„Opfer muss einen gerechten Preis haben“

Im Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Wiebicke zum „Sinnsucher-Podcast“

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Auf den ersten Blick wirken Pfarrer Franz Meurer und der Journalist Jürgen Wiebicke wie ein ungleiches Paar. Franz Meurer ist den Menschen in Köln als Armen-Pfarrer bekannt, der hemdsärmelig dort zu helfen versucht, wo es nötig ist. Jürgen Wiebicke ist Philosoph, moderiert im Westdeutschen Rundfunk eine philosophische Sendung, die oft mit den Worten beendet wird: „Grübeln Sie nicht zu viel.“ Die Corona-Pandemie hat Meurer und Wiebicke zum Sinnsucher-Podcast motiviert, in dem sie nun jeden Tag 30 Minuten lang Fragen diskutieren, die Menschen gegenwärtig in der freiwilligen Quarantäne beschäftigen wird. Aus dem Rückzugort im Pfarrhaus Sankt Elisabeth in Köln-Höhenberg heraus hat Jürgen Wiebicke mit Christoph Müller gesprochen.

Christoph Müller Herr Wiebicke, in der freiwilligen Isolierung beschäftigen Pfarrer Meurer und Sie existentielle Fragen. So haben Sie beide unter anderem über die unterschiedlichen Aspekte der Empathie gesprochen. Ist der Sinnsucher-Podcast ein Versuch, sich in die Gefühls-und Gedankenwelt der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen einzufühlen?

Jürgen Wiebicke Natürlich ist dies ein Weg, um sich mit den Menschen um uns herum zu solidarisieren. Pfarrer Meurer und ich haben natürlich die Vermutung, dass durch den gebremsten Alltag wegen der Korona-Pandemie für viele sichere Korsetts verlorengegangen sind. Die Tatsache, dass der Alltag durch die Arbeit, die Familie und vieles andere mehr eine Sicherheit gebende Struktur hat, ist durch die gesellschaftliche Häuslichkeit verlorengegangen. Menschen erleben plötzlich eine Einsamkeit, die sie durch die sonst gegebene Geschäftigkeit und Flüchtigkeit von Beziehungen nicht kennen. Andererseits muss beispielsweise das Gemeinsame ausgehalten werden, weil Familien seit Tagen und Wochen beieinander sind, aufeinander hocken.

Nachvollziehbar haben die Menschen ein Bedürfnis nach Halt, nach Stimmungen und Atmosphären. Durch den Lockdown, der in der Corona-Pandemie begründet ist, kommt es zu einem häufig unbekannten Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst. Die Fragen stellen sich neu. Wo finde ich meinen Halt? Welche Atmosphären schaffe ich um mich herum, um mich wohlzufühlen? Was stabilisiert meine Stimmung, wo ich das subjektive Gefühl habe, dass vieles wegbricht. Wenn wir im Sinnsucher-Podcast über Angst diskutieren, dann geschieht dies in dem Wissen darum, dass viele Menschen aktuell dunkle Gedanken haben und diese Gedanken uns auch anvertrauen.

Christoph Müller Nicht nur in der Ankündigung des Sinnsucher-Podcasts zeigt sich die Annäherung an Phänomene durch die Wahrnehmung der Polarität des Alltags. Sie stellen dem Tragischen das Komische gegenüber, das Dunkle dem Hellen. In den kenntnisreichen Disputen zeigt sich dies in gleicher Weise. Inwieweit wollen Sie für die Zeit nach Corona Perspektiven mit dem Sinnsucher-Podcast entwickeln?

Jürgen Wiebicke An diesem Punkte bin ich, sind wir noch nicht. Es gibt doch den Eulensatz von Hegel, der darauf aufmerksam macht, dass die Eule erst in der Dämmerung zu fliegen beginnt. Dies bedeutet, dass wir erst im Rückblick auf Erlebtes, Geschehenes und viele Phänomene schauen können. Die Vernunft bezieht sich auf das, was bereits vorbei ist. Ich kann nicht voraussagen, was nach Corona sein wird. So würde der Eule der Hahn gegenüberstehen, der am frühen Morgen agiert und auf den Tag hinausschaut.

