Nicht nur Schwarz-Weiß-Fotografien

Wer auf das Buch über den regional vernetzten Krankenmord in der Pfalz aufmerksam wird, der liest über den Begriff der Vernetzung hinweg. Je tiefer derjenige sich in die Beiträge des Sammelbandes eingräbt, desto kräftiger muss er sich die Augen reiben. Denn der Terminus Vernetzung hat für viele psychisch erkrankte und geistig behinderte Menschen im Südwesten Deutschlands zum Tode geführt. Oder wie es der Medizin-Historiker und Herausgeber des Bandes, Georg Lilienthal, in seiner Einleitung schreibt: „Nur so konnte die T 4 ein arbeitsteiliges, personalsparendes, auf hohe Effizienz ausgelegtes und industriell organisiertes Vernichtungssystem aufbauen. Ohne das Mitwirken der Personen und Institutionen des KDF-und T 4 – Netzwerkes hätte der Krankenmord nicht durchgeführt werden können“ (S. 22).

Unter die Haut gehen die zahlreichen Beiträge des Buchs, das den Fokus stark auf das Schicksal deportierter seelisch erkrankter und geistig behinderter Menschen in der Südpfalz legt. Man könnte meinen, dass sich dort vieles wiederfindet, was andernorts auch historisch aufgearbeitet wurde. Diesen Fehlschluss sollte der Leser jedoch nicht wagen. Der Historiker Roland Paul äußert sich „zum Schicksal jüdischer Patient*innen aus der Pfalz“: „Vor 1933 hatte man in der Heil-und Pflegeanstalt Klingenmünster Patient*innen jüdischer Herkunft nicht anders behandelt als alle anderen Kranken“ (S. 45). Eine Woche nach dem Novemberpogrom 1938 ist seitens der Klinikleitung in einem Brief die Entfernung der jüdischen Patientinnen und Patienten vorgeschlagen worden.

Einen breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit den Angehörigen psychisch erkrankter Menschen im Kontext der nationalsozialistischen Krankenmorde ein. Der Soziologe Christian Zechert, selbst engagiert in der Angehörigen-Bewegung der Gegenwart, blickt auf einen Konflikt organisierter Angehöriger mit dem Journalisten Götz Aly zurück. In seinem 2012 erschienenen Buch „Die Belasteten“ schreibt Aly von einem Desinteresse damaliger Angehöriger an dem Überleben ihrer erkrankten und behinderten Familienmitglieder. Bei einer Feierstunde im Januar 2016 wiederholte Aly vor Mitgliedern des rheinland-pfälzischen Landtags diese Position. Für Zechert ist diese Stellungnahme eine „publizistische Inszenierung“ (S. 190). Aly sei es nicht „in erster Linie um wissenschaftliche Aufklärung über die Situation der betroffenen Familien und ihr Verhältnis zu der damaligen kustodialen Psychiatrie in der NS-Zeit“ gegangen (S. 190).

Die Kulturanthropologin Julia Gilfert schreibt über die NS-Euthanasie und innerfamiliäre Verstrickungen. Die 1990 geborene Frau hätte sicher die Geschichte der eigenen Familie ruhen lassen können. Doch zeigt gerade sie in dem Band, wie notwendig Erinnerungsarbeit ist. Gilfert schreibt: „Wir können den Menschen, die unter dem Nationalsozialismus litten und durch seine Akteur*innen umkamen, die ihnen genommenen Lebensjahre nicht zurückgeben. Was wir aber tun können, ist, ihnen ein Stück ihrer Würde zurückzugeben“ (S. 202). Diese Menschen seien nicht nur Schwarz-Weiß-Fotografien gewesen. Die Bilder könnten einem wieder so nahe wie möglich kommen.

Die Lektüre des Tagungsbandes bewegt einen. Was geschildert wird, dies muss für die Gegenwart von Bedeutung sein. Schließlich haben sich Fragen von Würde und Humanität nicht bloß in der Vergangenheit gestellt. Solche Fragen waren, sind und werden es bleiben: aktuell.

Maike Rotzoll / Georg Lilienthal / Christof Beyer / Andreas Dietz / Michael Brünger (Hrsg.): Der regional vernetzte Krankenmord – Die Heil-und Pflegeanstalt Klingenmünster / Pfalz in Verbindung mit Baden, Bayern, Elsass und Lothringen, Psychiatrie Verlag, Köln 2018, ISBN 978-3-88414-693-4, 219 Seiten, 25 Euro.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 42 Artikel
psychiatrisch Pflegender, Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag), Fachautor

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