„Nicht mit uns! Es ist UNSER Gesundheitssystem!“

England geht auf die Straße

Ein neuer Weg im britischen Gesundheitswesen kündigt sich an. Milliarden werden in den nächsten Jahren eingespart. Tausende Anstellungen wurden gestrichen, Ausbildungsgelder gekürzt und es ist von Privatisierung die Rede.

Die weiteren Kürzungen wirken wie ein Todesurteil des Gesundheitssystems…

Vier von fünf Krankenhäuser gelten bereits als „unsicher versorgt“, bei einigen spricht man sogar von „Status lebensgefährlich“. In den Nachtdiensten gehen die Krankenschwestern mit Kerzen ihren Rundgang, da die Beleuchtung der Betten (und teilweise der Zimmer) komplett ausgefallen ist. Die Patientenglocken wurden durch Hand- oder Türklingeln ersetzt, die Rufanlagen sind schon seit langer Zeit defekt. Große Verschiebungen oder Absagen beim OP Plan stehen an der Tagesordnung, denn die meisten Krankenhäuser haben kaum Hebammen, NotfallmedizinerInnen oder Krankenpflegepersonal. Am Wochenende gibt es durch den Personalmangel nahezu keine passende Betreuung. Die Notfallambulanzen gleichen einer Kriegsszenerie, die Ordinationen sind berstend voll.

Gangbetten werden in unseren Breitengraden als Problem angesehen. Doch in England ist man bereits eine Versorgungsstufe darunter. Mittlerweile liegt ein Teil der PatientInnen in Zelten vor den Versorgungseinrichtungen. Die Führungsebene diskutiert derzeit, ob man zwecks Imageaufwertung das Logo der NHS updaten soll, doch ist dies der richtige Weg? Hierzu hat man weit über 1000 Interviews und 28 öffentliche Workshops initiiert. Schließlich ist die öffentliche Meinung wichtig. Katherine Murphy vom Patientenverband meint hierzu:“ Das interessiert die PatientInnen überhaupt nicht und es wird auch nichts ändern. Die Bevölkerung will eine gute Versorgung und nicht irgendeinen Nonsense.“

Eine groß angelegte Studie zeigt, dass durch die Unterversorgung die Sterberate in der Bevölkerung stark angestiegen ist. Dies ist auch darauf zurück zu führen, dass auch bei der täglichen Versorgung älterer Generationen gespart wird. Hier wurde ein Budgetrückgang von 17% verzeichnet. (Quelle: Unity!)

Trotzdem will die Regierung bis 2020 weitere 20 Milliarden Pfund am Gesundheitssektor einsparen. Es muss beim Brexit ein 60 Milliarden-Polster erschaffen werden, da es ansonsten zu einem Fiasko werden könnte. Die ersten öffentlichen Krankenhäusern sollen privatisiert werden und bekamen hierzu im November einen 700 Millionen Zuschuss. Gültig natürlich nur für Privatpatienten. Was 1948 mit gemeinsamer Kraft entstanden ist und nur durch die Anstrengung dieser Generationen erschaffen wurde, soll nun a la U.S.A. eine Konzernangelegenheit werden.

…trotzdem gibt es Personalkürzungen….

Personell wurde in den letzten Jahren natürlich gekürzt. Im Team von Richard Burden, einem psychiatrischen Krankenpfleger, wurden vor kurzem 25 Arbeitsplätze gekürzt. Die PatientInnen sind dadurch nur noch bedingt betreut. Andrea English arbeitet im extramuralen Bereich. Sie berichtet von Kürzungen, bei denen ganze Bezirksbereiche nur noch bedingt versorgt werden, von den Krankenhausschließungen möchte sie gar nicht sprechen. Laut einiger Berichten wurden bereits 15.000 Arbeitsplätze im Gesundheits- und Sozialbereich eingespart. Angeblich will man weitere 50% des Personals in diesem Bereich streichen.

Felix Ramos ein Demonstrant erzählt im Interiew: „Wir können unsere Bevölkerung nicht mehr adäquat versorgen.  Was soll das für ein Leben sein, wenn du nicht mehr gesund bist? Die Privatisierung der Einrichtungen trifft nicht die Menschen mit Geld, sondern die Hilfsbedürftigen, die sich dann eine Gesundheitsversorgung nicht mehr leisten können. Es trifft die normale Bevölkerung!“

…und weniger Ausbildungsplätze

Im Ausbildungsbudget für Krankenschwestern wurden in den letzten Jahren 650 Millionen eingespart. Dies führte zu einer Rekrutierungskrise die unbeschreiblich ist. Mittlerweile ist die AnwärterInnenanzahl um 10.000 Personen gesunken. 20.000 Ausbildungsplätze sind landesweit unbesetzt. Bei den Hebammen sieht es nicht anders aus. Will man diese Ausbildung beginnen, benötigt man ein Kapital von 100.000 Pfund. „Diese Menschen werden für ihre Ausbildung bis 2050 zahlen dürfen.“ meint das Royal College of Midwives.

„Jetzt ist genug“ meint die englische Bevölkerung….

Um diesen Unmut kundzutun gingen am 4.3.2017 über 250.000 Menschen auf die Straße. JEDE der Gesundheitsorganisationen waren mit großen Bannern und Transparenten vertreten. Menschen, welche zu krank zum Mitmarschieren waren, bombardierten die sozialen Medien mit Unterstützungsschreiben und Protesten. Ärzteschaft, Hebammen, Krankenpflegepersonal, SozialarbeiterInnen und RettungssanitäterInnen gingen gemeinsam auf die Straße…

…und das Volk mit ihnen.

Man hört sie schreien, Kampfgesänge anstimmen und mit einer großen Botschaft in Richtung Parlament ziehen: „Es ist UNSER Gesundheitssystem !“. Laut Polizei kam es zu keiner einzigen Ausschreitung oder Verhaftung. Doch die Emotionen der Menschen war eindeutig auf „Wut“ und „Verzweiflung“ gestellt. Doch dies war nicht die einzige Botschaft, die man in den Reihen der Menschen lesen konnte!

„Wir haben großartige KollegInnen mit einem Migrationshintergrund. Sie sind schon seit Ewigkeiten in unserem Land und haben sich wunderbar eingegliedert. Wir sind jetzt schon zu wenige. Wenn man dann noch diese tollen Menschen nimmt, dann können wir unser System gar nicht mehr aufrecht erhalten. Warum auch? Sie leben hier schon so lange! Es ist mittlerweile auch ihre Heimat.“, erzählen uns einige der DemonstrantInnen. „Wir WOLLEN einfach nicht, dass sie gehen.“

Ob und wie die englische Regierung darauf reagieren wird? Wir können darauf gespannt sein. Eines ist aber sicher. England hat uns gezeigt, wie ein Protest FÜR das Gesundheitssystem auszusehen hat: Vereint, berufsübergreifend und Hand in Hand mit den betroffenen Personen.

Autor:in

  • Studiengangsleiter "GuK" IMC FH Krems, Institutsleiter Institut "Pflegewissenschaft", Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegewissenschaft BScN (Umit/Wien), Pflegewissenschaft MScN (Umit/Hall)

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