Normal, gestört, verrückt – Über die Besonderheit psychiatrischer Diagnosen

„Amüsierend und erkenntnisreich“

Es wundert niemanden, dass von Zeit zu Zeit über Diagnosen in der psychiatrischen Versorgung nachgedacht wird. Die Erfahrung zeigt, dass gerade psychiatrische Diagnosen eine gewisse Flüchtigkeit erleben. Der Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider nennt es eine Geschichtlichkeit.

Mit dem Buch „Normal, gestört, verrückt“ wagt Schneider einen amüsierenden wie Erkenntnis gebenden Gang durch die Welt der psychiatrischen Diagnosen. Jene psychiatrischen Diagnosen seien nicht mit somatischen Diagnosen, die nach dem Prinzip funktionierten: Krankheit – Name – Therapie. Psychiatrische Diagnosen könnten nicht durch Laborwerte, genetische oder neurologische Befunde dingfest gemacht werden.

Für den psychiatrischen Praktiker erscheinen diese Feststellungen natürlich nicht als Neuigkeit, geschweige denn als Besonderheit. Schneider rückt mit seinem Buch quasi die Möbel zurecht, wenn er über die soziale Konstruktion der Diagnosen schreibt. So veranschaulicht er beispielsweise, dass eine soziale Phobie auch als Schüchternheit beschrieben werden könne. Bei dieser Beschreibung stelle sie keine Krankheit mehr dar und werde letztendlich zu einem Gefühl, „nicht gerne in Gegenwart fremder Menschen zu sein“ (S. 16).

Das Sinnieren über die soziale Konstruktion psychiatrischer Diagnosen bewegt Schneider zu einer deutlichen Feststellung: „Psychiatrische Diagnosen kommen nicht im Zuge eines Fortschritts medizinischer Forschung auf die Welt, sondern durch ein pragmatisches Kalkül sinnvollerer Kategorisierung, die den beobachteten, neu auftauchenden Formen psychischen Missbefindens und pathologisch anmutender Verhaltensweisen eher Rechnung zu tragen und für die Behandlung psychischer Störungen besser geeignet zu sein scheinen als die bisherige Systematisierung“ (S. 17).

Es stellt sich bei der Lektüre die Frage, was Schneider mit der Relativierung der Rolle von Diagnosen erreichen will. Als psychiatrischer Praktiker kommt unter anderem der Gedanke auf, dass somit auch das medizinische Primat ins Wanken gerät. Nachvollziehbar erscheint dies. Auch wenn die Wirksamkeit psychotherapeutischer oder pflegerischer Interventionen quantitativ nicht beschrieben werden kann, so deutet sich an, dass die qualitativen Impulse nicht-medizinischer Anstöße in den Blick kommen sollten.

Schneider schreibt über die „Therapie und Heilung der Homosexualität“, das „Pillen schlucken“, die „gesellschaftliche Konstruktion von Psychopharmaka“ sowie den „Aufstieg und Niedergang der Psychoanalyse in der Psychiatrie“. Es bewegen viele Betrachtungen Schneiders, regen gar zu Ideen an, die erst einmal nicht zum Credo eines psychiatrischen Praktikers zu passen scheinen. Schneider stellt fest, dass sich die Neurologisierung der Psychoanalyse „nicht etwa einer nachgewiesenen therapeutischen Schwäche der Psychoanalyse, sondern einer Krise ihrer Beweisformen“ verdanke.

Sich der Begrenztheit des eigenen beruflichen Handelns zu vergewissern hat sicher zur Folge, dass die Verantwortung für die Genesung und Gesundung einer seelischen Angeschlagenheit auf die Betroffenen zurückgeworfen wird. So rücken helfende Menschen aus der Rolle des Heilers in die Rolle des Impulsgebers. Die Gelassenheit muss sich jemand, der mit seelisch angeschlagenen Menschen arbeitet, erst einmal erarbeitet haben. Dann gelingt es auch, mit einem Augenzwinkern auf das therapeutische Geschehen zu schauen.

Peter Schneider: Normal, gestört, verrückt – Über die Besonderheit psychiatrischer Diagnosen, Schattauer-Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-40031-1, 194 Seiten, 20 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 216 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen