Nicht mehr ich – Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau

„Tiefe Wunden in Körper und Seele“

„Unglaublich …“, „Unfassbar …“ und „Ungehörig …“ – dies sind Reaktionen, die einem spontan über die Lippen gehen, während man das Buch „Nicht mehr ich“ liest. In diesem Buch erzählt die Autorin Doris Wagner eine Geschichte, die sie selbst erlebt hat. In jungen Jahren ist sie in eine katholische Ordensgemeinschaft eingetreten, die als fundamentalistisch bezeichnet werden kann. Es ist ein Bericht, wie sie quasi in einen menschlichen Abgrund zu fallen drohte und sich sprichwörtlich mit einem reißgefährdeten Tau wieder aus dem Grauen befreien konnte.

Doris Wagner schafft es, dass die Leser_innen mit ihr die Wege durch die Niederlassungen der Ordensgemeinschaft gehen. Sie beschreibt mit einer Liebe zum Detail die Interaktionen in der klösterlichen Gemeinschaft, schildert immer wieder, was sie emotional dabei empfunden hat. Leser_innen solidarisieren sich ganz nachvollziehbar mit der jungen Ordensfrau, die natürlich auch nach Orientierung gesucht und nicht gefunden hat.

Aus der Distanz kann Wagner auf den Punkt bringen, was die geistlichen Gemeinschaften auszeichnet: „Sie strahlen Begeisterung und Jugendlichkeit aus … Dabei verfolgten sie Ideologien, die alle Merkmale einer Sekte aufwiesen: unbedingter Gehorsam, radikale Relativierung des Einzelnen und seiner Bedürfnisse, Idealisierung der Oberen, Verteufelung von allem, was nicht aus der Gemeinschaft kommt, extreme Askese und unermüdliches Arbeiten. Von den Mitgliedern wird die absolute Identifikation mit der eigenen Gemeinschaft … verlangt sowie die totale Selbstaufopferung“ S. 328).

Im Lichte der Missbrauchsskandale in den christlichen Kirchen erscheinen die Erfahrungen Wagners in einem besonderen Licht. Es stellt sich die Frage, inwieweit das Missverstehen von Macht im Umgang mit Menschen und das gewollte Missachten persönlicher Grenzen, das mit einzelnen Leidensgeschichten offensichtlich wird, für ein ganzes System steht. Idealistische Lebens-und Glaubensziele werden formuliert, um die Gunst von Menschen zu gewinnen. Zeigt sich der Faktor Mensch, so werden Fakten tabuisiert, verdrängt oder als Münchhausen-Geschichten verunglimpft.

Wagners Buch zeigt, welch tiefe Wunden in Körper, vor allem auch die Seelen betroffener Menschen geschnitten werden. Da ist eine wachsende Entfremdung, die auch Wagner während des Studiums der Philosophie und Theologie in Freiburg erlebte, nur ein Symptom eines fortschreitenden Prozesses. Eindrücklich schildert Wagner, wie sie erkrankt ist und in einem Ordenshaus einer anderen Gemeinschaft diese Zeit erlebte. Sie freute sich über eine Zuwendung, die sie in den eigenen Reihen nicht erlebte: „Sie hatten täglich mehrmals nach mir gesehen, meine Bettwäsche gewechselt, mich nach Essenswünschen gefragt, mir nicht nur Medikamente gebracht, sondern sogar die Kommunion. In meiner eigenen Gemeinschaft dagegen lag ich auf meinem Zimmer wie ein unbrauchbares Werkzeug in der Rumpelkammer“ (S. 314).

Es erscheint nicht verständlich, dass sich Wagner über die Jahre in diesem System einer charismatischen Ordensgemeinschaft verstrickt und keine Rettungsanker gesehen hatte. Es stellt sich unter anderem die Frage, wieso sie die Lebenswege, die sie vor dem Eintritt in den Orden gegangen ist, so radikal hinter sich gelassen, geradezu vergessen hatte.

Wagners Buch „Nicht mehr ich“ ist nicht bloß eine Mahnung, sein Leben an eine Idee zu verlieren. Es ist vor allem eine Erinnerung daran, dass der Machtmissbrauch von Menschen keinen Raum haben darf.

 

Doris Wagner: Nicht mehr ich – Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau, Knaur-Verlag, München 2016, ISBN 978-3-426-78792-2, 335 Seiten, 9.99 Euro.

Autor:in

  • Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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