – meine Festplatte ist voll mit Gutachten wo Menschen über Wochen bis Monate durch Intensivmedizin gegen ihren Willen gequält werden- warum um Gottes Willen soll es ein Berufsvergehen sein, das öffentlich zu kritisieren, auch wenn doch klar ist, dass das niemals alle Ärzte betrifft? In meiner Berufsordnung steht: „Ärztinnen und Ärzte üben ihren Beruf nach ihrem Gewissen, den Geboten der ärztlichen Ethik und der Menschlichkeit aus.“ Dafür brenne ich.

  1. Sterbehilfe

Wir klagenden Palliativmediziner hatten eigentlich nur die desolaten Palliativfälle im Kopf, nun hat das Verfassungsgericht eine sehr liberale Lösung angemahnt – ohne Begrenzung auf schwere Krankheit. Das hat uns alle überrascht. Trotzdem ist es ein gutes Urteil: Es schütz Leben aber eben auch Selbstbestimmung – das steht 119 Mal in dem Urteil. Sicherzustellen ist Nachhaltigkeit und Festigkeit des Wunsches, Pression von Außen oder Krankheit darf den freien Willen nicht beeinflussen. Und dazu mal ein Wort an die konservative Mannschaft, die immer die 21jährige mit Liebeskummer zitiert. Wir alle können uns vorstellen, dass ein Mensch bei Liebeskummer extrem verzweifelt ist. Ich ganz besonders. Doch wir können uns auch gut vorstellen, dass sich die Umstände wieder ändern. Das kann sich auch ein Richter vorstellen, der wird das fehlende Nachhaltigkeit nennen.

Ich wünsche mir, dass die Ärzteschaft sich nicht verweigert und Leitlinien oder Handreichungen zumindest für kritisch kranke Menschen erstellt.

  1. Palliativmedizin

Mit ganz vielen tollen Kollegen habe ich seit 2005 einen ziemlich erbitterten Kampf mit den Krankenkassen geführt, die hielten Palliativmedizin nämlich für eine so ehrenwerte Arbeit, dass man sie gleich im Ehrenamt machen kann. Wir haben Monate mit der AOK gerungen um dann eine Tagespauschale von 2 € pro Patient und Tag als Angebot zu bekommen. Es war ein harter Weg mit Presse und Sozialgerichten, Vernunft in den Vertrag zu bringen. Es ist eine schöne Geschichte, dass nicht nur der Vertrag eine Erfolgsgeschichte ist, mit dem Verhandlungsgegner Dr. Geck fühle ich mich heute freundschaftlich verbunden – er hört heute zu.

Ich platze vor Stolz dass das einstige Früchtchen, was ich u.a. mit Prof. Zenz gründete, das Palliativnetz Bochum mittlerweile jeden 2. Sterbenden in Bochum palliativ betreut. Das gibt es in keiner anderen Großstadt. Das liegt auch an fairem Lohn – Ehrenamt kann man nicht auf Dauer fordern.

Meine Vision ist es, dass wir Palliativmedizin nicht erst am 18. Tag vor dem Tod anbieten, sondern gleich bei Diagnose einer unheilbaren lebensbegrenzenden Erkrankung. Das ist die beste Waffe gegen den Ökonomisierungswahn am Lebensende– wir zeigen früh Behandlungsalternativen.

Und ich brenne dafür Menschen am Lebensende gut zu versorgen, ihnen Angst und Beschwerden zu nehmen und ihren Willen am Lebensende zu respektieren.

…Dazu schrieb mir ein junger Witwer auf meine Einladung zur Preisverleihung heute.

Lieber Matthias,

Du hast es geschafft uns noch 5 intensive Monate oder mit Deinen Worten „uns eine geile Zeit zu schenken“…

Du hast es geschafft, Heike die Angst vor dem Sterben zu nehmen, da sie wusste, dass du es verstehst Ihr eine gute Reise in eine andere Welt zu ermöglichen….

Du machst Mut und Hoffnung und bleibst immer bei der Realität. Du beschönigst nichts und trotzdem hat Heike gewusst das am Ende alles gut geht, auch wenn das Ende der Tod ist.

In unendlicher Dankbarkeit

Sascha

 

 

Autor:in

  • markus

    Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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