„Nicht immer den einfachen Weg wählen“

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Sie haben sicher die Klagen auch oft gehört. Die Corona-Pandemie gibt uns keine Gelegenheit, einander zu begegnen. Die Lockdown-Bedingungen in den unterschiedlichen Nationen, Bundesländern und Kantonen erschweren dies. Es erscheint nahezu unmöglich, dass wir nationale Grenzen überschreiten können. Dort, wo sich Menschen in existentiellen Situationen begegnen, verhindern die chirurgischen sowie die FFP 2-Masken, dass Begegnungen als Normalität erlebt werden.

Was passiert stattdessen? In der psychiatrischen und psychotherapeutischen Begleitung setzen die professionell Tätigen zunehmend auf Online-Formate oder telefonieren ganz einfach mit hilfesuchenden Menschen. Dies verändert die Beziehungen zwischen Menschen. Therapeutische Sitzungen werden häufig als Situationen beschrieben, die als künstlich erlebt werden. Quasi am grünen Tisch werden schwierige Erfahrungen und Erlebnisse besprochen. Hilfesuchende Menschen werden auf Erprobungsmomente im Alltag vorbereitet. Die Erprobungsmomente an sich müssen sie selbst erarbeiten.

Nun gibt die Therapie-Stunde vor Ort die Chance, dass unmittelbare Reaktionen auf konkrete Anregungen wahrgenommen werden können. Helfende und hilfesuchende Menschen haben neben dem verbalen Austausch die Gelegenheit, über die Gestik und die Mimik miteinander zu kommunizieren. Dies ermöglicht es auch, dass Provokationen und Ironie ursprünglicher erkannt werden und so die Gesprächsfäden an der einen oder anderen Stelle weiter knüpfen.

Es ist unter anderem der Philosoph Martin Buber gewesen, der den Wert der Begegnung zwischen dem Ich und dem Du betont. Nach Buber bildet der Mensch seine Identität in der Relation zu dem ihn Umgebenden. Dieses Gegenüber könne menschlich oder auch dinglich sein. Auf jeden Fall gelingt dem Menschen die Abgrenzung des Ich von seiner Umwelt. Wenn wir in den pflegerischen Settings von Beziehung und Begegnung reden, so beziehen wir uns gerne direkt oder indirekt auf den jüdischen Denker Buber.

Jetzt stellt sich in der Gegenwart die Frage, ob die Digitalisierung von Unterstützungsangeboten dem gewünschten Anspruch gerecht werden kann. Gerade die Komplexität des Erlebens einer persönlichen Begegnung kann über den Telefonhörer oder die Videokonferenz nicht stattfinden. Auch die Authentizität (ein eigenartiges Wort) wird über elektronische Medien nur begrenzt erlebt. Und auch ansonsten verändern moderne Technik und soziale Netzwerke das Miteinander in der Gegenwart.

Zunehmend ist es erlebbar, dass sich Menschen beispielsweise per WhatsApp bei den Arbeitgeber_innen krank melden. Es wird darauf verzichtet, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und den Kontakt zu Kolleg_innen und Vorgesetzten zu suchen. Dies kann als unaufrichtig und unhöflich kritisiert werden. Viel schlimmer scheint es zu sein, dass in einer Zeit, in der nach Begegnung und Unmittelbarkeit gerufen wird, gleichzeitig eine Distanzierung davon vollzogen wird. Arbeitnehmer_innen stellen sich nicht mehr dem Kontakt, flüchten in die Flüchtigkeit eines sozialen Mediums. Damit sind Gefahren verbunden. Wer garantiert denn, dass die angeschriebenen Menschen rechtzeitig auf ihre Smartphones schauen?

Wir leben in einer Zeit der Widersprüchlichkeiten. Da macht es sicher kaum Sinn, die schnellen Lösungen zu leben. Nein, es hat sicher seinen Reiz, das eigene Handeln zu reflektieren und vielmehr auch das eigene Handeln in seiner Tiefgründigkeit anzuschauen. Phänomene sind dafür da, um ihren Charakter anzuschauen und nicht immer den einfachen Weg zu wählen.

Christoph Mueller
Über Christoph Mueller 293 Artikel
Christoph Müller, psychiatrisch Pflegender, Fachautor, Mitglied Team "Pflege Professionell", Redakteur "Psychiatrische Pflege" (Hogrefe-Verlag) cmueller@pflege-professionell.at

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