Gegenwärtig haben wir mit dem Wahrnehmen und dem Schauen auf das Gegenwärtige genug zu tun. Konkrete Situationen fordern uns heraus, die jetzt stattfinden. Dabei machen wir die Erfahrung, dass wir nicht in Sicherheit sind. Wir haben uns viele Jahre und Jahrzehnte in dem Gefühl wohlgefühlt, dass es uns gut geht. Mit der Corona-Erfahrung und dem Lockdown ist jedoch alles offen. Wir müssen hinnehmen, dass wir einen Kontrollverlust erleben. Wir haben bei diesem Virus nichts in der Hand, was passiert. Wir sind den Fügungen ausgesetzt.

Wir sind gefordert, uns zur Gegenwart zu positionieren. Dies kann uns nur gelingen, wenn wir mentale Techniken entwickeln, um mit der einschneidenden Erfahrung zurechtzukommen. Oder anders gesagt: Wir müssen erwachsen klären, wie wir mit der existentiellen Erfahrung klarkommen. Dabei ist jede und jeder Einzelne herausgefordert.

Christoph Müller Herr Wiebicke, Sie haben den Satz gesagt: „Wir haben jetzt in dieser Situation den Zwang uns selber anschauen zu müssen, um uns zu positionieren.“ Was meinen Sie konkret mit dieser Aussage?

Jürgen Wiebicke Wenn das Korsett des Alltags mit seiner Routine und seinen Strukturen wegfällt, dann merke ich an mir selbst, aber auch andere merken, dass ich bzw. wir anders sind. Schließlich passen wir uns an die äußeren Gegebenheiten an. Wir haben dann die Gelegenheit, uns besser kennenzulernen.

Als Pflegende kennen Sie die Erfahrungen, dass schwere Erkrankungen und seelische Zusammenbrüche dazu führen, dass Menschen die eigenen Bedürfnisse besser kennenlernen. Wenn ich mit einem einschneidenden Leiden aus der Bahn geworfen werde, überlege ich, was mir gut tut. Und ich erprobe gleichzeitig diese Ideen. Im Endergebnis gehe ich als Gewinner aus einer solchen Situation heraus, weil ich aufmerksamer mit mir umgehe. Deshalb irritiert der Satz nicht, den ich schon oft gehört habe: „Das Beste, was mir passieren konnte, war mein Herzinfarkt.“

Christoph Müller Die Corona-Pandemie nimmt dem Alltag Flüchtigkeit und Geschwindigkeit. Mit dem Sinnsucher-Podcast haben Sie und Pfarrer Meurer sich in die Ruhe und Geborgenheit eines Pfarrhauses zurückgezogen. Was kann denn für einen zeitgenössischen Menschen, der derzeit leidet (ob seelisch oder körperlich), Raststätte sein?

Jürgen Wiebicke Menschen sind bekanntlich ganz unterschiedlich in dem, bei dem sie Ablenkung und Zerstreuung finden. Es gibt Menschen, die gerne in die Natur gehen. Andere finden Erholung in einem Konzert. Wieder andere haben großen Spaß, durch ein Museum zu spazieren. In Corona-Zeiten müssen wir diese individuellen Techniken vertiefen. Oder anders gesagt: die Kontemplation neu lernen. In schwierigen Zeiten ist es die Frage, was mir hilft, damit ich für mich sorgen kann. Wenn ich nicht merke oder merken will, dass dies notwendend ist, stehe ich ganz schnell am Abgrund.

Christoph Müller Angst ist für Pfarrer Meurer und Sie, lieber Herr Wiebicke, ein bedeutendes alltägliches Gefühl. Die Menschen haben in der Zeit der Pandemie die Angst, dass nachher nichts mehr sein wird wie bisher. Damit gehen Sicherheit und Halt verloren. Inwieweit können Seelsorge und Philosophie als ein Moment der Lebenskunst helfen, dass Menschen diese Haltlosigkeit nicht empfinden?

Jürgen Wiebicke In der Philosophie gibt es eine Vielzahl von Strängen, die sich mit dem Trost beschäftigen. Dies führt ganz automatisch für den Einzelnen zu Irritationen. Irritationen führen dazu, dass ich mich von bisherigen Überzeugungen verabschieden muss. Die Philosophie wirft durch die Irritationen mehr Fragen auf als dass sie Antworten gibt.

Was ist denn dann die Aufgabe der Philosophie? Sie gibt die Chance, sich in Distanz zur eigenen Person zu bringen. Sie schafft uns neue Perspektiven, um auf unseren Alltag, auf unser Leben mit neuen Perspektiven zu schauen. Dies ist nun die Aussicht, die Corona für uns alle geschaffen hat.

Christoph Müller Für Pflegende in den unterschiedlichen Versorgungssettings stellt sich die Theodizee-Frage (Wie kann Gott das Böse und Traurige zulassen?). In der Zeit der Corona-Pandemie stellt sich die Frage sicher potenziert. Was können aus Ihrer Sicht Pflegende tun, um dem Anspruch der Selbstsorge gerecht zu werden?

Jürgen Wiebicke Pflegerisches Arbeiten ist aus meiner Sicht vor allem eine soziale Frage. Sie alle tun einen gesellschaftlich unverzichtbaren Dienst. Auf diesen wichtigen Dienst müssen wir anders schauen und eine andere Wertschätzung zeigen. Für Pflegende muss es darum gehen, selbstbewusst und ja auch rebellisch zu sein. Denn wenn der pflegerische Dienst ein Opfer ist, so muss dafür auch ein gerechter Preis gezahlt werden.

In krisenhaften Zeiten fällt es mehr auf, dass es persönliche Entscheidungen gibt. So muss sich im Kontext pflegerischer oder psychosozialer Berufe jeder und jede entscheiden, ob er ein Fall oder eine Betreuerin ist. Wer pflegerisch arbeitet, will Betreuer sein. Diese Rolle gilt es dann auch zufrieden und überzeugend anzunehmen. Krisen werden überstanden, wenn ich ein Ethos habe, einen anderen zu retten. Die Krise führt auch zu einer Neusortierung. Wenn der Wind bläst, so kann ich zwischen Heulen oder Verantwortung übernehmen auswählen. Pflegende haben sich in der Regel für das Übernehmen von Verantwortung entschieden. Darüber gilt es dann auch sich ganz persönlich Rechenschaft abzulegen.

Christoph Müller Welchen „Virus“ der Nachdenklichkeit wünschen Sie den Menschen in den gegenwärtigen dunklen Zeiten für die Zeiten, wenn es uns wieder besser gehen wird?

Jürgen Wiebicke Auch in dunklen und schwierigen Zeiten muss ich auf die Gewinne schauen, die erwachsen sind. Natürlich weniger in einem ökonomischen Sinne. Aus diesem stolzen Blick auf die Gewinne schöpfen Sie dann auch die Motivation.

Christoph Müller Herzlichen Dank, Herr Wiebicke, für das gemeinsame Grübeln.

Gönnen Sie sich das Vergnügen und hören Sie in den Sinnsucher-Podcast. Sie werden es nicht bereuen:

https://www.sinnsucher-podcast.de/

 

Die Bücher, um die es auch geht

Jürgen Wiebicke: Zehn Regeln für Demokratie-Retter, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, ISBN 978-3-346205-071-4, 112 Seiten, 5 Euro.

Jürgen Wiebicke: Zu Fuß durch ein nervöses Land – Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, ISBN 978-3-46204-950-3, 336 Seiten, 19.90 Euro.

Jürgen Wiebicke: Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, ISBN 978-3-46204-584-0, 240 Seiten, 14.99 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 189 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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